Der Kollege ist ein Spion

Jetzt nimmt die Spionage-Affäre eine skurrile Dimension an: NSA-Angestellte beschweren sich in einer hauseigenen Kolumne über interne Spitzel.

Der Chef lässt seine Angestellten bespitzeln: Überwachung am Arbeitsplatz. (Bild: Getty Images)

Der Chef lässt seine Angestellten bespitzeln: Überwachung am Arbeitsplatz. (Bild: Getty Images)

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Die Arbeit in der abgeschirmten Atmosphäre des elektronischen US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) kann so einfach nicht sein: Wie wir dank dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden wissen, gibt es fast nichts, was von den amerikanischen Spionen in Fort Meade nahe Washington nicht angezapft, abgehört, belauscht oder abgefangen wird. Über Interna zu plaudern oder über die Arbeit bei einem Glas Bier mit Freunden zu sprechen, ist NSA-Mitarbeitern aber streng verboten. Schliesslich ist alles geheim.

Als offenbar willkommenes Ventil für frustrierte oder ratlose Spione fungiert eine gewisse Frau Zelda. Laut einem geheimen Snowden-Dokument, das im neuen Onlinemagazin «The Intercept» des Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald veröffentlicht wurde, verfasst Frau Zelda eine Ratgeberkolumne für NSA-Angestellte. «Fragen Sie Frau Zelda!» ist nur im internen Netz des Dienstes zugänglich, jedoch höchst erfolgreich: Bis zu 20'000 Klicks erzielten einzelne Kolumnen. Mal beschweren sich die Spione über geklaute Getränke, mal über den unangenehmen Körpergeruch von Kollegen.

Arbeitskollegen als Spitzel für den Chef

Gleich in ihrer ersten Kolumne 2010 stellte sich Frau Zelda – hinter dem Namen könnte sich selbstverständlich auch ein Mann verbergen! – als «Abteilungsleiterin» vor, die seit rund 20 Jahren bei der NSA arbeite. Sie habe sich einen «Schriftstellernamen» zugelegt, «um eine Person zu schaffen, die einprägsamer und zugänglicher ist als etwa ‹Mary Smith, Chefin von S456›». Das Pseudonym verleihe ihr zudem eine geheimnisvolle Aura «und verhindert, dass ich Hassbriefe erhalte».

Die allererste Kolumne von Frau Zelda widmet sich Beschwerden über das verlotterte Auftreten der Spione am Arbeitsplatz. «Kurze Hosen und Flipflops» stünden den «grimmigen Kämpfern» der NSA nicht gut an, mahnt Frau Zelda. Immerhin arbeite man nicht für die «Nationale Schnorchelakademie», sondern für die NSA, witzelt sie.

Ironischerweise muss sich die NSA-Ratgeberin im September 2011 mit einem Ratsuchenden befassen, der sich über Ausspähung am Arbeitsplatz beklagt. «Zum Schweigen gebracht im Direktorat für Signalerfassung» wendet sich vertrauensvoll und anonym an Frau Zelda, weil sich der Vorgesetzte Kollegen als «Spitzel» halte. Er wolle so Aufschluss erhalten über die Konversationen der Mitarbeiter. Die Spione spionieren also untereinander!

Spionage zerstört das Vertrauen – «den Kern menschlicher Beziehungen»

«Er hat designierte Spitzel und erwartet, dass sie ihn über Tratsch auf dem Laufenden halten», schreibt die Rat suchende Person über den Chef. «Die Überwachung erzeugt Misstrauen bei den Leuten, die überwacht werden: Hört jemand zu? Wer sind die Spione unter uns? Welche Probleme könnte ich mir schaffen mit Dingen, die ich sage?» Derartige Fragen zerstörten «den Kern der menschlichen Beziehungen – das Vertrauen nämlich». Wer hätte so viel Empfindsamkeit bei den ausspionierten Spionen vermutet?

Frau Zelda jedenfalls ist mit Rat zur Stelle: «Lieber Zumschweigengebrachter» beginnt sie ihre Kolumne und räumt ein, das Verhalten des Vorgesetzten verleihe «dem Sammeln von Aufklärung eine völlig neue Bedeutung». Die NSA-Angestellten arbeiteten «in einer Behörde der Geheimnisse, aber diese Art von Geheimniskrämerei bringt nur mehr Geheimniskrämerei hervor und setzt damit eine Spirale nach unten in Gang, die Teamarbeit zerstört», schreibt Frau Zelda und rät, mit dem Chef über das Spitzelwesen zu sprechen, ohne ihn allerdings der «Spionage» zu bezichtigen. Lieber solle man sagen, dass die Abschöpfung der Kollegen Missmut erzeuge.

Ausserdem empfiehlt Frau Zelda, immer gute Arbeit zu leisten und aufzupassen, «was Sie sagen». Auch müsse der Computer beim Verlassen des Arbeitsplatzes stets abgeschlossen werden. «Und verstecken Sie jegliches Futter für Tratsch wie etwa Ihren Viagravorrat oder Fotos vom wilden Mädchenwochenende» im Zockerparadies Atlantic City, mahnt sie humorvoll. Wer zu Spitzeldiensten aufgefordert werde, solle dem Boss sagen, dass er oder sie «sich nicht komfortabel in dieser Rolle» fühle.

Denn Vertrauen, so Frau Zeldas Fazit, sei «nur schwer wieder aufzubauen, wenn es einmal gebrochen worden ist». In der Tat!

Erstellt: 11.03.2014, 11:46 Uhr

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