Der Rucksack des Anstosses

Drei Freunde des Bostoner Bombenlegers Dschochar Zarnajew sollen wegen Falschaussagen und Behinderung der Justiz bis zu 25 Jahre ins Gefängnis. Für die Verteidiger sind die jetzt verurteilten Jungs harmlose College-Kiffer.

Beweisstück der Anklage: Die Freunde Dias Kadyrbajew, Azamat Taschajakow, Robel Phillipos und Dschochar Zarnajew (v. l.).

Beweisstück der Anklage: Die Freunde Dias Kadyrbajew, Azamat Taschajakow, Robel Phillipos und Dschochar Zarnajew (v. l.).

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Alle drei sind schuldig, auch Robel Phillipos. Zwar behauptet niemand, dass der 20-Jährige in irgendeiner Weise am Bombenanschlag auf den Bostoner Stadtmarathon beteiligt war, bei dem im April 2013 drei Menschen starben und 260 teilweise schwer verletzt wurden. Auch war es nicht Phillipos, der den Rucksack des flüchtigen Dschochar Zarnajew aus dessen Studentenklause entfernte. Eigentlich hat der junge Mann nur Gras geraucht und ferngesehen.

Trotzdem fällte eine Bostoner Jury vor zwei Wochen einen Schuldspruch. Phillipos hatte gelogen. Mehrfach hat ihn das FBI verhört, und erst zum Schluss rückte er mit der Wahrheit heraus: Ja, er war mit den andern in Zarnajews Zimmer. Und ja, er wusste von diesem Rucksack. «Er log die Agenten an, wenn er doch hätte helfen können», sagte Staatsanwältin Carmen Ortiz. Es wird ihn teuer zu stehen kommen. Robel Phillipos drohen 16 Jahre Haft. Das Strafmass wird im Januar verkündet.

Vor Gericht ging es um den 18. April 2013. Drei Tage nach dem Bostoner Anschlag hatte das FBI Fotos der Brüder Zarnajew veröffentlicht und um Hinweise zur Identität der beiden gebeten. Phillipos erkannte den jüngeren, seinen Highschool-Freund Dschochar. Doch anstatt sich bei der Polizei zu melden, eilte er zum Studentenwohnheim, in dem Dschochar sich ein Zimmer geteilt hatte. Dort war er nicht der Erste, sondern traf auf Azamat Taschajakow und Dias Kadyr­bajew, zwei aus Kasachstan stammende Mitstudenten Zarnajews. Alle drei kannten sich, hatten sich öfter mit Dschochar in der Wohnung der Kasachen getroffen, meist um zu kiffen.

Auch der damals 19-jährige Kadyrbajew hatte Dschochar auf den Bildern der Polizei erkannt. Er schrieb seinem Freund eine SMS: «Im Ernst?» Dschochar beantwortete die Frage nicht, aber schrieb zurück: «Wenn du willst, kannst du in mein Zimmer gehen und mitnehmen, was du willst.» Am Ende der Nachricht war ein Smiley.

Von der Realität eingeholt

Die Zimmertür war zu. Phillipos und ­Taschajakow gingen erst einmal in ein anderes Zimmer, um Videogames zu spielen. Doch Kadyrbajew trieb den Mitbewohner auf und verschaffte sich Zugang. Die anderen stiessen wieder dazu. Kadyrbajew sichtete Dschochars Besitztümer während etwa 30 Minuten und nahm dann Folgendes mit: einen Laptop, einen Sack Marihuana, einen USB-Stick, einen Aschenbecher, eine Baseballmütze – und einen Rucksack, in dem aufgebrochene Feuerwerkskörper und ein halb leerer Topf Vaseline waren. Gemäss Zeugen vermutete Kadyrbajew damals schon, dass die Sachen beim Herstellen der Bombe gedient hatten.

Dann fuhren die drei in ein Taco-Bell-Schnellrestaurant, später ins Apartment der Kasachen. Kadyrbajew und Phillipos rauchten Marihuana; Phillipos’ Verteidigung argumentierte, ihr Mandant sei so bekifft gewesen, dass er nichts mehr mitbekommen habe. Taschajakow rauchte nicht mit; er galt als das brave Muttersöhnchen der Truppe. Einer nach dem andern dösten sie weg.

Anderntags holte sie die Realität ein. Das FBI hatte die noch immer flüchtigen Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew identifiziert. Die Freunde gerieten in Panik. Kadyrbajew beschloss, den Rucksack loszuwerden – er ging nach draussen und warf ihn in einen Abfallcontainer. Vor Gericht umstritten blieb, ob Phillipos realisierte, dass hier Beweise vernichtet werden sollten.

Am Abend wurde Dschochar gefasst, sein Bruder Tamerlan getötet. Die drei Freunde kamen bald in die Mangel der Polizei und schliesslich vor Gericht. Azamat Taschajakow, das Muttersöhnchen, war als Erster dran; er plädierte auf unschuldig. Doch eine Jury befand, der 21-Jährige habe die Justiz behindert und sich dafür mit anderen verschworen. Nun muss er mit 25 Jahren Gefängnis rechnen. Für die angereisten Eltern, die den Prozess mit Kopfhörerübersetzung verfolgten, schien eine Welt zusammenzubrechen. Taschajakows Landsmann Kadyrbajew scheint derweil leichter davonzukommen: Er hat sich schuldig bekannt, den Rucksack entfernt zu haben. Im Gegenzug empfiehlt die Staatsanwaltschaft eine Strafe von unter sieben Jahren.

Die gut vernetzte Mutter

Die Kasachen sitzen seit ihrer Festnahme in Haft, Robel Phillipos ist gegen Kaution freigekommen. Prozessbeobachter glauben, das liege auch an seiner Herkunft: Phillipos ist US-Bürger, in Massachussets aufgewachsen. Seine Mutter, ursprünglich aus Äthiopien, scheint gut vernetzt; vor Gericht tauchte der ehemalige Präsidentschaftskandidat Michael Dukakis auf und sprach sich für den jungen Mann aus. Die Zeitung «Bos-ton Globe» kommentiert, Robel habe «einen dummen Fehler» gemacht, wie ihn jeder Junge machen könne. Ob es wirklich nötig sei, die «volle Wucht des Gesetzes» auf ihn loszulassen. Die zwei Kasachen blieben praktisch unerwähnt.

Die blutigen Bostoner Anschläge haben die USA erschüttert. Die Justiz ist unter Druck, ein Exempel zu statuieren: Wer Terroristen hilft, darf keine Milde erwarten. Der Staat bemüht deshalb ein spezielles Gesetz, das nach der Aktenvernichtung im Fall Enron entstand und die Beseitigung von Beweismitteln hart bestraft. Das sorgt aber für Probleme: Am Obersten Gerichtshof wird derzeit der Fall eines Fischers aus Florida verhandelt, der Fische zurück ins Meer geworfen hat, um einer Busse zu entgehen. Auch ihn klagen die Behörden unter demselben Gesetz an. Der Fischer protestiert, Fische seien keine Beweismittel, da keine Informationsspeicher. Wenn ihm das Gericht recht gibt, wird dies Zarnajews Feuerwerkskörper in neuem Licht erscheinen lassen. Der Richter in Boston will abwarten und hat das Strafmass für die Kasachen verschoben. Das Fisch-urteil wird nächstes Jahr erwartet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2014, 23:43 Uhr

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