Der Shutdown bedroht Leben

Seit dem Shutdown in den USA nehmen viele Spitäler keine neuen Patienten mehr auf. Für rund 200 Krebskranke – darunter auch Kinder – geht es um Leben und Tod. Drei Schicksale.

«Ich habe meiner Tochter versprochen, dass ich sie nicht ohne Mutter aufwachsen lassen werde»: Die Krebspatientin Michelle Langbehn mit ihrer Tochter.

«Ich habe meiner Tochter versprochen, dass ich sie nicht ohne Mutter aufwachsen lassen werde»: Die Krebspatientin Michelle Langbehn mit ihrer Tochter. Bild: Reuters

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Seit einer Woche sorgt der Budgetstreit in den USA für Stillstand. Ausgetragen wird der Disput auf dem Rücken der Bevölkerung. Er kostet Tausende Touristen den Besuch von Attraktionen, rund 800'000 Menschen in der Verwaltung vorübergehend das Einkommen und einige vielleicht sogar das Leben.

200 Personen nimmt das National Institute of Health (NIH) normalerweise in der Woche neu auf, sagt Direktor Francis Collins gegenüber der «Washington Post». 30 davon seien Kinder, grösstenteils mit einem Krebsleiden. Seit dem 1. Oktober muss das NIH alle Anträge für Behandlungen zurückweisen. Laut dem Memo nimmt das Spital im Falle eines Shutdown keine neuen Patienten auf und initiiert keine neuen klinischen Studien. Dafür fehlen Geld und Mitarbeiter. Rund drei Viertel der Angestellten wurden in die Zwangsferien geschickt.

Zurzeit kümmern sich im NIH 2564 Mitarbeiter um die Patienten. Sie sind darum bemüht, dass das Institut seinen Betrieb zu 90 Prozent aufrechterhalten kann. Für bestehende Patienten ändert sich also wenig. Die Leidtragenden sind diejenigen, die noch nicht behandelt wurden. Im Fall des NIH ist dies prekär. Denn Menschen, die dort einen Antrag auf Behandlung stellen, leiden an sehr seltenen Krankheiten – meistens ist es Krebs. Auf den Rat ihres Arztes wenden sie sich an das NIH, weil dieser nicht mehr weiterweiss. Mit Spezialtherapien und Studien werden sie schliesslich behandelt. Die Erfolgsquote ist hoch.

Evaluierung auf Eis gelegt

Der gute Ruf des NIH gab Michelle Langbehn Hoffnung. Bei der 29-Jährigen wurde im April 2012 Weichteilkrebs im vierten Stadium diagnostiziert – eine Art von Krebs, die lediglich ein Prozent der Krebskranken trifft. Nach einer neunmonatigen erfolglosen Chemotherapie schaute sie sich mit ihrem Arzt nach anderen Behandlungsmöglichkeiten um. «Am 24. September telefonierte ich das erste Mal mit dem NIH», sagt sie gegenüber der «Washington Post». Am 30. September habe man ihr gesagt, ihre Dokumente seien alle eingegangen. Die Evaluierung müsse jedoch aufgrund des Shutdown auf Eis gelegt werden.

Nun wartet Michelle Langbehn hoffnungsvoll darauf, dass sich die Politiker in Washington auf ein Budget einigen. Derweil wächst der Tumor an ihrer Niere immer weiter, ohne dass die junge Frau etwas dagegen tun kann. Die Geschichte von Michelle ist besonders tragisch, weil sie kurz nach der Krebsdiagnose Mutter geworden ist. «Ich habe meiner Tochter versprochen, dass ich sie nicht ohne Mutter aufwachsen lassen werde», sagt sie der Zeitung.

«Gefühllos und leichtfertig»

Neben Müttern, die aufgrund des Shutdown um ihr Leben bangen, gibt es auch viele Kinder, deren Krebsbehandlungen nicht mehr aufgenommen werden. Eines davon ist Maddie Major, ein achtjähriges Mädchen aus Baltimore. Ihre Mutter Robyn Major erzählt die Geschichte ihrer Tochter gegenüber dem Lokalsender Baltimore CBS. Maddie leidet an Leukämie. In 90 Prozent der Fälle sei diese Art von Krebs heilbar, doch nicht bei ihrem Kind. Bereits viermal hat sich das Mädchen einer Chemotherapie unterzogen, und bereits viermal ist die Krankheit zurückgekehrt. Die fünfte Therapie kann sie zurzeit wegen des Shutdown nicht starten.

«Es hat mich komplett umgehauen, zu sehen, wie gefühllos und leichtfertig sie die Bevölkerung ausnutzen, um ihre Agenda zu pushen», sagt sie gegenüber dem Fernsehsender.

Programm gestoppt

Auch Leo Finn aus Cape Cod verpasst aufgrund des Shutdown möglicherweise seine letzte Chance, geheilt zu werden. Der 48-jährige Vater von drei Kindern leidet an Gallenwegkrebs und wird im Dana-Farber-Institut in Boston behandelt. Im November sollte er ein neues Medikament erhalten. Doch seit dem 1. Oktober werden auf der Webseite www.clinicaltrails.gov keine neuen Anfragen mehr entgegengenommen. «Für mich ist der Shutdown verheerend. Meine Ärzte waren völlig begeistert von diesen neuen Tabletten», sagt Leo gegenüber dem «Boston Globe».

Für Michelle, Maddie und Leo hat der Shutdown lebensbedrohliche Folgen. «Es ist frustrierend. Niemand wollte diesen Stillstand», sagt Michelle im Interview. Wenn sie dem Kongress eine Nachricht übermitteln könnte, würde sie sagen: «Hier geht es nicht um lästige Unannehmlichkeiten. Es geht um Leben und Tod. Es stehen Leben auf dem Spiel.»

Erstellt: 08.10.2013, 12:33 Uhr

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Das Schicksal von Maddie

Erste Hoffnungsschimmer

Im erbittert geführten US-Haushaltsstreit gibt es erste Anzeichen für Bewegung. US-Präsident Barack Obama sagte am Montagabend, er würde eine kurzfristige Erhöhung der Schuldengrenze akzeptieren, um die Zahlungsunfähigkeit der USA abzuwenden. Zudem signalisierte er Gesprächsbereitschaft bei seiner umstrittenen Gesundheitsreform. Obama machte jedoch zur Bedingung, dass zuvor der Kongress die Haushaltsblockade löst und die Schuldenobergrenze von derzeit 16,7 Billionen Dollar anhebt.

«Sobald das passiert, bin ich bereit, mit den Republikanern über eine ganze Reihe von Themen zu verhandeln», erklärte Obama bei einem Besuch der Bundesstelle für Katastrophenschutz. Bislang haben Obama und seine Demokraten Änderungen an der «Obamacare» genannten Gesundheitsreform abgelehnt.

Die Republikaner machten dies jedoch zur Bedingung für eine Einigung auf einen Haushalt. Parallel dazu brachte der einflussreiche republikanische Senator Rob Portman aus Ohio Vorschläge für Einsparungen und Änderungen des US-Steuerwesens in Umlauf. Dieser Plan sollte als Teil eines grösseren Pakets dienen, um die Haushaltsblockade zu lösen und die Schuldenobergrenze anzuheben. Ein Durchbruch ist dennoch nicht unmittelbar in Sicht. Die Fronten zwischen den Parteien sind nach wie vor verhärtet. (sda)

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Der Shutdown und seine Folgen

Der Shutdown und seine Folgen Die Folgen des Budgetstreits in den USA werden zunehmend deutlich.

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