Der Türsteher von El Paso

Präsidentschaftsbewerber Beto O’Rourke macht Trump mitverantwortlich für das Attentat in seiner Heimatstadt. Dessen Kondolenzbesuch konnte er aber nicht verhindern.

Der 46-jährige Beto O’Rourke geht Trump schärfer und wütender an als alle seine demokratischen Konkurrenten. Foto: Jose Luis Gonzalez (Reuters)

Der 46-jährige Beto O’Rourke geht Trump schärfer und wütender an als alle seine demokratischen Konkurrenten. Foto: Jose Luis Gonzalez (Reuters)

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Beto O’Rourke hatte sich vorgenommen, nicht mehr zu fluchen. Jedenfalls öffentlich. Man kann «shit» und «fuck» sagen, wenn man als Schüler Bass in einer Punk-Band spielt, wie O’Rourke es getan hat. Vielleicht kommt man damit auch noch durch, wenn man ein Hinterbänkler im Kongress ist, der im Wahlkampf nur im texanischen Busch herumfährt. Aber als Kandidat für das Amt des Präsidenten der USA? Da verzichtet man doch lieber auf das S- und das F-Wort.

Aber dann kam der mörderische Samstag in El Paso, an dem ein junger Mann mit einem Sturmgewehr loszog, um Mexikaner zu töten. Er wolle, so schrieb er in einem Manifest, Texas vor einer «Invasion» von Migranten retten. Und seither tut sich Beto O’Rourke keinen Zwang mehr an, wenn er darüber redet, wen er als den geistigen Anstifter dieses Attentats sieht: Donald Trump, den Präsidenten, der dem Volk täglich einredet, Amerika werde von «Invasoren» aus dem Süden überrannt. «Ihr wisst doch alle, welche Scheisse er gesagt hat», blaffte O’Rourke vor einigen Tagen, als er von Journalisten nach dem Präsidenten gefragt wurde. «Er hat mexikani­sche Einwanderer Vergewaltiger und Verbrecher genannt. Ich ­meine – what the fuck?»

Ein echtes politisches Talent

Die Linie von Trumps Hetze ge­gen Migranten zu den rassistisch motivierten Schüssen in El Paso ziehen zwar viele der fast zwei Dutzend Frauen und Männer, die derzeit mit O’Rourke um die demokratische Präsidentschaftskandidatur für kommendes Jahr wetteifern. Doch keiner der Bewerber ist so erschüttert wie O’Rourke, keiner geht Trump so scharf und wütend an. Als bekannt wurde, dass der Präsident am Mittwoch zu einem Kondolenzbesuch nach El Paso reisen werde, machte O’Rourke sich zum Sprecher der Stadt und ­teilte dem Präsidenten mit, er solle bloss wegbleiben.

Beto O’Rourke machte sich zum Sprecher von El Paso und ­teilte dem Präsidenten mit, er solle bloss wegbleiben.

In gewisser Hinsicht ist diese Rolle angemessen. Der 46 Jahre alte O’Rourke stammt aus El Paso, er hat den grössten Teil seines Lebens dort verbracht – abgesehen von ein paar Wanderjahren in New York –, seine Familie und die seiner Frau sind seit langem in der Stadt im Westen von ­Texas ansässig. Von 2013 bis 2019 ­vertrat er den Wahlkreis, in dem El Paso liegt, im US-Abgeordnetenhaus. Es waren seine Nachbarn und Wähler, die am Wochen­ende ermordet wurden.

Es ist noch nicht lange her, da galt O’Rourke als Wunderkind der Demokraten. Jung, lässig und emotional, ziemlich links, dabei aber modern und nicht ­verbissen oder streberisch; und dann auch noch aus der texanischen ­Provinz und mit diesem coolen, spanisch klingenden Vornamen «Beto» – ein echtes Talent also. Dass O’Rourke auf die eher drögen, erzirischen Namen Robert Francis getauft wurde, erfahren ­seine Anhänger nur, wenn sie es bei Wikipedia nachschauen.

Erwartungen nicht erfüllt

Bei der Kongresswahl 2018 versuchte O’Rourke, dem republikanischen Senator Ted Cruz das Amt wegzunehmen. Er verlor – aber nur so knapp, dass er zu der Einsicht gelangte, der zwingende nächste Schritt sei nun die Präsidentschaftskandidatur.

Das war wohl etwas überheblich, bisher hat O’Rourke im Vorwahlkampf der Demokraten je­denfalls keinen besonders guten Eindruck gemacht. Als er zum Beispiel bei einer der Fernseh­debatten der Kandidaten plötzlich anfing, Spanisch zu sprechen, wardas eher peinlich als ­überzeugend. «All hat, no cattle», sagt man in Texas über solche Leute, die die Erwartungen nicht erfüllen: Er hat einen grossen Hut, aber keine Rinder.

Vielleicht ist ein Teil von O’Rourkes Wutausbrüchen gegen Trump daher auch kalkuliert. Vielleicht will er sich so endlich von den anderen Kandidaten ­absetzen und den Durchbruch schaffen. Die Aufmerksamkeit des Präsidenten hat er immerhin geweckt. O’Rourke solle «still sein», twitterte Donald Trump am Vorabend seines Besuchs in El Paso. O’Rourke twitterte prompt zurück: Er nannte Trump einen Rassisten, der Terroristen inspiriere. «El Paso wird nicht still sein, und ich werde es auch nicht sein.»

Erstellt: 07.08.2019, 20:16 Uhr

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