Der amerikanisierte Barack Obama

Die erfolgreiche Liquidierung Osama Bin Ladens hat dem US-Präsidenten den Rücken gestärkt. Er konnte sich der Wählerschaft erneut präsentieren. Dennoch bleibt seine Wiederwahl 2012 ungewiss.

Die Woche war erfolgreich, aber Präsident Barack Obama bleibt nachdenklich: Die Wiederwahl  im nächsten Jahr ist noch weit entfernt.

Die Woche war erfolgreich, aber Präsident Barack Obama bleibt nachdenklich: Die Wiederwahl im nächsten Jahr ist noch weit entfernt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gegen Ende einer bemerkenswerten Woche überschlugen sich die Nachrichten nicht mehr; doch sie kamen eine um die andere, darunter auch staunenswerte: Al-Qaida gestand den Tod von Osama Bin Laden ein, der laut erbeuteten Unterlagen noch im vergangenen Jahr Anschläge auf amerikanische Züge geplant hatte.

Dass es sich bei den Helikoptern, die US-Sonderkräfte am Sonntag zum Anwesen Bin Ladens in Abbottabad transportiert hatten, um bisher unbekannte und eigens für die Kommandos entwickelte Tarnkappenmaschinen gehandelt habe, wurde berichtet. Ebenfalls berichtet wurde, Agenten der CIA hätten das Haus in Abbottabad über Monate mit Ferngläsern und Abhörvorrichtungen beschattet. Auch kam zum Abschluss der historischen Woche heraus, dass George W. Bush 2007 eine letzte Chance gehabt hatte, Bin Ladens habhaft zu werden.

Barack Obama aber, der neben dem toten Terroristen im Mittelpunkt der Geschehnisse gestanden hatte, beendete die Woche, wie er sie begonnen hatte: ruhig und gereift zu einem Präsidenten, dessen Widersacher mehr denn je mit ihm rechnen müssen.

«Cool Hand Luke»

Angefangen hatte Obamas Woche mit einer sensationellen Ansprache aus dem Weissen Haus. Osama sei tot, hatte der Präsident verkündet. Gegen Ende dieser Woche flog er dann nach Fort Campbell im Staat Kentucky, um sich im Namen der Nation bei den anonymen Teilnehmern des gewagten Einsatzes in Abbottabad zu bedanken.

Und dazwischen war Barack Obama nach New York gereist, um den Kreis zu schliessen: Dort, wo im September 2001 George W. Bush mit einem Megafon in der Hand auf den rauchenden Trümmern des World Trade Centers Rache geschworen hatte, legte Obama einen Kranz nieder und traf sich still mit Angehörigen der Opfer sowie mit Feuerwehrleuten, die ihre Kameraden im Inferno von 9/11 verloren hatten. «Wenn wir sagen, wir würden niemals vergessen, dann meinen wir das», bekräftigte der Präsident in New York.

Was die Republikaner zu politischen Zwecken instrumentalisiert hatten, nämlich das grauenhafte Ereignis selbst wie auch den Anspruch, nur sie wüssten, wie dem Terror zu begegnen sei, neutralisierte Barack Obama nun in New York, ohne dass er eine Rede hätte halten müssen. Seine Präsenz genügte. Die Vorhaltungen, er sei zu weich oder zu entrückt, weshalb ihm der Mumm fehle, um den Feinden der USA beizukommen, hatten sich mit einem Schlag erledigt. Der vermeintlich muslimische Präsident aus Kenia, der in einem historisch beispiellosen Vorgang mit der Veröffentlichung seiner hawaiianischen Geburtsurkunde belegen musste, dass er tatsächlich dem Stamm der Amerikaner angehört, war plötzlich zu Paul Newmans «Cool Hand Luke» mutiert, jenem sagenhaften Protagonisten des gleichnamigen Films, den nichts aus der Fassung bringt und der niemals aufgibt.

Bedeutungsloses Umfragehoch

Die Woche des toten Bin Laden amerikanisierte Barack Obama; hier war ein Präsident, der trotz erheblicher Risiken den Befehl zum Einsatz gegeben hatte, wenngleich ein Scheitern des Einsatzes seine Präsidentschaft hätte ruinieren können. Man kann sich unschwer ausmalen, womit Obamas Feinde ihn im Falle eines Fiaskos bombardiert hätten. Wieder ein Demokrat beim Kampf gegen den Terror gescheitert! Präsident Weichei! Er kann es nicht! Wie er eben auch im Wahlkampf 2008 beim Bowlingspielen versagt hatte!

Stattdessen wurden nun in Washington T-Shirts verkauft, auf denen zu lesen war: «Obama kriegt Osama». Andererseits sind sieben Tage eine sehr kleine Zeiteinheit im politischen Geschäft, weshalb Obamas nach oben schiessende Umfragewerte noch nicht allzu viel zu bedeuten haben.Und weshalb der Präsident gestern nicht nur zu den Soldaten reiste, sondern auch zu den Arbeitern: Bevor er Fort Campbell besuchte, besichtigte er eine Fabrik im Staat Indiana, die Getriebe herstellt. Nicht so sehr der tote Osama Bin Laden könnte ihm 2012 die Wiederwahl bringen als vielmehr eine verbesserte Konjunktur. Auf neun Prozent kletterte die Arbeitslosenrate gestern, als solle dem Präsidenten bedeutet werden, sein Heil liege nicht in Fort Campbell, sondern im Getriebewerk in Indiana.

Nicht zu unterschätzen

Im April, als die CIA Osama Bin Laden beschattete und niemand eine Ahnung hatte, wie nahe dessen Ende gerückt war, hatten sich in Florida 100 000 Amerikaner für 4300 Stellen bei McDonald’s beworben. Und in Chicago standen 75 000 Schlange, um einen von den 2000 neuen Jobs bei McDonald’s zu ergattern. Daran wird Barack Obama mindestens ebenso gemessen werden wie am Tode des saudischen Massenmörders. Und womöglich war es in diesem Zusammenhang nicht weniger wichtig, dass in diese bedeutsame Woche die Nachricht platzte, General Motors habe einen satten Gewinn erzielt. Immerhin hatte Obama den Autobauer vor dem Bankrott bewahrt.

Obwohl ihm die republikanische Opposition im Gefolge der Ereignisse in Pakistan vorwarf, er drehe eine «Siegesrunde», reagierte der Präsident eher bescheiden auf seinen Erfolg. Er drehte keine Siegesrunde, doch erlaubte ihm der tote Bin Laden, sich der Wählerschaft erneut vorzustellen und damit manchen Ballast abzuwerfen, der sich in schwierigen zweieinhalb Amtsjahren angehäuft hatte. Seine Wiederwahl ist nicht gesichert, seinen Feinden aber zeigte Barack Obama in dieser Woche, dass man ihn nur auf eigene Gefahr unterschätzen darf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2011, 07:22 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir werden al-Qaida letzten Endes besiegen»

In Kentucky bedankte sich Barack Obama bei jenen Soldaten, welche die Tötung von Osama Bin Laden durchgeführt hatten. Gleichzeitig warnte der US-Präsident davor, im Kampf gegen den Terror nachzulassen. Mehr...

Bin Ladens Computer sind wie ein Lotto-Sechser für die USA

Die US-Soldaten staunten nicht schlecht: Fünf Computer, zwölf Festplatten, hundert Disketten, DVDs und USB-Sticks von Osama Bin Laden fielen ihnen in die Hände. Das dürfte Folgen haben für die al-Qaida. Mehr...

Obamas diskreter Auftritt bei Ground Zero

Nach dem Tod von Osama Bin Laden gedenkt der US-Präsident heute den Opfern von 9/11. Es ist einer seiner bisher wichtigsten TV-Auftritte. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Schwanger dank Zyklus-App?

Mamablog Zu jung fürs Brett? Blödsinn!

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ihr Kopf ist so gross wie das Junge: Das Nashhorn Baby Kiano steht im Zoo von Erfurt neben seiner Mutter. (15. Januar 2019)
(Bild: Martin Schutt) Mehr...