Der dicke, weisse Mann regiert

Alle lieben Winston Churchill. 70 Jahre nach seiner Zürcher Rede wird der Brite von Europäern wie EU-Gegnern verehrt, von Kriegern wie Literaten.

Er war einmal ein Held: Winston Churchill mit Pudel Rufus und einer Zigarre 1950 auf seinem Landsitz Chartwell in Kent. Foto: Mark Kauffman/Time & Life (Getty)

Er war einmal ein Held: Winston Churchill mit Pudel Rufus und einer Zigarre 1950 auf seinem Landsitz Chartwell in Kent. Foto: Mark Kauffman/Time & Life (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach seiner Vereidigung zum 44. Präsidenten der USA entfernte Barack Obama im Frühjahr 2009 eine Büste Winston Churchills aus dem Oval Office des Weissen Hauses. Vielleicht verständlich, denn hinterlassen hatte den Bronzekopf Obamas Vorgänger George W. Bush. Die Büste war ein Geschenk seines Verbündeten Tony Blair gewesen, mit dem George W. 2003 in den Irak einmarschiert war – ein Krieg, den Obama ablehnte und dessen Folgen die Welt bis heute umtreiben. Die Büste sollte Bush darin bestärken, sich im Krieg gegen den Terror als Retter der freien Welt zu sehen – als ein Erbe des britischen Kriegspremiers Winston Churchill, der zu seiner Zeit Adolf Hitler bekämpft hatte statt wie alle anderen auf Appeasement zu setzen.

Für Obamas Gegner war die Verbannung der Churchill-Büste ein Skandal. Sie passte zum neuen Präsidenten, dem Professor, dem Vorsichtigen, der keine dummen Kriege mehr führen, sondern die Welt «aus dem Hintergrund führen» will. So ­jemand, stänkerten prominente Republikaner, könne Churchill, den Leader, Krieger und Brachialpatrioten, natürlich nicht mögen. Derweil sorgten sich die britischen Boulevardmedien ernsthaft um die Beziehung zwischen Washington und London.

1946 in Zürich

Unbegründet, wie sich zeigte. Barack Obama anerkannte die «Special Relationship» zwischen Britannien und Amerika – ein Ausdruck, den Winston Churchill 1946 geprägt hat. Er habe kein Problem mit Churchill, im Gegenteil, sagte Obama vor kurzem: «Ich liebe den Typen.» Er habe die Büste nur nach England zurückschaffen lassen, weil er eine von Martin Luther King im Oval Office habe aufstellen wollen. «Man kann nicht auf jeden Tisch eine Büste stellen, das sähe unaufgeräumt aus.»

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod lässt Sir Winston Churchill (1874–1965) noch immer niemanden kalt. Vor allem Konservative verehren ihn in ganz Europa: als eine Figur der Stärke, die mit ihrem Willen den Lauf der Geschichte änderte, als Leader, der in schwerster Stunde das Ziel nicht aus den Augen verlor, als einen politisch Inkorrekten, der lustvoll trank und Frauen beleidigte – ja überhaupt als Vertreter einer Zeit, in der man als dicker, weisser Mann noch die Welt beherrschte.

Beliebter als Harry Potter

Doch Churchill lässt sich von allen politischen Lagern in Anspruch nehmen. Vor allem in Gross­britannien, wo er ein Volksheld ist und die neuen 5-Pfund-Noten der Bank of England ziert. Vor der Brexit-Abstimmung zitierten Gegner des britischen EU-Austritts aus Churchills Zürcher Rede, die sich am 19. September zum 70. Mal jährt. Darin hatte der beliebteste aller Briten (er schlägt in Umfragen regelmässig die Queen, Diana, Stephen Hawking und Harry Potter) 1946 «Vereinigte Staaten von Europa» angeregt. Kann man da austreten wollen?

Absolut, fanden die Brexit-Befürworter. Denn Churchill habe nur eine kontinentale Gemeinschaft gewollt, eine EU neben Grossbritannien. Tatsächlich sagte er in Zürich, das britische Commonwealth, die USA und Sowjetrussland würden die «Freunde und Förderer des neuen Europas» sein. Mitgliedschaft klingt anders. Von der höheren Wertigkeit des Vereinigten Königreichs war Churchill fest überzeugt. Zu seinem Arzt soll er 1952 in einer privaten Unterhaltung gesagt haben: «Ich liebe Frankreich und Belgien, aber wir sollten uns nicht auf dieses Niveau herunterziehen lassen.»

Überhaupt: die Zitate. Churchill war ein Ausnahmeredner und -schreiber; nicht umsonst erhielt er 1953 den Literatur- und nicht den Friedensnobelpreis. Viele seiner Formulierungen sind in den Sprachgebrauch eingegangen. Der «Eiserne Vorhang» im Kalten Krieg? Churchill 1946. Blut, Mühen, Tränen und Schweiss? Churchill 1940.

Legendäre Beleidigungen

Etliche seiner Bonmots handeln von Erfolg und Beharrlichkeit. Deshalb ist Churchill heute auch ein Liebling der Karrierecoachs und Management-Esoteriker: «Erfolg ist die Fähigkeit, von einer Niederlage zur nächsten zu gehen, ohne an Enthusiasmus einzubüssen.» Oder: «Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.» Das ist das Gib-alles-Dogma unserer Zeit, der Stoff für Leadershipseminare.

Natürlich sah sich Churchill selbst als Vorbild; als Historiker schrieb er vielbändige Geschichtswerke, in denen er selber die zentrale Rolle spielte. «Die Geschichte wird mich freundlich beurteilen, denn ich habe vor, sie zu schreiben» ist einer seiner besten Sätze.

Legendär sind auch seine Beleidigungen. Seinen Nachfolger Clement Attlee nannte er «ein Schaf im Schafspelz». Und als ihm die erste Frau im britischen Unterhaus, Lady Astor, im Streit beschied: «Wenn ich ihre Frau wäre, ich würde ihren Tee vergiften», da erwiderte Churchill: «Wenn Sie meine Frau wären, ich würde ihn trinken.»

«Ich hatte mehr vom Alkohol als er von mir.»Winston Churchill

Gewöhnlich aber trank Churchill nicht Tee, sondern Champagner. Alkohol und Tabak seien Churchills «Kraftstoff» gewesen, schwärmt der heutige britische Aussenminister Boris Johnson, der eine Hagiografie über den Premier verfasst hat. «Er besass übernatürliche Kräfte.» Noch als Churchill das Spital nach einem Schlaganfall verliess, steckte er sich eine Zigarre an. In der pasteurisierten Mineralwassergegenwart wäre Churchill ein Schwerstsüchtiger: «Ich kann nicht leben ohne Champagner», sagte er. «Bei Siegen verdiene ich ihn, bei Niederlagen brauche ich ihn.» Und zu seiner Gesundheit meinte er: «Ich hatte mehr vom Alkohol als er von mir.» Churchill wurde 91 Jahre alt.

Held oder Imperialist?

Im Westen ist Churchill ein Held: die zentrale Kraft im Kampf gegen das Naziregime, der Retter der Welt. Das Flächenbombardement deutscher Städte nahm er in Kauf, es schien ihm nötig. Die aussereuropäische Welt aber sieht Churchill kritischer. Er war ein begeisterter Imperialist, kämpfte als junger Mann im Swat-Tal (heute Pakistan) und im Sudan, wo er persönlich «drei Wilde» erschoss. Er hatte kein Mitleid mit den Indianern Nordamerikas, denn «eine stärkere Rasse, eine höhere Rasse, ist gekommen und hat ihren Platz eingenommen».

Unabhängigkeitsbewegungen im Empire duldete er weder in Irland (wohin er 1919 die mordende Spezialeinheit der «Black and Tans» entsandte) noch in Indien; «Ich hasse die Inder, es sind tierische Menschen», sagte er. Ghandi nannte er einen «Fakir», «halb nackt», dessen Tod dem Empire nur gelegen kommen könne. Und als die indische Provinz Bengalen während des Zweiten Weltkriegs Hunger litt, fällte der in Europa eingebundene Churchill 1943 Entscheide, die den Tod von ein bis zwei Millionen Menschen zumindest mitverantworteten, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen aufgezeigt hat.

Churchill tat Kritik damals ab, sprach von einer «fröhlichen Keulung» der Population, da die Inder sich «wie Karnickel vermehren». Die Palästinenser nannte er «barbarische Horden, die wenig mehr essen als Kamelmist», und dass seine Kabinettskollegen 1919 den Einsatz von Giftgas gegen aufständische Kurden ablehnten, fand er «zimperlich».

Die Narben von Obamas Grossvater

Churchills Fans finden es müssig, heute solche ­Details aufzulisten; Rassismus sei früher normal gewesen, Churchill ein Vertreter seiner Zeit. Doch es bleibt bemerkenswert, wie der Historiker Richard Toye in «Churchill’s Empire» schreibt, dass der Widersacher Hitlers keine Mühe hatte, den Tod Hunderttausender in Indien zu akzeptieren. Sein eigener Statthalter in Indien, Staatssekretär Leo Amery, verglich Churchills Politik mit derjenigen Hitlers.

Am Ende des Empires war Churchill ironischerweise mit schuld. Seine grossen Reden über die Freiheit wurden zur Zeit des Weltkriegs in alle Winkel des Commonwealths übertragen – und inspirierten dort die Menschen. «All die hellen, schönen Worte von der Freiheit trieben Keime an Orten, wo es nicht beabsichtigt war», schrieb der ghanaische Nationalist Kwame Nkrumah. Churchill – ein Verteidiger des Empires und zugleich sein Totengräber. Sein Staatsbegräbnis am 30. Januar 1965, bemerkte der Historiker Sir David Cannadine, sei auch ein Requiem auf die Grossmacht Britannien gewesen, die Churchill vergeblich zu erhalten versucht hatte.

Obama könnte Churchill aus einem anderen Grund als dem der Abgrenzung von George W. Bush aus dem Oval Office entfernt haben. Sein Grossvater väterlicherseits, Hussein Onyango Obama, war 1949 in Kenia von den Briten in Haft gesetzt und gefoltert worden; er soll mit den Mau-Mau-Rebellen für die Unabhängigkeit agitiert haben. Enkel Barack schreibt darüber in seinen Memoiren; sein Grossvater sei ein Leben lang traumatisiert geblieben. Churchill, der Beschützer des Empires, hatte klare Ansichten über die «Neger» Kenias. Unter seiner zweiten Amtszeit als Premier (1952–1955) richteten die Briten Gefangenenlager ein, in welchen gefoltert und getötet wurde, wie die Harvard-Historikerin Caroline Elkins im Buch «Britain’s Gulag» zeigt. Dass 2009 der Nachfahre eines Kenianers ins Weisse Haus einzog – Churchill hätte es verblüfft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2016, 18:59 Uhr

Artikel zum Thema

Was würde Churchill tun?

Analyse Der Staatsmann gilt als geistiger Vater der europäischen Einigung. Er würde Grossbritannien in der EU halten wollen, sagen jetzt viele. So sicher ist das nicht. Mehr...

Schweizer Konservative eifern Churchill nach

Analyse Hartnäckig, entschlossen, unbeirrbar: So war Kriegspremier Winston Churchill. Ein Vorbild für viele – auch wenn da noch eine andere Seite war. Mehr...

«Churchill verstand Hitler besser als die meisten»

Historiker Wolfram Pyta analysierte Hitler als gescheiterten Künstler – und entdeckte eine bemerkenswerte Verwandtschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...