Der gefährliche Angeber im Weissen Haus

Mehr als nur peinlich: Trumps sorgloser Umgang mit geheimen Informationen gefährdet womöglich die Sicherheit des Westens.

Riskante Gefallsucht: Den grössten Einfluss auf Trump hat, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat. Foto: Andrew Harnik (Keystone)

Riskante Gefallsucht: Den grössten Einfluss auf Trump hat, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat. Foto: Andrew Harnik (Keystone)

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Eitelkeit und Impulsivität sind Worte, die oft zur Erklärung von Donald J. Trump benutzt werden. Es gibt aber noch einen anderen, sehr deutschen Begriff, der den US-Präsidenten ideal beschreibt: Gefallsucht. Trump möchte zuallererst bewundert und geliebt werden und trotz seines Rabauken-Images liegt ihm viel daran, gut mit seinen Mitmenschen auszukommen – solange diese seine Meinung teilen.

Die Enthüllung der Washington Post, wonach Trump vergangene Woche im Weissen Haus mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow und Moskaus Botschafter Kisljak über hochsensible Informationen zur IS-Miliz geredet hat, ist wohl auch in diesem Licht zu sehen. Trump hat die geheimen Details nicht vorsätzlich «weitergegeben». Er hat diese ausgeplaudert und mit angeberischen Sätzen eingeleitet: «Ich bekomme die besten Infos. Jeden Tag versorgt mich der Geheimdienst mit tollen Infos.»

Video – Trump verpleppert sich in Moskau

Es gibt viele Beispiele für Trumps Gefallsucht. Nach dem Wahlsieg traf er Obama im Weissen Haus und fegte nach dem Gespräch ein zentrales Versprechen vom Tisch: Die Obamacare-Krankenversicherung sei eigentlich gut und er wolle deren wichtigste Punkte behalten. Nach dem Besuch des Nato-Generalsekretärs in Washington sagte er im April: Die Militärallianz ist nicht mehr obsolet. Und seine provozierenden und rowdyhaften Auftritte im Wahlkampf erklärt er damit, das Publikum unterhalten zu wollen: «Wenn es ruhig wird, dann rede ich über die Grenzmauer. Dann jubeln sie wie verrückt.»

Den grössten Einfluss hat, wer zuletzt mit Trump gesprochen hat

Aus diesem Applaus und der Bewunderung schöpft Trump neue Energie. Er ist ein Polit-Neuling, dem es an Überzeugungen ebenso fehlt wie an definierbaren Zielen. Robert Costa, einer der besten Trump-Kenner, formulierte schon im Sommer 2016: «Trump neigt dazu, die Meinung derjenigen Person zu übernehmen, mit der er zuletzt gesprochen hat.»

All das macht die Meldung über die ausgeplauderten Infos keineswegs weniger brisant. Im Weissen Haus sitzt ein gefährlicher Angeber. Wer die Dementis genau liest, erkennt: Hier wird nicht bestritten, dass Trump über brisante Details gesprochen hat (es geht um das Ziel des IS, Bomben in Notebooks zu verstecken). Sicherheitsberater McMaster betont nur, dass diese Sachverhalte zuvor schon bekannt gewesen seien.

Jeder Geheimdienst, der mit den USA kooperiert, wird genau überlegen, ob er weiter brisanteste Informationen teilt.

Letztlich spielt es keine Rolle, ob Trump nun absichtlich oder aus Gefallsucht stümperhaft handelte. Die Folgen sind potenziell verheerend. Jeder Geheimdienst, der mit den USA kooperiert, wird genau überlegen, ob er weiter brisanteste Informationen teilt. Können Mitarbeiter und Quellen geschützt werden, wenn der US-Präsident Details ausplaudert - und das auch noch gegenüber Moskau? Nach übereinstimmenden Berichten ging es um sogenannte «Code-Wort-Informationen», die Washington sonst nicht mal mit den «engsten Verbündeten» teile.

Direkt vor Trumps erster Auslandsreise wird das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Präsidenten weiter beschädigt. Denn solche Enthüllungen haben Konsequenzen ausserhalb der USA: Sicherheitsbehörden in Europa verlassen sich darauf, von den diversen US-Diensten mit Details versorgt und im Ernstfall vorgewarnt zu werden. Der aktuelle Fall wird auch in israelischen Medien erhitzt diskutiert und manch ein Beobachter erinnert an Berichte aus dem Januar 2017. Demnach warnten US-Beamte die israelischen Partner, der Trump-Regierung zu viel zu verraten– diese Infos könnten via Moskau in Teheran landen.

Bilder – Trump auf Fettnäpfchen-Reise in Russland

Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen von einigen prominenten Republikanern zu verstehen. Bob Corker, Chef des Aussenpolitik-Ausschusses im Senat, spricht von «einem Chaos, das durch Disziplinlosigkeit im Weissen Haus geschaffen wird» und das zu grosser Sorge Anlass gibt. John McCain verweist auf den Umstand, dass sich Trump nicht strafbar gemacht hat: «Wir wollen nicht, dass irgendein Präsident geheime Informationen leakt, aber er hat das Recht dazu. Jeder Präsident muss sorgsam sein.» Auf dieses Recht pochte Trump nach der Enthüllung durch die Washington Post auch auf Twitter.

Zu viele Republikaner schweigen weiterhin

Ein weiteres Mal düpiert der Republikaner-Präsident Trump seine eigene Partei, der die Themen nationale Sicherheit und Terrorbekämpfung enorm wichtig sind. Alle Senatoren und Abgeordneten hatten ihre Unterstützung für ihn damit gerechtfertigt, dass Hillary Clinton als Präsidentin ein Sicherheitsrisiko wäre - und suggeriert, dass man Trump schon bändigen werde. Das Schweigen der Mehrheit der Konservativen wird täglich peinlicher.

Momentan scheint es wie nach dem Rauswurf von FBI-Chef Comey zu sein: Im Hintergrund wird geklagt und geraunt, doch offiziell bricht noch kein Republikaner mit Trump oder schliesst sich Forderungen nach einem Sonderermittler an. Das Vertrauen der Trump-Basis dürfte nicht wanken, die bisherigen Trump-Kritiker werden sich wiederum bestätigt fühlen. Auch die Frage, ob der Präsident das Gespräch mit den Russen aufzeichnen liess, wird Washington weiter beschäftigen.

«Es sammelt sich so einiges an», sagen Beobachter zurzeit oft, wenn es um die Zukunft von Donald Trump geht. Wenn sich die Republikaner irgendwann entscheiden, Trump zu verstossen und nach Rechtfertigungsgründen suchen, dann werden sie diese Episode anführen.

Erstellt: 16.05.2017, 14:39 Uhr

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