Der meistgehasste Brasilianer

In Brasilien richtet sich die Wut der Protestierenden gegen die exorbitanten Kosten der anstehenden Fussball-WM. Keiner verkörpert die kritisierte Dekadenz besser als Verbandspräsident José Maria Marin.

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Es hätte ein perfekter Fussballabend sein können: Zum Auftakt des Confederations-Cups am Samstag in Brasília besiegte das Heimteam den Gegner aus Japan mit 3:0. Stürmerstar Neymar setzte dem Spiel mit einem Traumtor die Krone auf. «Goooooooal...!», schrie der Fernsehmoderator so lang, bis ihm die Luft ausging, und der Torschütze tanzte Samba. Brasilien feierte so, wie es im fussballverrücktesten Land der Welt eben üblich ist.

Doch die freudige Fassade im Mané Garrincha – der modernsten Fussballarena Südamerikas – bröckelte zu diesem Zeitpunkt schon gewaltig. Vor dem Spiel zogen rund 1000 Demonstranten vor das 750-Millionen-Dollar teure Stadion und skandierten: «Ich bin gegen den Cup, ich will mehr Geld für Gesundheit und Bildung.» Bei der Auflösung des Protests mit Tränengas und Gummigeschossen wurden nach Polizeiangaben 23 Demonstranten und sieben Beamte verletzt. Zudem seien 20 Menschen festgenommen worden.

Rousseffs Problem mit Marin

Dilma Rousseff, die während des Spiels auf der Ehrentribüne Platz genommen hatte, dürfte von alldem nicht viel mitbekommen haben. Ein grosses Sicherheitsdispositiv riegelte den Eingang für die Demonstranten hermetisch ab. Die brasilianische Präsidentin hatte ein ganz anderes Problem, und das hiess José Maria Marin. Der OK-Präsident des brasilianischen Fussballs-Bundes (CBF) nahm bei dieser Hauptprobe zur bevorstehenden Weltmeisterschaft auf der selben Tribüne Platz wie Rousseff. Doch «Dilma» – wie die Präsidentin in Brasilien genannt wird – wollte sich keinesfalls neben den hochrangigen Funktionär setzen.

Der Grund liegt in Marins Vergangenheit. Der 81-Jährige galt während der brasilianischen Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 als Günstling der Generäle. Rousseff befand sich in dieser Zeit im Widerstand und landete gar in einem der berüchtigten Foltergefängnisse. Kaum verwunderlich, wollte sie an diesem Abend keinesfalls mit dem ehemaligen Bürgermeister São Paulos abgelichtet werden. Doch das Protokoll des Abends liess das Unvermeidliche eintreffen: Links der Präsidentin sass Marin und zu ihrer Rechten der ungeliebte Fifa-Präsident Sepp Blatter. Alle drei wurden sie mit Pfiffen und Buhrufen eingedeckt. Für die ansonsten populäre Rousseff eine im höchsten Masse peinliche Erfahrung.

«Sein Auftritt wäre eine weltweite Schmach für Brasilien»

Die aktuelle Wut richtet sich in Brasilien hauptsächlich gegen die exorbitanten Kosten der Fussball-WM, die der CBF-Präsident Marin mitzuverantworten hat. 33 Milliarden Reais (knapp 14 Milliarden Schweizer Franken) soll der Grossanlass kosten. Im kommenden Jahr wird Marin voraussichtlich die WM eröffnen. «Sein Auftritt wäre eine weltweite Schmach für Brasilien», schreibt der Sportjournalist Juca Kfouri in seinem Blog. Niemand verkörpert die Dekadenz des Grossanlasses, welche die Proteste antreibt, besser als Marin.

Neben seiner Vergangenheit als Verfechter der Diktatur wird Marin mit Korruption und Vetternwirtschaft in Verbindung gebracht. Seine Karriere hat er vor allem Ricardo Teixeira zu verdanken. Sein Vorgänger als CBF-Präsident musste im letzten Jahr nach einem Korruptionsskandal zurücktreten. Gemäss «Spiegel online» pflegen die beiden aber gute Kontakte, weshalb der geschasste Texeira mithilfe Marins im Hintergrund die Fäden ziehen soll.

Ehemaliger Spitzenspieler

Marin ist ein Tausendsassa und äusserst einflussreich. Der ehemalige Verteidiger des FC São Paulo und Gouverneur ist Rechtsanwalt, Sportmanager, Verbandspräsident und Politiker in einer Person. Während der Militärdiktatur gehörte er der rechten Militärpartei Arena an. Diese Vergangenheit versuchte er erst gar nicht abzuschütteln. Noch heute pflegt Marin seine Kontakte zu den Streitkräften und ultrareaktionären Kreisen in der Politik.

Vor allem aber ist Marin für seine Skandale bekannt, die in regelmässiger Wiederkehr die brasilianische Öffentlichkeit beschäftigen. Sein grösster Gegner ist zurzeit Ivo Herzog, der alle Hebel in Gang setzt, um Marin als CBF-Präsident zu entmachten. Er beschuldigt den Funktionär, für den Tod seines Vaters Vladimir Herzog – Gegner der Militärdiktatur – mitverantwortlich zu sein. Marin hetzte in der Öffentlichkeit immer wieder gegen den einflussreichen Journalisten, ehe dieser 1975 unter ungeklärten Umständen in einem Foltergefängnis ums Leben kam.

Die geklaute Medaille

In jüngster Zeit machte Marin mit mehreren fragwürdigen Aktionen auf sich aufmerksam, die seine ohnehin schon angeschlagene Popularität in den Keller sinken liessen. Letztes Jahr liess der Verbandspräsident bei der Preisverleihung eines Jugendfussballturniers eine Medaille kurzerhand in seiner Hosentasche verschwinden, die er eigentlich einem Spieler hätte aushändigen sollen. Die Kameras filmten mit und die Bevölkerung schüttelte den Kopf.

Für Verwirrung sorgte auch Marins Entscheidung im letzten November, Nationalcoach Mano Menezes zu feuern. Ursprünglich wollte Marin erst im Januar einen Nachfolger bekannt geben, doch schon fünf Tage nach der Absetzung von Menezes war klar: Luiz Felipe Scolari übernimmt. Marin bezeichnete die Aktion als Missverständnis. Viel eher ist sie jedoch ein weiteres Beispiel für Marins Vetternwirtschaft.

Für Fussballkritiker Kfouri ist Marin mitverantwortlich für die augenblickliche Krise im brasilianischen Fussball. Die Seleção ist inzwischen auf Rang 22 der Fifa-Weltrangliste abgestürzt. «Reaktionär, unwillig, Dinge zu verändern, korrupt und korrumpierend», lautet sein Fazit. Kfouri ist dennoch überzeugt, dass die Brasilianer aus der WM eine Party machen, «wie sie die Welt noch nicht gesehen hat». Angesichts der anhaltenden Proteste darf man diesbezüglich zumindest skeptisch sein.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2013, 11:48 Uhr

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Die Protestbewegung richtet sich unter anderem gegen die hohen Staatsausgaben für die Fußball-WM 2014. Derzeit findet in Brasiliens Fußballstadien der Confederations Cup statt, der als Generalprobe für die WM gilt. (afp)

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