Der neue Auftrag des General Graham

Die Grahams sind eine normale Familie aus Kentucky. Ihre Geschichte erzählt von Amerikas Kriegen seit dem 11. September 2001. Nun kämpft Vater Mark gegen die Suizidwelle unter den Irak- und Afghanistan-Veteranen.

Letzte Ehre für gefallene US-Armeeangehörige: Das Sternenbanner wird in Form eines Dreispitzes gefaltet. Foto: Getty Images

Letzte Ehre für gefallene US-Armeeangehörige: Das Sternenbanner wird in Form eines Dreispitzes gefaltet. Foto: Getty Images

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Als junger Soldat dachte Mark Graham nicht an den Tod. «Wir trainieren hart, wir sind die Besten, also gewinnen wir», so stellte er sich den Krieg vor. Aber wie so oft, wenn ein Kampf verloren geht, tauchte der Feind zuvor dort auf, wo man ihn am wenigsten erwartet hatte. Im Jahr 2003 diente Offizier Graham auf dem Stützpunkt Yongsan in Südkorea. Die Truppen des kommunistischen Nordens standen gleich hinter der Grenze, aber immerhin herrschte ein kalter Friede. So hatte es sich Graham immer ausgemalt: Wer stark ist, den greift der Gegner nicht an. Er ahnte nicht, wie verwundbar er war.

Eines Tages meldete sich Grahams Sohn Kevin am Telefon. Kevin war weit weg, in Kentucky, er stand am Anfang seiner eigenen Soldatenkarriere. Er hörte sich furchtbar an: Seit Monaten litt er unter Depressionen, diesmal wirkte er noch niedergeschlagener als sonst. «Nimm eine Auszeit vom Militär», riet sein Vater, «werde erst einmal gesund.» Kevin sagte: «Ich bin nicht jemand, der aufgibt, Dad.» Wenige Tage später, am 21. Juni, erhängte sich Kevin in seinem Zimmer.

Der tödliche Feind im Kopf

Mark Graham, sein Vater, hat im Kampf nie eine Kugel abbekommen, und doch hat ihm das Leben Wunden geschlagen, die nie heilen werden. Acht Monate nach Kevins Tod starb auf einer Strasse im Irak Jeff – sein älterer Sohn.

Die Geschichte der Grahams erzählt von Amerikas Kriegen und wie sehr sie das Land geschunden haben seit dem 11. September 2001. Ausgezehrt sind vor allem die vielen US-Soldaten und ihre Familien. Präsident Barack Obama liefert sich jetzt aus der Luft eine Schlacht mit der Terrormiliz Islamischer Staat. Kein Versprechen aber wiederholt er so oft wie das, US-Soldaten vor neuem Unheil zu bewahren.

In den Militärspitälern bitten inzwischen so viele körperlich und seelisch verwundete Veteranen um Hilfe, dass sie monatelang auf Termine warten müssen. In den Streitkräften gilt Selbstmord als Epidemie. 2012 starben 350 Soldaten durch Suizid, mehr als in Afghanistan. Am 2. April dieses Jahres lief der Irak-Veteran Ivan Lopez im texanischen Fort Hood Amok; er litt an Depressionen und Schlaflosigkeit und tötete drei Menschen, bevor er sich das Leben nahm. Der Feind im Kopf ist jetzt tödlicher als der äussere Feind.

Ihre Geschichte soll allen gehören

Die Lobby des Hyatt in Washington. Hotelgäste huschen durch den Haupt­eingang, Spätaufsteher eilen zum Frühstück. Mark Graham trägt keine Uniform mehr, seit er pensioniert ist, dafür einen dunklen Anzug und eine blaue Krawatte. Seine Frau Carol erscheint in Lila und Schwarz, das blonde Haar lang und offen. Sie sitzen auf einem Sofa neben dem Eingang, die Unruhe stört sie nicht. Ihre Geschichte soll allen gehören: Wenn sie etwas lehrt, dann zu reden und nichts zu verschweigen.

Die Grahams erzählen gern von Deutschland, es steht in ihrem Leben für glückliche Zeiten. 1978 ist Mark Graham dort mit seiner Frau gelandet, Stützpunkt Baumholder, Rheinland-Pfalz. Viet­nam war vorbei, Deutschland lag im Kalten Krieg an der Front, aber es fiel kein Schuss. «Es war so übersichtlich», sagt Graham. Bald kamen die Kinder zur Welt – Jeff, Kevin und Melanie. Die Familie lebte abwechselnd in Deutschland und den USA, immer umgeben von Soldaten. Der sensible Kevin liebte Deutschland, die Zugspitze, das Oktoberfest, die Spazierstöcke, an die man nach jedem Ausflug eine Plakette heftete.

Carol Graham ist ein heiterer Mensch. Wenn sie aber von Kevin erzählt, rinnen ihr sofort Tränen aus den Augen, sie laufen bis zum Kinn, bevor sie ihr Taschentuch findet. «Entschuldigung», sagt sie, «ich weine dauernd, ich bin ein bisschen undicht.»

Kevin reagierte angewidert auf Grausamkeit und Gewalt. «Du grübelst zu viel», sagte sein grosser Bruder Jeff, der energischer und frecher war. Kevin war ein geduldiger Zuhörer, viele Menschen vertrauten ihm Geheimnisse an. «Er war wie ein bequemer alter Schuh», sagt seine Mutter.

Die Depression schlich sich nach seinem 20. Geburtstag ein. Kevin studierte Medizin in Lexington, Kentucky, und er hatte sich dem «Reserve Officer Training Corps» angeschlossen, einem Programm für Nachwuchsoffiziere: Die Armee zahlte das Studium, dafür musste er sich eine Weile verpflichten. Für einen Grübler waren die Streitkräfte keine naheliegende Wahl, aber Kevin fühlte sich in der Pflicht, die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen. Auch stellte er sich vor, als Militärarzt Leben zu retten.

Im Studium fehlte ihm der Antrieb. Er wusste, dass es ernst war. Eine Krankenschwester an der Uni verschrieb ihm 2002 das Antidepressivum Prozac. Allein seiner Mutter vertraute er sich an. «Er schämte sich, diese Medizin zu nehmen», sagt sie. Erst nach seinem Tod begriff seine Familie, vor welchem Dilemma er stand, als er mit 21 Jahren sein Leben beendete.

Den Tod verdrängt

Nach Kevins Begräbnis stand sein älterer Bruder Jeff vor einer Entscheidung. Auch er hatte sich als Militärstipendiat verpflichtet, und nun, da sein Ingenieurs­studium zu Ende war, musste er wählen, ob er gleich im Irak kämpfen oder lieber noch ein paar Jahre warten sollte.

Mark Graham hat mit seinen Söhnen nie über Gefahren geredet, über Verletzung und Tod. Die Familie verdrängte das, so wie Mark Graham es als junger Soldat selbst verdrängt hatte. Nach dem Tod Kevins aber trieb ihn plötzlich eine Sorge um. Bei einem Spaziergang versicherte er seinem älteren Sohn, er könne sich mit dem Krieg noch Zeit lassen. Mark Graham hat sich dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn eingeprägt. «Meine Männer brauchen mich», sagte Jeff. «Du hast doch noch gar keine Männer», entgegnete sein Vater. «Ich werde welche haben», sagte Jeff.

Er habe nicht versucht, seinen Sohn umzustimmen, sagt Mark Graham. Er habe gewusst, dass sich Jeff in der Pflicht fühlte. «Jeff liebte die Idee, andere in den Kampf zu führen», sagt seine Mutter. Sie konnten ihn nicht aufhalten.

Die Einheit Jeff Grahams operierte in der Nähe von Falluja, wo Aufständische gegen die US-Truppen kämpften. Es war ein anderer Krieg als der, den sein Vater 1991 im Irak erlebt hatte. Die US-Soldaten standen jetzt nicht mehr einer anderen Armee gegenüber, sondern Rebellen und Terroristen, und diesmal waren die Motive der US-Invasion umstritten.

«Als Soldaten dienen wir»

Die Grahams stellen diesen Krieg nicht infrage. «Ich bin Soldat, und als Soldaten dienen wir», sagt er. «Unsere Oberbefehlshaber schicken junge Männer und Frauen nicht leichtfertig ins Feuer», sagt sie. Jeff verstand seinen Einsatz als etwas Konstruktives. «Er freute sich, sein Können als Ingenieur einzubringen», sagt seine Mutter: «Er wollte Brücken reparieren, den Irak wieder aufbauen.» Am 19. Februar 2004 ist Jeff Graham mit seiner Einheit auf Patrouille, als einer seiner Soldaten etwas Verdächtiges am Strassenrand entdeckt. Jeff Graham befiehlt seinen Männern innezuhalten, er bewahrt damit viele vor dem Tod. Als die Bombe explodiert, reisst sie Jeff die Beine ab und eine Hand.

Mark Graham rasierte sich, als seine Frau im Bad erschien und sagte, CNN berichte von zwei toten US-Soldaten im Irak. Ob es Jeff sein könnte, fragte sie. Nein, sagte ihr Mann, er habe doch eben erst einen Sohn beerdigt. «Das kann nicht wieder passieren», sagte er, «nicht schon wieder.» Kein Sohn erlebte den 25. Geburtstag. Sie liegen nebeneinander auf einem Friedhof in Kentucky. Auf Jeffs Grabstein steht: «Unser amerikanischer Held». Auf Kevins: «Ewig in unseren Herzen». Sie sind, wie ihr Vater sagt, «in verschiedenen Schlachten gefallen». Als Held aber gilt nur einer.

Mark Graham wusste nicht, warum er morgens noch aufstehen sollte. «Sir, mein Tank ist leer. Ich bin erledigt, ich möchte in den Ruhestand», habe er zu seinem Vorgesetzten gesagt. Sein Chef antwortete: «Sagen Sie das bloss nicht.»

«Es gibt da draussen zu viele Kevins.»

Zehn Jahre später, an einem verregneten Vormittag in Washington, wirkt Mark Graham gedämpfter als seine Frau. Er weint nicht, er lacht nicht. «Dieses Gefühl, dass etwas fehlt», sagt er, «wird mich nie verlassen.» Mark Graham (59) hat sein Leben einem neuen Ziel gewidmet: Er möchte dem mächtigsten Militärapparat beibringen, mehr Mitgefühl zuzulassen. Sein Sohn Jeff hat ihn beim Abschied darum gebeten, er sagte: «Es gibt da draussen zu viele Kevins.» Das Pentagon stemmt sich gegen die Suizidwelle, und keiner seiner Redner ist so glaubwürdig wie Graham. Immer wieder schildert er, warum er seinen Sohn nicht retten konnte. Es hat gedauert, bis er es selbst verstand.

Im Frühjahr 2003 erzählte Kevin seiner Mutter, dass er einen Psychiater brauche. Sie erkundigte sich bei der Krankenkasse, aber die Kasse wollte keinen Psychiater bezahlen. Heute denken Kevins Eltern, dass sie den Arzt auf eigene Kosten hätten beauftragen sollen. «Wir haben nicht genug für ihn getan, denn wir glaubten nie, über Leben und Tod zu entscheiden», sagt Mark Graham. Die Grahams sitzen auf dem Sofa nah nebeneinander. Sie fallen einander nie ins Wort, sie widersprechen einander nie. «Die Familie hält zusammen», sagt er, «weil jeder nur sich selbst Vorwürfe macht und keiner dem anderen.»

Psychische Krankheiten gelten noch immer als Makel. Im Militär war das Stigma lange Zeit noch grösser. «Die Militärkultur verherrlicht Stärke», sagt Graham, «und niemand bekennt sich gern zu seinen Ängsten.» Es ist exakt das Dilemma, in dem Kevin Graham während seiner letzten Tage gefangen war. Im Sommer 2003 hätte er die nächste Stufe seiner Militärausbildung erreicht, die Armee wollte ihn nach Deutschland schicken. Beim Gesundheitstest aber wäre aufgefallen, dass er Prozac nahm. Seine Mutter erkundigte sich unter falschem Namen nach den Folgen. Man sagte ihr, dass chronisch depressive Patienten ausgemustert würden.

General zeigt wahre Grösse

Kevin musste wählen zwischen Gesundheit und Karriere. Entweder musste er der Krankheit ohne Tabletten entgegentreten, oder sein Ziel aufgeben, Soldat zu werden. Er setzte die Medizin ab, dann war er tot. Es ist immer noch umstritten, warum sich jedes Jahr Hunderte US-Soldaten das Leben nehmen. Militärärzte widersprechen der Vermutung, Erlebnisse im Krieg oder Posttraumatische Belastungsstörungen erklärten dies allein. Aus ihrer Sicht entsprechen die Ursachen unter Soldaten denen unter Zivilisten: psychische Krankheiten, Alkohol- und Drogenmissbrauch, finanzielle Not, Beziehungsprobleme.

Doch gilt es als wahrscheinlich, dass nach 13 Jahren Krieg alle Soldaten unter erhöhtem Stress stehen, weil sie mehr arbeiten, mehr Ortswechsel verkraften müssen, von Partnern und Familien getrennt sind. Dazu kommen notorische Missstände im Militär wie sexueller Missbrauch. All dies kann auch jene verzweifeln lassen, die nicht kämpfen mussten. «Die Nähe zum Kriegsgeschehen», sagt Graham, «ist nicht abhängig von der Nähe zu Bagdad.»

Mark Graham hat sich nach dem Tod seiner Söhne oft ganz klein gemacht. Mal weinte er vor seinen Männern. Mal schilderte er seine Fehler. Wer ihm eine Weile zuhörte, verstand dann, dass er in Wahrheit Grösse zeigte: ein General, der seine Schwäche offenbart, seine Verwundbarkeit. «Wir müssen es als Stärke sehen, wenn jemand um Hilfe bittet, nicht als Schwäche», verlangte Graham vor Marines, und dann erzählte er die wahre Geschichte eines Army-Soldaten im Irak, der sich erschiessen wollte.

Der Soldat schaffte es nicht, weil jemand den Schlagbolzen aus seiner Pistole entfernt hatte. Ein Kamerad hatte erkannt, wie verzweifelt er war, und hatte die Waffe entschärft. Der Soldat, der sich töten wollte, liess sich behandeln – und wurde später gar befördert. Natürlich wird es dauern, bis so viel Empathie auch die letzte Einheit erreicht.

Mark Graham teilt seine Trauer und seine Scham, manchmal aber auch seine Freude. Dann erwähnt er Joe Quinn, den er einst als seinen Adjutanten auswählte, weil Quinn klug war und höflich und weil er im Irak gekämpft hatte. Irgendwann erzählte Quinn, sein Bruder Jimmy, ein Broker, sei am 11. September 2001 im 101. Stock des World Trade Center in New York gestorben. Graham hat dann lange mit Quinn über Liebe und Verlust gesprochen. Irgendwann war ihm der Soldat so nah, dass er ihn seiner Tochter Melanie vorstellte. Schliesslich hatten beide ihre Geschwister verloren.

Melanie Graham und Joe Quinn heirateten am 9. Juli 2011 in West Point.

Carol Graham war glücklich bei dieser Hochzeit, sie hat sich gewundert, dass sie noch so glücklich sein konnte. Vielleicht, sagt sie, ist Freude besonders gross, wenn man so viel getrauert hat. «Letztlich handelt unsere Geschichte ja nicht vom Tod», sagt sie noch, «sondern vom Leben.»

Erstellt: 28.10.2014, 07:53 Uhr

Kämpfen für mehr Mitgefühl: Carol
und Mark Graham. Foto: Privatarchiv

 Jeff Graham wurde auf einer Patrouille im Irak von einer Bombe getötet. Foto: Privatarchiv

Zu sensibel für die Armee: Kevin Graham litt an Depressionen und erhängte sich. Foto: Privatarchiv

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