Hintergrund

Der stille Schwarze im Weissen Haus

Der Film «The Butler» schildert das Schicksal eines schwarzen Dieners der US-Präsidenten. Der Zeitpunkt ist günstig: Die Rassenproblematik drängt jüngst mit Macht ins amerikanische Bewusstsein.

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Er diente sieben amerikanischen Präsidenten, von 1952 bis zu seiner Pensionierung 1986. Nicht als Minister oder General war er zur Stelle, sondern als Küchenhelfer und später als Diener im Weissen Haus. Sein Name war Eugene Allen, und er war in den Worten des Journalisten Wil Haygood, der ihn 2008 in der «Washington Post» porträtierte, «ein schwarzer Mann in einem sehr Weissen Haus».

Ein neuer Film des Regisseurs Lee Daniels basiert auf seinem Leben. Jedoch ist «The Butler» keine Biografie, sondern eher ein angelehntes Epos, welches das Schicksal Afroamerikas inmitten der Turbulenzen der Bürgerrechtsbewegung beobachtet. Das Drehbuch lässt zu wünschen übrig, zu plakativ kommt es bisweilen daher, doch retten die schauspielerischen Leistungen den Film. Allen voran Forest Whitaker in der Rolle seines Lebens als Präsidentendiener Cecil Gaines sowie Oprah Winfrey, die nach ihrer schrecklichen Pleite bei der Verfilmung von Toni Morrisons Roman «Beloved» vor anderthalb Jahrzehnten jetzt als Cecils alkoholabhängige Gattin Gloria glänzt.

«Täschligate» verhalf zu Publizität

Es half, dass Winfrey dem Film mächtig Publizität bescherte, vom Zürcher «Täschligate» bis zu allerhand Interviews in allerhand Medien. Und es half gleichfalls, dass ausgerechnet die Bête noire des konservativen Amerika, nämlich Jane Fonda, zum Ärger mancher Republikaner in die Rolle von Ronald Reagans Gattin Nancy schlüpfte. Obendrein dürfte dem Film Auftrieb geben, dass die Rassenproblematik durch den Fall des erschossenen Teens Trayvon Martin sowie den 50. Jahrestag von Martin Luther Kings grosser «I Have a Dream»-Rede in der kommenden Woche mit Macht zurück ins amerikanische Bewusstsein drängt.

Der Zeitpunkt der Premiere hätte günstiger kaum sein können: Trotz des ersten afroamerikanischen Präsidenten – oder vielleicht auch wegen ihm! – belasten neue Spannungen den Umgang zwischen Schwarz und Weiss. Und immerhin vermittelt «The Butler» einen problematischen Abschnitt amerikanischer Geschichte vor der Kulisse eines Weissen Hauses, das es nur selten gut meinte mit Afroamerikanern. Erfolglos musste etwa der berühmte schwarze Sklavereigegner Frederick Douglass 1866 nach einem Treffen mit Präsident Andrew Johnson das Weisse Haus verlassen: Johnson hatte Douglass' Plädoyer für afroamerikanische Bürgerrechte glatt abgelehnt.

John F. Kennedys pikierte Reaktion

Als Präsident Teddy Roosevelt 1901 den eminenten afroamerikanischen Erzieher Booker T. Washington ins Weisse Haus einlud, erhob sich vor allem im Süden ein Sturm, nachdem die Verabredung publik geworden war. Roosevelt, befand eine Zeitung in Memphis im Südstaat Tennessee, habe «einen Nigger zu Tisch gebeten». Unter Präsident Eisenhower zog erstmals ein afroamerikanischer Mitarbeiter ins Weisse Haus ein, ohne allerdings wirkliche Verantwortung zu tragen. Noch 1963 reagierte John F. Kennedy pikiert, weil anlässlich des 100. Jahrestags des Endes der Sklaverei der Entertainer Sammy Davis jr. und seine Frau May Britt unter den 800 geladenen Gästen weilten. Sein Problem? Davis war schwarz, seine Frau weiss.

Echte afroamerikanische Macht brachten erst Colin Powell und danach Condoleezza Rice als präsidiale Sicherheitsberater ins Weisse Haus. Und natürlich Barack Obama, dessen Wahlsieg Eugene Allen, der wirkliche «Butler», noch miterleben durfte, ehe er hochbetagt 2010 in Washington starb. Er habe «allen Präsidenten, für die ich gearbeitet habe, die Hand geschüttelt», sagte er nach seiner Pensionierung voller Stolz. Im Weissen Haus hatte der Butler miterlebt, wie die Rassentrennung aufgehoben und das amerikanische Bildungswesen integriert wurde. Er bereitete einen Imbiss für die Trauergäste von Kennedys Beerdigung zu und servierte Erfrischungen, als Lyndon Johnson die Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze feierte.

Wie sein fiktiver Doppelgänger Cecil Gaines setzte sich Eugene Allen im Weissen Haus eine Maske auf und wurde stiller Zeitzeuge monumentaler historischer Ereignisse im Leben des schwarzen Amerika. Jackie Kennedy beschenkte ihn mit einer Krawatte des ermordeten Präsidenten, Nancy Reagan lud Allen und seine Frau gar zum Staatsdinner für Helmut Kohl ein. «Ich habe nie einen Tag Arbeit verpasst», sagte Eugene Allen gegen Ende eines Lebens, das ihn von einer Plantage am James-Fluss in Virginia in die grosse und weisse Welt des offiziellen Washington führte. Forest Whitaker als Cecil Gaines lässt nun zumindest erahnen, was sich hinter Eugene Allens Maske verbarg.

Erstellt: 20.08.2013, 17:12 Uhr

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