Hintergrund

«Deshalb schloss ich mich der Guerilla an»

Die Niederländerin Tanja Nijmeijer kämpft seit Jahren bei der kolumbianischen Farc-Guerilla. In einem seltenen Interview erklärt sie, warum sie sich ein Leben ohne Farc nicht mehr vorstellen kann.

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«Ich bin stolz, bei den Farc zu sein», sagt Tanja Nijmeijer heute gegenüber der BBC. Sie sei eine ganz normale Guerillakämpferin. Mit bewaffneten Aktionen habe sie keine Probleme. Die bald 35-jährige Niederländerin ist eines der bekanntesten Gesichter der Farc. Als einzige Ausländerin ist sie Teil der Delegation bei den aktuellen Friedensgesprächen mit der kolumbianischen Regierung, die am 14. Januar in Havanna wiederaufgenommen wurden.

Die junge Frau schloss sich vor zehn Jahren den marxistischen Rebellen der Farc an. Unter dem Decknamen «Alexandra Nariño» kämpfte sie im Dschungel und übernahm offenbar Kommunikations- und Übersetzungsaufgaben. «Ich war mit den Farc einverstanden, deshalb habe ich mich der Guerilla angeschlossen», sagt Nijmeijer gegenüber der BBC. «Ich sah die Armut in Kolumbien und war sehr betroffen», sagt die ehemalige Studentin, die als gut 20-Jährige als Englischlehrerin nach Kolumbien kam. «Ich begann, das kapitalistische System zu hinterfragen.» Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien habe sie politisiert. Sie wollte aktiv an der Veränderung der Gesellschaft teilnehmen, betont Nijmeijer gegenüber der BBC.

Keine Scheu vor Waffen

«Für die Farc zu arbeiten, bedeutet, Bomben zu legen», sagte Nijmeijer im Jahr 2010 in einem Video, das im kolumbianischen Urwald aufgenommen wurde. Die Rebellin hinterfragt die Anwendung von Gewalt auch heute nicht. Bei der Frage der BBC-Journalistin, ob sie persönlich in gewalttätige Aktionen verwickelt gewesen sei, weicht sie aus. Nijmeijer sagt: «Wir sind eine bewaffnete Bewegung.» Sie habe es sich nicht ausgesucht, Gewalt anzuwenden. Doch sie wolle Politik machen in einem Land, in dem Politik eben Gewaltanwendung bedeute. Schliesslich seien die Farc-Rebellen die Opfer der kolumbianischen Politik und Medien. Von den zivilen Opfern – gemäss Amnesty International ungefähr 60 000 Menschen getötet und zwischen drei und vier Millionen Menschen vertrieben – spricht sie nicht.

«Wir würden die Bevölkerung niemals angreifen», beteuert die Kämpferin. Die von den Farc seit Jahren praktizierte Entführung von Zivilisten betrachteten die Farc nicht als Entführung, sondern als «ökonomische Festnahmen». Im Gegensatz zu Entführungen dienten sie nicht der persönlichen Bereicherung.

Bis zu 60 Jahre Gefängnis

Nijmeijer ist jedoch von der amerikanischen Justiz wegen Entführung und Terrorverdacht angeklagt. Ihr wird vorgeworfen, im Jahr 2003 mit anderen Farc-Kämpfern drei US-Bürger entführt zu haben. Kolumbianische Sicherheitskräfte befreiten die drei Geiseln zusammen mit der früheren Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt sowie weiteren Geiseln im Juli 2008. Wird die Niederländerin gefasst, können ihr bis zu 60 Jahre Haft drohen. Auch die kolumbianische Polizei sucht Nijmeijer, unter anderem wegen Anschlägen in Bogotá.

Nun hängt alles vom Ausgang der Friedensverhandlungen ab. Welche Rolle werden die Farc in Zukunft in Kolumbien spielen? «Wenn die aktuellen Friedensverhandlungen Kolumbien Frieden bringen, werden die Farc als politische Bewegung weiterexistieren», sagt Nijmeijer gegenüber der BBC. Schliesslich seien die Farc eine kommunistische Partei. «Wir könnten ohne Gewehre für unsere Ideen kämpfen.»

Nach Jahren im Untergrund kann sich Nijmeijer jedenfalls nicht mehr vorstellen, wieder in Europa zu leben: «Mein Leben sind jetzt die Farc.»

Erstellt: 31.01.2013, 15:14 Uhr

Farc-Rebellen töten vier Soldaten

Nach dem Ende der einseitig erklärten Waffenruhe der Farc-Rebellen in Kolumbien sind laut Armee bei Kämpfen vier Soldaten getötet worden. Zwei weitere Soldaten seien bei Gefechten mit der Guerilla in der Provinz Nariño nahe der Grenze zu Ecuador verletzt worden.

Dies teilte die Militärführung am Donnerstag mit. Die Farc-Rebellen hatten vergangene Woche ihre im November einseitig erklärte Waffenruhe auslaufen lassen. Anlass waren Friedensgespräche mit der Regierung in Bogotá. Die Gespräche sollten am Donnerstag in der kubanischen Hauptstadt Havanna fortgesetzt werden.

9200 Guerillakämpfer

Die Farc-Guerilla verfügt nach Regierungsangaben über 9200 Kämpfer. Gegründet wurden die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) 1964 im Kampf gegen Grossgrundbesitzer.

In dem Konflikt wurden Schätzungen zufolge bislang 600 000 Menschen getötet. Nach UNO-Angaben wurden zudem vier Millionen Menschen vertrieben. Drei vorherige Versuche, Frieden zu schliessen, scheiterten. (SDA)

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Farc: Ein jahrzehntelanger Konflikt

Farc: Ein jahrzehntelanger Konflikt Kolumbien will den seit fünfzig Jahren andauernden Konflikt mit der grössten Rebellengruppe des Landes endlich beenden.

Lanwierige Friedensverhandlungen

Die aktuellen Friedensgespräche sind der vierte Versuch der kolumbianischen Regierung und der Rebellenorganisation Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), den seit 1964 andauernden gewaltsamen Konflikt zu beenden. Viele Fragen sind zu klären, wobei besonders die Frage der Landverteilung umstritten ist. Gemäss der Nachrichtenagentur DPA haben in den vergangenen knapp zwei Wochen beide Seiten vor allem über die Situation der Landbevölkerung gesprochen. Die Rebellen fordern mehr Rechte für Kolumbiens Bauern und kritisieren die Macht der Grossgrundbesitzer. Als Schlussdatum für die Verhandlungen sieht Präsident Juan Manuel Santos den November 2013 vor.

Zum Auftakt der Friedensgespräche verkündeten die Farc am 19. November eine einseitige Waffenruhe. Diese läuft noch bis zum 20. Januar. Die kolumbianische Regierung geht aber weiter gegen die Guerilla vor. Die Farc verlangen nun ihrerseits von der Regierung eine Waffenruhe. (mal)

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