Die Abrichtung des Mannes

Donald Trump möchte, dass Soldaten ihm in einer Parade huldigen. Der Wunsch ist bei autoritären Männern beliebt. Und degradiert die Soldaten zu Automaten.

Im Gleichschritt: Chinesische Soldaten bei einer Parade in Peking (2009). Foto: Ng Han Guan (AP, Keystone)

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Von den Franzosen hält Donald Trump vermutlich so viel wie die meisten Amerikaner, nämlich nichts, weil die Franzosen den Amerikanern zu wenig huldigen und eine lange Geschichte von Misstrauen, Verrat und Hass die beiden Länder trennt. Aber etwas hat dem amerikanischen Präsidenten bei seinem sommerlichen Besuch in Paris imponiert: die Militärparade, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf den Champs-Elysées abhalten liess.

Jetzt will Trump, der keinen Tag im Militär verbrachte, auch so eine Parade für sich daheim. In Washington. Mit Soldaten, Panzern, Waffen und Fliegern. Zwar gibt es immer wieder solche Veranstaltungen in Washington, aber die letzte militärische Grossparade liegt Jahrzehnte zurück. Sie fand nach dem Ende des ersten Irak-Kriegs statt. «Wargasm on Constitution Avenue» nannte Niklaus Meienberg seine damalige Reportage. Das war im Juni 1991.

Greise und Soldaten

Militärparaden sind bei autoritären Männern beliebt. Afrikanische und südamerikanische Diktatoren halten sie gerne ab, die sowjetischen Greise fanden es toll, wenn junge Soldaten der Roten Armee an ihnen vorbeimarschierten, die Bürgerinnen und Bürger der DDR mussten sich immer wieder im Spalier langweilen, wenn das Politbüro sich wieder einmal feiern lassen wollte.

Aber keiner erreichte die stählerne Präzision, wie Adolf Hitler sie bei der deutschen Wehrmacht eindrillen liess. Regelmässig bot er die Soldaten zu Paraden auf, in Nürnberg zum Beispiel, Leni Riefenstahl hat Auftritte jener Zeit mit beklemmender Virtuosität gefilmt. Wie sich diese Art von Aufmärschen anfühlen konnten, der Reichswehroffizier Ernst von Salomon hat es schon als Kadett im Ersten Weltkrieg erlebt und später beschrieben, und er konnte seine Tinte nicht halten: «Hoch schnellt der Degen, blitzt und senkt sich tief zur Erde, die Erde stäubt vom hundertfältigen Schritt, die Erde dröhnt und stöhnt, zweihundertfünfzig Mann vorbei (...), zweihundertfünfzig Hände sausen vor und zurück, zweihundertfünfzig Beine reissen in grausamen, unaufhaltsamen Rhythmus der Leiber vor.»

Militärparaden, das Zitat belegt es, realisieren die Männerfantasie einer militarisierten Sexualität, welche die Erde stöhnen lässt wie eine massenvergewaltigte Frau. Grausam, unaufhaltsam marschiert die Kolonne auf den Feind zu, um ihn unter ihren Stiefeln zu zertreten. «Unterleibsekstase des Stechschritts» nannte das der Publizist Rudi Thiessen. Führer und Generäle fühlen sich erregt, wenn die Soldaten zu einer Masse von Beherrschten werden, gepanzerte, geometrisierte Körper, steuerbare Tötungsmaschinen, befehlsbereit, ausführwillig. Die Militärparade ist das automatisierte Ballett der Gewalt.

Üben auf dem Busparkplatz

Für den einzelnen Soldaten stellt sie eine De­mütigung dar, was ja dem disziplinarischen Ziel der Methode entspricht. Wer selber Militär gemacht hat, statt dauernd vom Militär zu reden, weiss es: Nichts ist bei den Soldaten und Rekruten der­massen verhasst wie die sogenannte Zugschule, bei der einer Kompanie das mechanische Laufen, Gewehrschultern, Grüssen und systematische Gleichaussehen eingedrillt wird. Unter dem Helm sind alle gleich, tun das Gleiche im selben Moment.

In der Rekrutenschule mussten wir auf Busparkplätzen üben, am Rand standen ein paar Rentner, die rauchten und zuschauten, während wir abgerichtet wurden. Auf einem Marsch läuft man, wie man will, im Lastwagen sitzt man, wie man will, am Mittag isst man so, wie man will, legt sich abends hin, wie man will. Aber beim Paradieren gibt es kein Recht mehr, jemand zu sein. Der Drill zur Gleichförmigkeit nimmt dem Einzelnen die Möglichkeit der Individualität. Er wird zum mobilen Partikel eines Ganzen, das dann auf dem Schlachtfeld wieder atomisiert wird: erschossen, zermalmt, zerfetzt.

So weit möchte Donald Trump noch nicht gehen. Ihm langt es vorerst, wenn das Heer ihn grüsst. Was ihm noch fehlt, ist die nötige Operettenuniform: mit Epauletten, Orden, Stiefeln. Und, vielleicht, einer kleinen Reiter­gertsche; ohne Zucht keine Ordnung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2018, 23:12 Uhr

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