Die CIA und ihre Hundesöhne

Die Geschichte des US-Geheimdienstes ist blutbefleckt und fehlerhaft. Statt aufzuklären, zieht die CIA von Krieg zu Krieg. Was bringt hier ein neuer Chef?

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Wenn der Mann mit dem grimmigen Gesicht heute vor einem Senatsausschuss für den schmutzigsten Job in Washington kandidiert, kennt er zumindest die Materie: John Brennan arbeitete ein Vierteljahrhundert bei der Central Intelligence Agency, bekannt unter dem Kürzel CIA, ehe er Barack Obamas Terrorberater wurde. Jetzt möchte er Chef des amerikanischen Geheimdienstes werden und damit einer Behörde vorstehen, die das amerikanische Ansehen wie keine andere besudelt hat.

«Ich erwarte das Schlimmste, und ich weiss, dass ich nicht enttäuscht werde», ahnte schon Walter Bedell Smith, der zweite CIA-Direktor, vor seinem Amtsantritt 1950. Und es kam das Schlimme und enttäuschte viele. Enttäuscht hat der Dienst zuallererst jene, die an amerikanische Ideale glaubten. Und diese nicht mit Folter, Kidnapping, illegalen Abhörmethoden und Umstürzen ohne Rechtsgrundlage in fernen Nationen versöhnen konnte. Enttäuscht hat die CIA aber auch ihre Auftraggeber im Weissen Haus, die sie mittels klandestiner Quellen und Methoden über den Gang der Welt aufklären sollte. Nach über sechs Jahrzehnten, während derer sich der Dienst oft ungeschickt aufführte, lautete das traurige Fazit: Nur selten brachte die CIA wirkliche Aufklärung zustande, zu oft verstand sie sich als Instrument einer imperialen Aussenpolitik.

Draufgänger und Kaputte

Er sei vornehmlich an einer «Zentrale interessiert, die den Präsidenten mit Informationen über die Welt versorgen kann», sagte Harry Truman, ehe er die CIA 1947 ins Leben rief, rechtzeitig zu Beginn des Kalten Kriegs. Trumans späteren Aussenminister Dean Acheson befiel hingegen Unwohlsein, sobald er sich diese Neuschöpfung besah: «Ich habe bange Ahnungen, wenn ich an diese Organisation denke», schrieb er. Er sollte recht behalten. Von Beginn an gebärdete sich der Dienst als eine Vereinigung von Draufgängern, paranoiden Gestalten, abgekrachten Existenzen. Ausserdem wurde er besonders während des Kalten Kriegs zum Spielplatz ehrgeiziger Söhne aus besten amerikanischen Familien, die nach Ruhm und Anerkennung strebten und dabei bisweilen einem blinden Aktionismus huldigten.

Sind es heute CIA-Drohneneinsätze, bei denen nebst den Schuldigen auch Unschuldige sterben, so waren es vormals von der CIA organisierte Staatsstreiche oder Mordkomplotte, die Tausende, ja Hunderttausende das Leben kosteten. Wie es der spätere CIA-Boss Allen Dulles früh schon definierte: «Du brauchst ein paar Märtyrer, einige Leute müssen umkommen.» Dulles, ein früher CIA-Mann, glaubte überdies, man könnte «die Züge nicht zum Laufen kriegen ohne ein paar Nazis an Bord».

Hunderte von Agenten geopfert

Kompromittiert war der Dienst von Beginn weg. Und obschon Operationschef Frank Wisner Hunderte osteuropäischer Agenten opferte, wusste die CIA wenig über den Osten. Die Kollateralschäden verrückter Aktionen, die bei reichlichem Whiskygenuss in Washington ersonnen wurden, interessierten die geheimdienstliche Elite nicht, als sie zu Beginn des Kalten Kriegs Ukrainer und Rumänen, exilierte Russen und Ostdeutsche in den Tod schickte. Nicht anders verhielt es sich 1989, als CIA-Informant Manuel Noriega in Panama-Stadt ausgehoben wurde und Hunderte Bewohner dabei ihr Leben verloren.

Dass auf den CIA-Coup gegen Präsident Jacobo Arbenz in Guatemala, der als Kommunist verdächtigt worden war, vier Jahrzehnte Diktatur und Grauen folgten und Tausende diversen Regimen sowie einem Bürgerkrieg zum Opfer fielen, scherte ebenfalls niemanden. Sie wurden als Begleiterscheinungen eines Ringens zwischen Gott und den Gottlosen hingenommen. Dabei verhöhnte ihr Tod genau jene Werte, auf die sich Amerikaner bis heute so gerne beziehen.

Wie man sich Feinde züchtet

Überhaupt wurden geheime CIA-Gefängnisse, in denen gefoltert wurde, nicht erst seit dem «Krieg gegen den Terror» betrieben. Was der Dienst 2004 in Polen und sonst wo praktizierte, hatte er schon ein halbes Jahrhundert zuvor getan, etwa in der amerikanischen Kanalzone in Panama. «Das war wie Guantánamo, alles war erlaubt», beschrieb der CIA-Mann Thomas Polgar die damalige Praxis. Lediglich die Tapete der Historie wechselte: Mal war der Feind ein Kommunist, mal ein Terrorist.

Mittendrin agierten Irre wie der CIA-Chemiker Sidney Gottlieb, der die Giftspritze für die Ausschaltung des kongolesischen Übels Patrice Lumumba präparierte. Im Kongo folgte auf Lumumba, der dann erschossen wurde, Mobutu Sese Seko. Die CIA schmierte den Tyrannen über Jahrzehnte, derweil er mordete und sein Land ruinierte. Aber auch für ihn galt, was Franklin Roosevelt über den nicaraguanischen Autokraten Anastasio Somoza gesagt haben soll: «Er mag ein Hundesohn sein, aber er ist unser Hundesohn.»

Starthilfe für Saddam Hussein

Alle waren sie Hundesöhne, die CIA-Kreaturen. Selbst Saddam Hussein und seine Baath-Partei schossen sich mithilfe des Dienstes an die Macht: «Wir sind mit einem CIA-Zug an die Macht gekommen», bekannte Ali Saleh Sa’adi, erster Baath-Innenminister in Bagdad. Allerdings kam es nicht immer so heraus, wie die CIA es geplant hatte. Oft kehrten sich die ursprünglichen Absichten des Dienstes in ihr Gegenteil. Denn die Geschichte marschierte weiter, aber in eine ungeplante Richtung, sehr zum Nachteil der Amerikaner. Vom Sturz des Nationalisten Mossadegh im Iran und der Wiedereinsetzung des verhassten Schahs 1953 führte eine direkte Linie zu Ayatollah Khomeini. Und die CIA-Unterstützung der afghanischen Gotteskrieger in ihrem Kampf gegen die Sowjets brachte Osama Bin Laden hervor.

So war nicht weiter verwunderlich, dass Präsident Lyndon Johnson bis an sein Lebensende überzeugt war, die von den Kennedy-Brüdern, JFK und Robert, angezettelten CIA-Mordkomplotte gegen Fidel Castro hätten JFK das Leben gekostet: «Kennedy hat versucht, Castro zu kriegen, aber Castro war zuerst», glaubte Johnson. Es half nicht, dass der Dienst seine Mordanschläge auf Castro inklusive der Rolle der Mafia verschwieg, als ein Untersuchungsausschuss den Mord an JFK aufklären wollte. Aber gewisse Dinge nahmen die Vorsteher des Dienstes lieber mit ins Grab. Schon Allen Dulles’ Schwester hatte einem Freund anvertraut, es gebe Dinge, die der Bruder nicht einmal dem Präsidenten mitteilte: «Es ist besser so.»

Was die CIA nicht kommen sah

Andererseits liess sich der Dienst von diversen Präsidenten missbrauchen: Besonders Richard Nixon spannte die CIA für allerlei Illegales ein und versuchte gar, die Watergate-Untersuchung des FBI zu sabotieren, indem er den Einbruch ins demokratische Wahlkampf-Hauptquartier als CIA-Aktion deklarierte. CIA-Direktor Richard Helms lehnte ab, half Nixon jedoch 1973 beim Sturz des chilenischen Sozialisten Salvador Allende. Er solle die chilenische Wirtschaft «zum Schreien bringen», befahl Nixon dem CIA-Boss. Der tat wie geheissen, worauf Tausende starben.

Mit seiner eigentlichen Aufgabe aber, der Aufklärung, tat sich der Dienst schwer: Die CIA glaubte nicht, dass China in den Koreakrieg eingreifen werde, überschätzte jahrzehntelang das Machtpotenzial der Sowjetunion, verschlief den Yom-Kippur-Krieg und verfiel im Vorfeld von George W. Bushs Einmarsch im Irak dem Wunschdenken. Damit blamierte sich die CIA auf der ganzen Welt. Denn die Massenvernichtungswaffen, an deren Existenz der Dienst geglaubt hatte, blieben unauffindbar. «Wir haben unsere Arbeit nicht gemacht», befand lapidar der damalige CIA-Direktor George Tenet – hunderttausend Tote später.

Die CIA, hatte Allen Dulles 1947 zweifelnden Kongressmitgliedern versprochen, werde «von einer relativ kleinen Elite geleitet werden, der eine Leidenschaft für Anonymität zu eigen ist». Anonym war es schon, die «Elite» aber hatte oftmals schwere psychische Probleme: Alkoholiker wie der Operationschef Frank Wisner – 1958 wurde er wegen psychotischer Störungen mit Elektroschocks behandelt – oder der bereits am frühen Mittag betrunkene James Jesus Angleton, der zur Paranoia neigte und ein Leben lang nach Maulwürfen fahndete, prägten den Dienst ebenso wie Ronald Reagans gesetzloser CIA-Direktor William Casey. Über ihn klagte der demokratische Senator Patrick Leahy, er sage «dir nicht einmal, wenn dein Mantel Feuer gefangen hat».

Ein Schatten seiner selbst

Wie amateurhaft die angebliche Elite oftmals arbeitete, zeigte Caseys Anweisung an seinen neuen Chef der Lateinamerika-Abteilung: «Nehmen Sie sich ein oder zwei Monate frei, und finden Sie heraus, was wir in Zentralamerika tun sollen», sagte der Direktor zu Dewey Clarridge, der keinerlei Erfahrung in der Region besass, gleichwohl aber den Contra-Krieg gegen die Sandinisten forcieren sollte.

Inzwischen ist der Dienst nur mehr ein Schatten seiner selbst: Bedrängt von den Geheimdiensten des Pentagons und von privaten Anbietern wie Lockheed Martin mischelt sich die CIA durch, ein ungeliebtes Überbleibsel entschwundener Umstände und Zeiten. Gelegentlich, etwa bei der Ausschaltung Bin Ladens, trifft der Dienst das Ziel. Aber seine Bedeutung schwindet weiter. Seit 2005 untersteht der Dienst zudem dem Nationalen Direktor für Aufklärung, eine entscheidende Rolle spielt er längst nicht mehr. «Du sollst die Wahrheit kennen, und die Wahrheit soll dich befreien», hatte Allen Dulles 1960 ins brandneue CIA-Hauptquartier in Langley nahe Washington eingravieren lassen, einen Satz aus dem Johannes-Evangelium. Gutes Motto, aber belanglos. Das wird auch John Brennan nicht ändern können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2013, 11:42 Uhr

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