Porträt

Die Frau, die «Fuck the EU» sagte

Die US-Europabeauftragte Victoria Nuland hat ihre europäischen Partner desavouiert. Die erfahrene Diplomatin fiel bisher nicht mit Fehltritten auf – sie überstand sogar eine heftige Attacke der Republikaner unbeschadet.

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In den vergangenen Monaten war Victoria Nuland hinter den Kulissen darum bemüht, den Ärger der Europäer über die Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA zu besänftigen. Nun stiess die Europabeauftragte von US-Aussenminister John Kerry die transatlantischen Verbündeten mit einer äusserst undiplomatischen Aussage vor den Kopf: «Fuck the EU», zu Deutsch: «Scheiss auf die EU».


Der entscheidende Moment: bei Minute 3:02.

Die 1961 geborene Nuland ist weder unerfahren noch für unbedachte Äusserungen bekannt. Sie kann im Gegenteil eine fast 30-jährige Karriere als US-Diplomatin vorweisen und hat sowohl unter Demokraten wie unter Republikanern wichtige Posten bekleidet. Bis Mitte September war Nuland die Sprecherin von Kerrys Vorgängerin Hillary Clinton.

«Amerika braucht ein starkes Europa»

Nulands Äusserung steht in scharfem Kontrast zu ihren öffentlichen Äusserungen. In einer Rede Mitte November vor der Denkfabrik Atlantic Council in Washington forderte Nuland eine «transatlantische Renaissance». Die USA und die europäischen Staaten müssten sich auf ihr gemeinsames Wertefundament besinnen und die neuen globalen Herausforderungen geeint angehen. «Amerika braucht ein starkes Europa, und Europa braucht ein starkes Amerika», sagte sie damals.

Nuland kennt sich im transatlantischen Gefüge durch ihre Zeit als US-Botschafterin bei der Nato von 2005 bis 2008 gut aus. Von Februar 2010 bis Juni 2011 war sie als US-Sondergesandte für die Abrüstung konventioneller Waffen in Europa im Einsatz. Die Tochter einer Britin und eines US-amerikanischen Chirurgen spricht fliessend Russisch und Französisch. Beim Untergang der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre beobachtete sie für die US-Botschaft in Moskau die Lage.

Mit Neokonservativem verheiratet

Verheiratet ist Nuland mit dem Historiker Robert Kagan, der mit seinem Institut Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert als ein Vordenker der neokonservativen Aussenpolitik unter Präsident George W. Bush galt. Nuland erwies sich als parteipolitisch flexibel: Die Diplomatin war unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton von 1993 bis 1996 die Stabschefin eines stellvertretenden Aussenministers, von 2003 bis 2005 arbeitete sie zu Hochzeiten des Irakkriegs als sicherheitspolitische Beraterin des republikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney. Wenn sie die politische Haltung ihres Mannes teilt, dann hat sie dies für sich behalten, wie ein Reporter des Magazins «Salon» im Mai 2013 festhielt.

Nuland war damals erstmals Teil einer öffentlichen Kontroverse. Sie geriet – gerade von konservativer Seite – unter starken Beschuss wegen ihrer Rolle in der Benghazi-Affäre, bei der dem Aussenministerium vorgeworfen wurde, zentrale Informationen über den Überfall auf das amerikanische Konsulat in der libyschen Stadt zurückzuhalten und zu verfremden, um vom eigenen Versagen abzulenken. Die Vorwürfe gegen Nuland erwiesen sich allerdings als «Quatsch», wie ein Kommentator der «New York Times» urteilte. Es waren vielmehr die oberen CIA-Chargen, welche die Sprachregelung heruntertemperierten.

Konservative Fürsprecher

Für Nuland erwies sich denn der Vorfall auch nicht als Fallstrick: Die republikanischen Senatoren Lindsey Graham und John McCain nahmen Nuland nach ihrer Nominierung zur Europabeauftragten öffentlich in Schutz: Sie sei in den wichtigsten aussenpolitischen Themen erfahren und sachkundig und bei Aussenpolitikern beider Parteien respektiert.

Dass Nuland unter dem neuen US-Aussenminister nicht Sprecherin des Aussenministeriums blieb, war allerdings zu erwarten. Nuland war Cheneys Beraterin, als Bush und Cheney im Präsidentschaftswahlkampf 2004 mit einer heftigen Kampagne die Leistungen des demokratischen Kandidaten Kerry als Soldaten während des Vietnamkriegs diskreditieren liessen.

Loyale Diplomatin

Der Aussenminister nahm die Vergangenheit seiner Mitarbeiterin zumindest äusserlich mit Humor: Nuland sei ein «einzigartiges» Mitglied des «Hillary-Clinton-Dick-Cheney-Alumnivereins», sagte er bei ihrer Vereidigung.

Nuland selber sagte, sie habe erwartet, den Job zu verlieren: «Wie alle guten Diplomaten gehe ich zurück in den Pool und schaue, was sie von mir als Nächstes erwarten.» In diesem Fall offenbar, die US-Interessen in der Ukraine durchzusetzen – ohne Rücksicht auf den Partner EU. (mw/AFP)

Erstellt: 07.02.2014, 11:24 Uhr

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