«Die Jungen wollen jetzt auch Narco werden»

Die mexikanische Journalistin Ana Lilia Pérez über die Gefahr von Netflix-Serien und gestohlenen Treibstoff.

Feuer an einem illegal angebrachten Kraftstoffventil an einer Pipeline im mexikanischen Bundesstaat Puebla. Foto: AFP

Feuer an einem illegal angebrachten Kraftstoffventil an einer Pipeline im mexikanischen Bundesstaat Puebla. Foto: AFP

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Frau Pérez, auf Netflix läuft gerade«El Chapo». Die Serie ist sehr erfolgreich, ständig fliegen Kugeln, und es rollen Köpfe – schauen Sie auch gerne Narco-Serien über Drogenhändler?
Nein, nie. Ich bin gegen diese Verherrlichung des Verbrechens. Drogenhändler sind nicht die Mächtigen, die man im Fernsehen zur Unterhaltung sieht; ihre Taten bedeuten Blut, Tod und Gewalt.

Fühlen Sie Ihre Arbeit durch solche Serien verächtlich gemacht?
Ja, es ist beleidigend, diese Romantisierung. Ausserdem wird dadurch viel Schaden angerichtet. In manchen Gegenden Mexikos lassen sich die Jungen anstecken von dieser Kultur. Sie denken nicht daran, etwas zu lernen oder zu arbeiten. Sie wollen auch Narco werden.

Sie haben Bücher geschrieben über die Kartelle und ihre Geschäfte. Wären Sie eine Figur in einer dieser Serien, wären Sie längst tot. Wie schützen Sie sich? Es heisst, Sie tragen eine kugelsichere Weste.
Ich hatte sogar eine Eskorte. Aber man lernt, dass man gewissen Strukturen besser nicht vertraut. Heute habe ich mein eigenes Sicherheitsprotokoll.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ich sage immer, wo ich hingehe und mit wem. Ich checke genau, wen ich interviewe. Ich gehe nachts nicht aus. Ich sage auch nicht, woran ich arbeite. In Mexiko werden ständig Journalisten bedroht und ermordet. 99 Prozent der Morde bleiben unaufgeklärt. Deshalb gibt es so viel Selbstzensur.

Hat das Methode?
Ja, du sollst Angst haben, etwas zu veröffentlichen.

Ana Lilia Pérez ist die bekannteste Investigativjournalistin Mexikos. Foto: PD

Sie selbst haben noch als Studentin angefangen zu recherchieren.War Ihnen klar, welches Risiko Sie eingehen?
Ich habe Nachforschungen betrieben, ohne zu wissen, dass man das Investigativjournalismus nennt. Anfangs habe ich nur wegen Korruption unter Funktionären recherchiert. Da bin ich erst darauf gestossen, dass das organisierte Verbrechen die Ölindustrie unterwandert, die in Mexiko einen Grossteil des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Der Handel mit gestohlenem Treibstoff ist inzwischen eines der Hauptgeschäfte der organisierten Kriminalität.

Das heisst, statt Koks zu schmuggeln, lassen die Bosse heute Benzin klauen?
Der Benzindiebstahl ist ein Millionengeschäft. Die Tankstellen haben irgendwann nicht mehr bei Pemex, dem staatlichen Mineralölkonzern, gekauft, sondern bei den Kartellen. Die Banden haben zuletzt nicht mehr um Territorien gekämpft, sondern um ihren Anteil am Treibstoffdiebstahl. Das habe ich aufgedeckt.

Was genau?
Ich habe herausgefunden, dass die Soldaten, die die Pipelines bewachen, Angebote von dem Kartell der Zetas bekommen hatten, ohne dass die Pemex-Direktion etwas dagegen unternommen hätte. Ich habe Akteneinsicht beantragt. Pemex hat zehn Anwälte gegen mich aufgeboten …

...und Mörder.
Ja, sie kamen zur gleichen Zeit. Ich hatte Beweise, dass die Ölindustrie mit den Kartellen gemeinsame Sache machte. Was sollte ich damit tun? Ich dachte, es sei weniger riskant, wenn ich sie veröffentliche.

Sie sind dann untergetaucht, weit weg von den mexikanischen Drogenbossen – um dann ein Buch über weltweite Drogenkriminalität zu schreiben. Sie haben Ihr Risiko globalisiert.
Ich lebe eben in der Welt der Daten und der Recherche. Ein Thema bringt dich zum nächsten, eine Information zur nächsten. Ausserdem: Du kannst im schönsten, sichersten Land sein, aber es nicht deine Umgebung, nicht der Ort deiner Wurzeln.

Sie kehrten nach Mexiko zurück. Wie leben Sie dort jetzt mit der Angst?
Genau so, wie Sie es sagen: Man lernt, mit ihr zu leben. Sie wird dich nicht mehr verlassen. Hier in Deutschland kam ich in sehr schlechtem Zustand an, ich musste Therapien durchlaufen. Ich habe dann beschlossen, nicht mehr an die Zukunft zu denken.

Warum tun Sie sich das an?
Es gibt viele Dinge, die einen empören. Ich kenne bei uns extrem Reiche, die sich an der Macht bereichert haben. Ich war aber auch bei Armen in den Dörfern Mexikos, wo die Leute Maisfladen essen, du musst zehn Stunden durch die Sierra laufen, um zu ihnen zu gelangen, in Gegenden, von denen du glaubst, so was gibt es gar nicht mehr. Einmal habe ich eine indigene Frau getroffen, die Krebs hatte. Sie hat mir ihre Medizin gezeigt, von der sie nicht wusste, was es ist: Es war Hustensaft. Das sollte es in einem Land wie Mexiko nicht geben, wo die reichsten Leute der Welt leben.

Sie sind Journalistin, und Sie sind eine Frau in einem Land, in dem Morde an Frauen an der Tagesordnung sind.Wie gehen Sie mit der Gefahr um?
Meine Arbeit ist eine Art Selbstermächtigung. Auch im Journalismus gibt es Diskriminierung. Ich habe als junge Frau angefangen, sehr heftige Themen zu bearbeiten, von denen es hiess, sie seien für Männer. Du musst mit deiner Arbeit zeigen, dass du so gut bist wie ein männlicher Kollege, eigentlich das Doppelte leisten.

Mexiko hat einen neuen Präsidenten, Andrés Manuel López Obrador. Er hat versprochen, die Armut zu verringern und die Korruption zu bekämpfen.Ist es besser geworden?
Seine Wahl war eine Art Aufschrei, die Leute haben enorme Erwartungen. Doch die Probleme Mexikos sind strukturell. Mit der Korruption räumst du nicht von einem Tag auf den anderen auf. Es ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft.

Donald Trump benutzt uns als Kapital für seine Kampagne zur Wiederwahl.Ana Lilia Pérez

Zuvor gab es von der Politik kaum Interesse, Ihre Nachforschungen aufzugreifen. Ändert sich das?
Der Präsident hat öffentlich direkt auf meine Arbeit Bezug genommen. Seine Regierung wird die Verbrechen bekämpfen, die ich aufgedeckt habe.

Wie ist es, wenn der Präsident die Arbeit vieler Jahre derart anerkennt?
Es ist wie eine Wiedergutmachung für alles, was ich erlitten habe. Die Aufgabe des Journalisten ist es ja, den Staat zum Handeln zu bringen. Das ist in Mexiko sehr lange nicht passiert. Jetzt hat sich etwas bewegt, aber es ist noch nicht abgeschlossen.

Wollen viele Mexikaner vielleicht gar nicht wissen, was die Wahrheit ist?
Viele sind nicht bereit, das korrupte System zu verlassen. Dass man Polizisten schmiert, ist an der Tagesordnung.

Mexiko scheint in zwei Realitäten zu leben, der des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Tourismus auf der einen Seite und der Gewalt auf der anderen. Wie passt das zusammen?
Es gibt Gegenden bei uns, wo das Wachstum sehr viel mit Geldwäsche zu tun hat.

Das heisst, die Leute profitieren vom Verbrechen, auch wenn sie selbst nicht daran beteiligt sind.
So ist es. Viele Bosse werden oft angesehen wie einst Pablo Escobar: Er ist der, der die Schule oder die Strasse baut, Sicherheit verspricht. So ergattern sie das Wohlwollen der Leute. Der Boss Osiel Cárdenas Guillén schickte zum Tag des Kindes am 30.?April immer Ladungen mit Spielzeug und Plakaten in die Dörfer, auf denen stand: «Alles Gute, dein Freund Osiel.» Das geht, weil der Staat sich aus vielen Regionen zurückgezogen, ein Vakuum hinterlassen hat. Da hat sich der Kriminelle reingesetzt. Er schafft Arbeit, verteilt Geschenke. Die Leute schützen ihn sogar.

Es gibt Stimmen, die sagen, man sollte Drogen legalisieren, um den Bossen die Geschäftsgrundlage zu entziehen.
Ich glaube, das könnte ein Weg sein. Die Gewinne entstehen ja in der Illegalität.

Gleichzeitig tun sich für die Kartelle neue Geschäftsfelder auf, etwa durch die Migration.
Ja, den Kartellen spielt die Migrationssituation in die Hände. Die machen schon lange Geschäfte mit Migranten. Sie entführen sie und pressen Lösegeld ab. Das ist ein fantastisches Geschäft. Denn Migration wird nie aufhören, sie gehört zum Menschen.

Dennoch schickt Mexikos neuer Präsident die Nationalgarde an die Südgrenze.
Das ist uns aufgezwungen worden. Donald Trump benutzt uns als Kapital für seine Kampagne zur Wiederwahl. Einen Tag droht er mit den Zöllen, das zwingt Mexikos Regierung zu einer Reaktion. Unsere Guardia Nacional, die eigentlich etwas gegen die Gewalt tun sollte, ist jetzt damit beschäftigt, die Grenze zu schützen. Mexiko hat man die Rolle als Gefängniswärter der Migranten zugeschrieben.

Erstellt: 21.08.2019, 10:21 Uhr

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