Die Kindersklaven von Haiti

Zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti sind die Lebensbedingungen der Menschen noch immer schlecht – was auch am Beispiel der zahlreichen Kindersklaven deutlich ersichtlich ist.

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Im Arbeiterviertel von Carrefour, am Strand von Port-au-Prince, sind die Spuren des Erdbebens vom 12. Januar 2010 noch gut sichtbar. So auch im Kinderfoyer «Maurice Sixto», wo ein Grossteil der Räumlichkeiten dringend renovierungsbedürftig ist. Die anfallenden Kosten übernimmt der Kanton Genf. Bis zum Abschluss der Arbeiten lauschen die Kinder draussen auf dem Platz dem Schulunterricht, eng beieinander unter einem Blechdach sitzend. Vor ihnen stehen mehrere Lehrer, die die verschiedenen Klassen unterrichten. Die Stimmung ist heiter. Die 250 Kinder, die regelmässig ins Foyer kommen, sind zwischen 6 und 18 Jahre alt, viele kennen ihr genaues Alter nicht. Wenn sie sicht nicht hier sind, leben sie bei fremden Familien, wo man ihren Geburtstag nicht feiert und man sie für verschiedene Arbeiten einsetzt.

Waschen, putzen, Kinder betreuen

Das Foyer trägt den Namen eines haitianischen Intellektuellen, der sich als einer der Ersten für die Anliegen der Sklavenkinder einsetzte. Es scheint der einzige Ort auf Haiti zu sein, an dem diese Kinder ein scheinbar normales Leben führen können. Das Foyer wurde 1989 von Pater Miguel Jean-Baptiste gegründet, der als Haitianer in Freiburg studiert hat. Jeden Tag betreut das Foyer die Kinder ein paar Stunden lang, spendet ihnen eine Mahlzeit und ermöglicht ihnen die Schulbildung.

Trotz der Unterstützung der NGO Terre des Hommes und der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit sind die Zeiten hart: zum einen wird das Elend der Sklavenkinder immer grösser, zum anderen fehlt das Geld, um die vielen Kinder zu ernähren.

Für die Sklavenkinder beginnt das Drama meist dann, wenn sie von ihren Eltern – die oft irgendwo auf dem Land in schwierigen Bedingungen leben – an «Pflegefamilien» aus der Stadt übergeben werden. Was viele dabei nicht wissen: Die Kinder – meist kaum älter als 8 Jahre – werden oft als Arbeitskräfte missbraucht: Von morgens bis abends verrichten sie Einkäufe, waschen, putzen, betreuen die Kinder und verrichten körperliche Schwerstarbeit – unentgeltlich, versteht sich. Ihr einziges «Recht»: bei ihren «Pflegfamilien» bleiben zu dürfen – daher auch der kreolischer Übername «les Restavec» («die Bleibenden»).

Schon in den sechziger Jahren eine Realität

Das Schicksal dieser Kinder ist allgemein bekannt, verschiedene internationale Medien haben bereits darüber berichtet. Dabei verbessert sich ihre Situation kaum, und der haitianische Staat ist selbst zu schwach, um seinen Jüngsten unter die Arme zu greifen.

Die Kindersklaven werden nicht nur ausgenutzt, sondern häufig auch misshandelt: «Es gibt Kinder, die mit Stöcken geschlagen werden. Andere werden mit elektrischen Kabeln ausgepeitscht. Nicht zu vernachlässigen sind auch die psychologischen Probleme, weil sich die Kinder nicht geliebt fühlen», erklärt Wenes Jeanty, Direktor des «Maurice Sixto».

Die Hauptaufgabe des Foyers ist es, die Kinder zumindest teilweise von der Illegalität und ihrer Not zu retten: «Wenn wir von einem Kindersklaven erfahren, nehmen wir als Erstes Kontakt mit der Familie auf, die ihn beschäftigt. Dann geht es darum, einen Dialog zu etablieren, um die Arbeitsbedingungen des Kindes zu verbessern und eine Garantie für eine bessere Behandlung zu erhalten». Viele Familien wüssten oft gar nicht, dass sie sich straffällig machen, wenn sie Minderjährige beschäftigen. «In den sechziger Jahren war dieses Phänomen eng mit den ungleichen Verhältnissen zwischen den sozialen Schichten verknüpft: Arme Kinder arbeiteten bei reichen Familien. Heute sind es arme städtische Familien, die noch ärmere Kinder ausbeuten – und der Trend ist nicht rückläufig, ganz im Gegenteil», ergänzt Jeanty.

300'000 Betroffene

Zum Phänomen der Kindersklaven in Haiti gibt es keine aktuelle Statistik – 2003 ging Unicef noch von 300'000 Betroffenen aus. Wenes Jeanty rechnet nicht mit weniger Betroffenen – die Situation habe sich seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 eher noch verschärft. Die Tragödie vor zwei Jahren liess zahllose Waisenkinder zurück und schwächte die familiären Strukturen in Haiti. Zudem entsteht ein schwer zu brechender Teufelskreis: «Oft haben Mädchen, die als Sklavinnen arbeiten, mit 18 Jahren schon eigene Kinder, die dann als Sklaven zweiter Generation eingesetzt werden. Es ist ein Teufelskreis».

Wenn die Betreuer vom Foyer das Vertrauen der Pflegefamilien gewonnen haben, müssen diese dazu gebracht werden, ihren unentgeltlichen Arbeitskräften Zugang zum Foyer zu gewähren, wo die Kinder nachmittags betreut werden können, «damit man ihnen das geben kann, was sie sonst nirgendwo erhalten: Liebe und eine Mahlzeit. Oft ist das Foyer der einzige Ort, wo die Kinder einmal am Tag etwas zu essen bekommen», so Jeanty. Unterernährung und Misshandlung seien die beiden grössten Probleme, die es zu lösen gibt. «Dann geht es selbstverständlich auch darum, den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen, sodass sie es später alleine schaffen», erklärt Jeanty weiter.

Die Bildung der Kindersklaven geht vom Erlernen des Alphabets bis hin zu altersabhängigen Lerninhalten. Teenager nehmen an berufsbildenden Kursen teil, meist im handwerklichen Bereich. Dreissig Personen – darunter viele Lehrer – arbeiten zurzeit für das «Maurice Sixto».

Familien wiederfinden

Zudem wird im Foyer versucht, den Kontakt zu den ursprünglichen Familien der Kinder wiederherzustellen – eine meist langwierige Arbeit, da die Pflegefamilien oft als Einzige über die dafür nötigen Informationen verfügen. Manche Kinder warten während fünf oder zehn Jahren auf ein Wiedersehen mit den leiblichen Eltern, die in abgelegenen Teilen des Landes leben. Oft erkennen sich Kinder und Eltern nicht wieder.

Informationskampagnen sollen dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr verlassen. Der erfolgreichste Weg geht über die Kirche, die im sehr gläubigen Haiti über ein grosses Netzwerk verfügt. Der Staat hingegen ist weitestgehend unexistent. Die Pflegefamilien, die den Kindern ein Dach über dem Kopf bieten, sollen Dienerschaft durch Solidarität ersetzen – in einem von der internationalen Hilfe abhängigen Land ein noch weiter Weg.

(Übersetzung und Bearbeitung: cor)

Erstellt: 08.01.2013, 16:43 Uhr

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