Die Legende vom besseren Trump

Klimawandel? Ein «Mythos». Evolutionslehre? Ein Schwindel. Trump durch seinen Vize Mike Pence zu ersetzen, wäre ein fataler Fehler.

Mike Pence hält nicht viel von der Evolutionslehre. Video: Tamedia/Right Wing Watch

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Mal sind sie unterwürfig und ohne wirkliche Macht, mal einflussreich und in den Schlagzeilen: Die Palette amerikanischer Vizepräsidenten reicht von George W. Bushs Strippenzieher Dick Cheney und Barack Obamas Vize Joe Biden – mehrmals widersprach er dem Chef öffentlich und erzwang in einem Fall sogar einen Kurswechsel – bis zu Luschen wie Dan Quayle, dem Vize des älteren Bush, oder Richard Nixons Stellvertreter Spiro Agnew.

Und dann gibt es Mike Pence, die graue Eminenz hinter Donald Trump. Je mehr sein Boss entfesselt durch die politische Landschaft tobte, desto eingehender beschäftigte sich die amerikanische Hauptstadt mit Trumps Vize. «Präsident Pence» klinge «besser und besser», lautete der Befund eines Kolumnisten in der «Washington Post» im Sommer. Auch andernorts breitet sich angesichts von Trumps Zirkus-Präsidentschaft Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung aus, wie Pence sie verkörpert.

Nun hat sich die Star-Journalistin Jane Mayer in der neuen Ausgabe des «New Yorker» Trumps Vizepräsidenten in einer langen Story vorgeknöpft. Nach ihrer Lektüre ist nicht mehr klar, ob Mike Pence dem jetzigen Amtsinhaber als Präsident vorzuziehen wäre. Denn Pence wird als frömmelnder Eiferer porträtiert, ein Ehrgeizling auf dem Weg nach oben und dazu ein doktrinärer Rechter.

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Wer Pence’ Karriere über die Jahre verfolgte, hat tatsächlich Grund zur Sorge. Da war der Kongressabgeordnete Pence, der so weit nach rechts marschierte, dass er zum Aushängeschild republikanischer Reinheitsgebote wurde. Legislative Erfolge verzeichnete er im Kongress keine, doch zündete Pence anschliessend als Gouverneur seines konservativen Heimatstaats Indiana eine legislative Bombe: Er unterstützte und unterzeichnete 2015 ein Gesetz, das die Diskriminierung von Homosexuellen erlaubte und entschärft werden musste, nachdem Boykotte gegen den Staat angezettelt wurden und die Wirtschaft energisch Einspruch gegen das Gesetz erhoben hatte.

So unbeliebt war Pence gegen Ende seiner Amtszeit in Indiana, dass seine Wiederwahl fraglich war. Aus seinem Übel erlöste ihn Donald Trump, indem er Pence zur Nummer zwei im Staat beförderte. Seitdem blickt Pence bewundernd auf zum Präsidenten und verteidigt seinen wirren Chef auch dann, wenn es eigentlich nichts mehr zu verteidigen gibt. Gleichzeitig knüpft der Vize emsig weiter an seinem Netz republikanischer Geldgeber, evangelikaler Hardliner und rechter republikanischer Gruppierungen.

Frauen sind ihm Verführerinnen

Pence’ Chancen, Trump zu beerben, stehen nicht schlecht: Neun seiner 47 Vorgänger schafften den Sprung ins Weisse Haus, weil der Präsident entweder verschied oder zurücktreten musste. Dass sich Pence niemals ohne seine Ehefrau Karen mit einer anderen Frau zum Essen trifft und nie ohne die Gattin zu einer Veranstaltung erscheint, bei der Alkohol serviert wird und andere Frauen anwesend sind, ist eine Schrulle. Frauen sind ihm offenbar Verführerinnen, Schwule und Lesben hingegen Sünder. Klimaveränderung bezeichnete der Vize als «Mythos» und die Evolutionslehre als «Theorie», die neben anderen «Theorien» wie etwa «Kreationismus» gelehrt werden sollte.

Auch gründete Pence eine Bibelgruppe für Kabinettsmitglieder im Weissen Haus, deren Leiter ein evangelikaler Pastor namens Ralph Drollinger ist. Wiederholt erregte der Pastor Aufsehen, weil er Schwulsein als «Sünde» bezeichnete, von Frauen verlangte, sich dem Ehemann zu «unterwerfen», und den Katholizismus als «falsche Religion» verwarf.

Keine Alternative zu Trump

Donald Trump kann damit nichts anfangen, der frömmelnde Vize ist ihm offenbar ein Rätsel, über das der Präsident laut dem «New Yorker» gelegentlich Witze reisst. So fragte Trump Besucher, die beim Vize vorbeigeschaut hatten, ob Pence sie «zum Beten» gezwungen habe.

Dennoch funktioniert das Verhältnis zwischen Trump und Pence: Geduldig erträgt der Vize die Skandale und Skandälchen des Chefs, ein treuer Knappe, der sich ausrechnet, spätestens 2024 an die Spitze vorzustossen. Wer Donald Trump am liebsten auf den Mond schiessen würde, dem bietet Mike Pence indes keine Erlösung: Er tauschte einen unberechenbaren Präsidenten gegen einen frömmelnden Apparatschik ein, der seinen Hintermännern in Kirchen und Vorstandsetagen stets zu Diensten wäre. Allerdings sänke vielleicht die Gefahr eines Dritten Weltkriegs mit Präsident Pence.


Video: Regeln des Anstands

Im Mai forderte ein kleiner Junge energisch eine Entschuldigung von Vize Mike Pence ein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 15:50 Uhr

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