Hintergrund

Die Liste der Schande

Kinder werden verstümmelt, vergewaltigt und als menschliche Schutzschilder missbraucht. In einem Jahresbericht beschreibt die UNO was Kinder in Konfliktgebieten erleiden - und nennt die Täter.

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Auf 51 Seiten listet die UNO in einem Jahresbericht auf, was Kindern vergangenes Jahr in Krisengebieten angetan wurde. Es ist ein Blick in menschliche Abgründe. In 23 Ländern werden in Konflikten und Kriegen nicht einmal die kleinsten Kinder geschont.

In Afghanistan wurden beispielsweise vergangenes Jahr 316 Kinder von Islamisten rekrutiert, hauptsächlich von den Taliban. Etliche wurden zu Selbstmordattentätern ausgebildet. 11 Kinder, darunter ein 8-jähriges Mädchen, starben bei einem Suizidanschlag. Auch die Regierungstruppen übten laut UNO Gewalt gegen Kinder aus. In Militärgefängnissen wurden 204 Jungen festgehalten, darunter ein Zehnjähriger. Sie wurden geschlagen, mit Elektroschocks gequält und ihnen wurde sexuelle Gewalt angedroht. Im Land wurden 2011 insgesamt 1'325 Kinder getötet, 110 davon bei Luftangriffen. Weil ihnen die Ausbildung von Mädchen nicht ins religiöse Konzept passt, brannten die Taliban Schulen nieder und töteten Lehrpersonal. Auch Spitäler wurden angegriffen.

Verbrechen in Zentralafrika, Somalia und Israel

Sehr besorgt ist die UNO über die Situation von Kindern in Zentralafrika – in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan und Uganda. Hunderte Kinder wurden von der Lord’s Resistance Army des gesuchten Kriegsverbrechers Joseph Kony entführt, dutzende verstümmelt und getötet. Kony soll derzeit noch zwischen 300 und 500 Kindersoldaten haben. Etliche dieser Kinder waren gezwungen worden, eigene Angehörige zu töten.

In Somalia rekrutierten die Al-Shabaab Milizen an die 950 Kindersoldaten. Tausende Kinder wurden auch 2011 Opfer des somalischen Bürgerkriegs. «Die Todesursache bei Kindern unter 5 Jahren waren Verbrennungen, Brustverletzungen und innere Blutungen, verursacht durch Explosionen, Schrapnell und Kugeln», so der Uno-Bericht. Hunderte Kinder wurden zudem vergewaltigt und sexuell missbraucht. Verstörende Berichte darüber, dass Al-Shabaab-Kämpfer Mädchen als Sexsklavinnen halten, scheinen sich zu bestätigen.

Auch in Israel und den Palästinensergebieten werden Kinder immer wieder Opfer des endlosen Konflikts. Zwanzig palästinensische Kinder wurden getötet, an die 450 verletzt. Die meisten dieser Kinder sind Opfer der israelischen Armee. Fünf israelische Kinder wurden von Palästinensern getötet, zwei verletzt. Beide Seiten schreckten laut Unobericht auch nicht davor zurück, Schulen anzugreifen.

«Selten solche Brutalität gesehen»

Im Fokus der UNO stand heute Dienstag das syrische Regime. Sie habe «selten solche Brutalität gesehen», wie sie die syrische Armee Kindern antue, sagte die Uno-Beauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy in New York. In Syrien würden «Mädchen und Jungen eingesperrt, gefoltert und getötet», beklagte Coomaraswamy im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Das Militär setze etwa Kinder im Alter von nicht einmal zehn Jahren vorn in Busse, mit denen Soldaten zu Einsätzen gebracht würden. Zum Teil würden Minderjährige vor Angriffen auf Ortschaften regelrecht eingesammelt, um sie dann als «menschliche Schutzschilde» einzusetzen.

Verbrechen systematisch erfasst

Seit 2005 werden Verbrechen an Kindern in Konfliktgebieten systematisch erfasst und dokumentiert. Mit der Uno-Resolution 1612 wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, um Kinder während bewaffneten Konflikten besser zu schützen und der Straflosigkeit von Tätern ein Ende zu setzen. Dokumentiert werden die folgenden Verbrechen an Kindern: Töten oder Verstümmeln, Rekrutierung als Kindersoldaten, Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt, Entführungen, Angriffe auf Schulen und Spitäler sowie die Verweigerung von humanitärer Hilfe.

Parteien, die wiederholt Kriegsverbrechen begehen, werden zudem auf der sogenannten Liste der Schande angeprangert. Auf der Liste des jetzigen Unoberichts stehen 52 Gruppierungen, unter anderem die Taliban, die Lord’s Resistance Army, die al-Qaida im Irak und die Al-Shabaab Milizen in Somalia. Seit 2009 werden die Parteien, welche Kinder töten, verstümmeln oder vergewaltigen, ebenfalls in der Liste der Schande genannt (Uno-Resolution 1882). Zuvor waren nur die Parteien erwähnt worden, die Kindersoldaten rekrutierten oder Kinder in bewaffneten Konflikten einsetzten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.06.2012, 18:01 Uhr

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