Belächelter Patriotismus

Die meisten Journalisten halten nationalistisches Denken für verkappten Faschismus. Dabei übersehen sie etwas Wichtiges.

Fehlkalkulation: Die Medien schrieben geschlossen gegen Trump und behielten Unrecht.

Fehlkalkulation: Die Medien schrieben geschlossen gegen Trump und behielten Unrecht. Bild: John Locher/Keystone

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Es ist ein bisschen wie im Mani-Matter-Lied mit der Kuh am Waldrand. Ein Maler erspäht sie am Waldrand, will sie malen, beginnt mit Hintergrund, Wald und Himmel. Als er zur Hauptsache kommt, nämlich der Kuh, ist sie verschwunden. Er winkt, er ruft, er wartet, ob nicht eine andere Kuh ihn sein Werk vollenden liesse – vergeblich. Denn die Welt «ist so perfid, dass sie sich selten oder nie nach Bildern, die wir uns von ihr gemacht haben, richtet».

Die Welt hat sich auch letzten Dienstag nicht nach den Vorstellungen der meisten Beobachter gerichtet. Und wie der Maler stehen wir konsterniert in der Landschaft und versuchen uns einen Reim auf das neue Bild zu machen: ohne Kuh, dafür mit der Ahnung, dass die Welt womöglich ganz anders ist, als wir dachten.

Das ist vor allem für die Medien ein unangenehmes Erwachen. Beinahe geschlossen schrieben sie gegen Trump an, waren sich sicher, dass ein autoritärer Sexist nicht gewinnen kann. Nun stehen sie mit abgesägten Hosen da. Das rechte Narrativ jubelt schadenfreudig und deutet die Fehlkalkulation der Medien als Indiz für die allgemeine Wertlosigkeit derer Arbeit. Das linke Narrativ schlägt in dieselbe Kerbe und übt sich ansonsten in apokalyptischen Szenarien. Die Journalisten räumen ein, man hätte vielleicht mehr auf die «Abgehängten» hören müssen.

Vermutlich haben alle unrecht. Die Presse ist nicht so schlecht wie ihr Ruf. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, die Bevölkerung zum richtigen Wahlverhalten zu erziehen. Dass es trotzdem viele versucht haben, führte direkt zu Trump.

Es ist nicht die Aufgabe der Medien, die Bevölkerung zum richtigen Wahlverhalten zu erziehen. Dass es trotzdem viele versucht haben, führte direkt zu Trump.

Moralpsychologisch betrachtet, ist Trumps Wahl symptomatisch für eine politische Spaltung, die der Politphilosoph Jonathan Haidt als Differenz zwischen Nationalisten und Globalisten beschreibt. Mit zunehmendem Wohlstand entwickeln sich Gesellschaften weg von traditionellen Werten wie Religion, Ritual und Autorität hin zu säkular-rationalen Werten wie Veränderung, Selbstentfaltung, Offenheit und Schutz des Individuums – jedes Individuums, auch ausserhalb der eigenen Gruppe. Für Globalisten sind wir alle Weltbürger, ob Muslim oder Christ, Syrer oder Nigerianer. Wer das anders sieht, gilt schnell als Rassist – doch für Nationalisten gibt es Unterschiede.

Angst vor Chaos hilft den Autoritären

Globalisten belächeln Patriotismus. Nationalisten fühlen eine starke moralische Verpflichtung, ihr Land und dessen Werte zu bewahren – nicht aus Egoismus oder Überlegenheitsgefühlen, sondern weil es ihr Land ist. Zu seinem Gatten steht man ja auch nicht, weil er allen anderen überlegen ist, sondern weil er eben der Gatte ist.

Werden die Nationalisten in diesem moralischen Instinkt bedroht – durch eine grosse Anzahl Einwanderer mit anderen Werten oder weil die Diversitäts-Agenda der Globalisten überhandzunehmen scheint –, dann neigen sie zum Autoritarismus. Nicht weil sie um ihren Geldbeutel oder um ihre Familien fürchten. Sondern weil sie ihre Gruppe, ihre Gesellschaft in Gefahr glauben; und weil sie in einer autoritären Kraft den einzigen Weg sehen, die Entwicklung zu stoppen. Die Angst vor dem Chaos ermöglicht den starken Führer.

Nicht alle Nationalisten sind Rassisten

Die meisten Journalisten sind Globalisten. Nationalistisches Denken halten sie für verkappten Faschismus, beflügelt von Rassismus. Dabei übersehen sie, dass es unter den Nationalisten zwar Rassisten gibt, aber längstens nicht alle sind es. Sie übersehen auch, dass ihre eigene globalistische Moral Produkt von Wohlstand und Sicherheit ist, einer historischen Ausnahmesituation. Der Normalfall sind existenzielle Unsicherheit und Bedrohung. Beides fördert Gruppendenken mit starkem moralischem Unterton.

Alle Dinge sind Gift, allein die Dosis machts. Das gilt auch für die Risiken und Nebenwirkungen moralischer Rezepte. Wir Journalisten müssen endlich die Bedeutung nationaler Kohäsionskräfte und moralischer Gemeinschaften anerkennen. Wir müssen begreifen, dass Multikulti und Toleranz gegen andere nicht unbegrenzt gebilligt werden, sondern dass Toleranz vom Kontext abhängt. Es spielt eine Rolle, wie viele Immigranten kommen und woher, welche Werte sie mitbringen und wie sie sich integrieren. Wer den Nationalisten ihre Moral abspricht, treibt sie in die Arme eines autoritären Führers. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2016, 19:42 Uhr

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