Die Pornosammler der NSA

Der US-Geheimdienst erforscht die sexuellen Online-Aktivitäten muslimischer Zielpersonen. Erpressung und Rufmord sind gleich um die Ecke.

Die NSA liest mit: Ein Mann surft in Indonesien auf der Website einer japanischen Pornodarstellerin. (Archiv)

Die NSA liest mit: Ein Mann surft in Indonesien auf der Website einer japanischen Pornodarstellerin. (Archiv) Bild: AFP

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Kaum eine Woche vergeht ohne neue Enthüllungen über die Ausspähungsmethoden des elektronischen US-Geheimdienstes NSA. Und mit jeder neuen Offenbarung wird ersichtlich, wie weit der Dienst in die Privatsphäre seiner Zielpersonen einzudringen bereit ist.

In einem neuen Dokument aus dem Schatzkästlein des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden, das am Wochenende von dem Journalisten Glenn Greenwald vorgelegt wurde, rechtfertigt der Dienst die Ausforschung sexueller Online-Aktivitäten als Waffe gegen «Radikalisierer» in der islamischen Welt. Das Dokument wurde im Büro von NSA-Direktor Keith Alexander angefertigt und datiert vom Oktober 2012.

Die Ausspähung von sexuellen Online-Aktivitäten, darunter das Anklicken von Porno-Webseiten, eigne sich besonders, um «Radikalisierer» blosszustellen, heisst es in dem Dokument: Ihre Autorität könne untergraben werden, «wenn ihr privates und öffentliches Verhalten nicht übereinstimmt». Vor allem «das Anschauen sexueller Webseiten» sowie sexuelle Andeutungen bei der Online-Kommunikation «mit unerfahrenen jungen Mädchen» böten willkommene Angriffsflächen, so die NSA.

Steht die USA hinter 9/11?

Des weiteren stellt das Schriftstück sechs «Zielpersonen» vor, darunter eine «US-Person», deren Online-Leben offenbar ausgespäht wurden, nachdem sie als «Radikalisierer« idenfiziert worden waren. Obwohl alle Zielpersonen der NSA zu Folge nur «minimalen Kontakt zu Terroristen» hatten, war der Dienst überzeugt, dass sie eine Gefährdung darstellten: Zum «Publikum» der sechs überwachten Personen gehörten «Individuen, die noch keine extremen Ansichten haben, aber empfänglich sind für extremistische Botschaften».

Weil eine der «Zielpersonen» die Ansicht vertrat, «Nicht-Muslime» seien «eine Gefahr für den Islam», wurde sie von der NSA observiert. Der Dienst ortete «Online-Promiskuität» als mögliche Angriffsfläche, um die Person mundtot zu machen. Eine andere «Zielperson» wird als «bekannte Medien-Celebrity im Nahen Osten» beschrieben.

Sie vertrete die Ansicht, dass die USA selber hinter 9/11 gestanden hätten - eine Verschwörungstheorie, die laut diversen Umfragen von mindestens einem Fünftel der Amerikaner geteilt wird. Der Promi, so der Befund der NSA, führe einen «glamourösen Lebensstil». Unausgesprochen bleibt, dass die NSA darin die Möglichkeit einer Erpressung sieht.

«In Begleitung eines gutaussehenden Frauenzimmers»

Kaum war das Dokument am Wochenende in der «Huffington Post» veröffentlicht worden, wiesen US-Bürgerrechtler auf die Gefahren der NSA-Methoden hin: Wenn das Überwachungssystem «massiv Informationen über hunderte von Millionen Menschen gesammelt hat, ist es nicht mehr weit bis zu 'Dossiers' mit beschämenden Informationen oder Geheimnissen, die zur Erpressung geeignet sind», warnte Jennifer Granick vom «Center for Internet and Society» an der kalifornischen Stanford Universität.

Besonders alarmierend an dem jetzt bekannt gewordenen Dokument ist zudem, dass US-Regierungsbehörden, vor allem das FBI, aber auch die NSA sowie die CIA, in der Vergangenheit die Privatsphäre unliebsamer Aktivisten und Kritiker auf der Suche nach sexuellen Informationen illegal durchleuchteten. So liess FBI-Direktor J.Edgar Hoover die Telefonate Martin Luther Kings jahrelang abhören, um Einblick in die sexuellen Affären des Bürgerrechtlers zu bekommen. Zahlreichen Opfern des FBI wurde überdies bedeutet, dass die Behörde von ihren Seitensprüngen oder homosexuellen Neigungen wusste.

Erfreut berichtete etwa Hoovers rechte Hand Cartha DeLoach, ein verheirateter Senator sei in Washington «in Begleitung eines gutaussehenden Frauenzimmers» betrunken am Steuer erwischt worden. Dem Senator sei prompt mitgeteilt worden, dass das FBI darüber informiert sei: «Wir haben mit ihm nie mehr Probleme bezüglich der Haushaltsbewilligungen für das FBI gehabt», konstatierte DeLoach zufrieden.

Erstellt: 02.12.2013, 21:12 Uhr

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