Interview

«Die Schliessung der Botschaften ist ein Zeichen der Hilflosigkeit»

Wegen Hinweisen auf einen Anschlag haben die USA 19 Botschaften geschlossen. Terrorismus-Experte Guido Steinberg über das Vorgehen der USA, die Bedeutung von al-Qaida und die Gefahrenlage.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Steinberg, die USA haben aus Sorge vor Anschlägen 19 ihrer Botschaften geschlossen. Details zu den Hinweisen kommunizieren sie kaum. Wie beurteilen Sie die Gefahrenlage?
Guido Steinberg: Ich kann mir gut vorstellen, wie die vorliegenden Informationen aussehen: sehr konkret und gleichzeitig sehr vage. Es gibt wahrscheinlich konkrete Gespräche über einen möglichen Anschlag. Gleichzeitig gibt es überhaupt keine Details darüber, wer den Anschlag verüben könnte, wie der verübt wird und wo er verübt wird.

Die Parallele zu den Wochen vor dem 11. September 2001 wurde schon gezogen …
Genau. Diese Parallele zeigt, wie die momentane Gefahr aussehen könnte. Wir wissen, dass im August 2001 sehr viel zu hören war. Es war fast allen Beteiligten klar, dass etwas passieren würde. Aber niemand wusste, wo die Anschläge stattfinden oder wie sie verübt würden. Das scheint nun ähnlich zu sein.

Dafür ist die Schliessung von Botschaften eine sehr gezielte Massnahme. Wie erklären Sie sich diese?
Die Amerikaner leben noch immer mit dem Trauma des 11. September. Meines Erachtens wollen sie sich den Vorwurf ersparen, nicht gehandelt zu haben. Mir scheint, die Schliessung der Botschaften basiert auf einer Vermutung und ist ein Zeichen für die Hilflosigkeit der Amerikaner. Es gibt weltweit so viele denkbare amerikanische Ziele, dass die Regierung lediglich die Botschaften ausschliessen kann.

Stichwort Hilflosigkeit: Terrorismus-Experte Seth G. Jones betont, wie diffus die Bedrohungslage geworden ist. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, auf jeden Fall. Bis 2009 ging die grösste Gefahr stets von al-Qaida in Pakistan aus. Das war die einzige Quelle von grossen kontinentübergreifenden Anschlägen auf die USA. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert.

Inwiefern?
Erstens wurde die Zentralorganisation der al-Qaida sehr stark geschwächt und ist kaum noch zu identifizieren. Zweitens – und damit verbunden – haben die Ableger im Irak, in Algerien und im Jemen ihre Handlungsoptionen enorm ausgeweitet. Die jemenitische al-Qaida etwa hat sehr grosse Ambitionen und plante bereits 2009 einen Anschlag in den USA. Diese Diffusion des Al-Qaida-Terrorismus spiegelt sich somit deutlich in der jetzigen Situation wider: Auf der Grundlage der amerikanischen Informationen ist eine ganze Reihe von Anschlagsszenarien möglich.

Was könnte konkret passieren?
Das kann man nicht sagen. Ich glaube, es verbietet sich, Spekulationen anzustellen, weil man damit ja auch öffentlich Vorschläge macht.

Es kursieren verschiedene Deutungsversuche über den Zeitpunkt eines möglichen Anschlags: Die Situation in Ägypten, das Ende des Ramadan, eine kürzlich veröffentlichte Rede von Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahri. Wie werten Sie diese?
Ich halte die meisten dieser Spekulationen für nicht sehr zielführend. Es ist beispielsweise vollkommen unklar, inwieweit die jemenitische al-Qaida noch auf Aufrufe von Zawahri hört. Auch die Verbindung nach Ägypten halte ich für spekulativ. Was man bei al-Qaida immer beobachten kann, ist, dass sie versucht, mit dem Anschlagszeitpunkt auch eine Botschaft zu versenden. Der 11. September ist selbstverständlich ein Datum, an dem die Organisation immer wieder versuchte, Anschläge zu verüben. Das Datum, welches jetzt am nächsten liegt, ist der 7. August.

Weshalb ist dieses Datum für die Organisation relevant?
1998 gab es Anschläge auf die US-Botschaften von Nairobi und Dar es Salaam. Damals ging es vor allem darum, am Jahrestag des Aufmarsches amerikanischer Truppen in Saudiarabien 1990 zuzuschlagen. Die Botschaft war damals: Zieht diese Truppen zurück, sonst werden wir euch immer wieder angreifen.

Al-Qaida geht es also darum, ihr Handeln historisch zu verankern?
Heutzutage zeigt die Organisation damit vor allem, dass sie noch aktiv ist. Wenn man am 7. August einen Anschlag verübt, schlägt man eine Brücke zum Jahr 1998, zum ersten grossen Al-Qaida-Attentat. Wenn man am 12. Oktober zuschlägt, schlägt man eine Brücke zum ersten Anschlag im Jemen im Jahr 2000 auf die USS Cole. Das muss die Organisation tun, wenn sie zweifelsfrei vermitteln will, wer der Urheber ist.

Auf einer anderen Ebene wurde die Öffentlichmachung der Bedrohung als Legitimationsversuch der US-Regierung für das Abhörprogramm der NSA interpretiert. Eine legitime Interpretation?
Ich glaube nicht, dass die Sicherheitsbehörden von solchen Motiven angeleitet sind. Der gesamte Inhalt der Warnung spricht dagegen. Erstens: Mit der Veröffentlichung der Bedrohungslage machen die amerikanischen Behörden etwas, was keine Sicherheitsbehörde mag: sie erregen Furcht. Das würden sie nicht tun, wenn sie nicht der Meinung wären, dass dies absolut notwendig ist. Zweitens: Durch die Schliessung der Botschaften beeinträchtigen sie die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Aussenpolitik. Drittens: Es gibt zwar auch in den USA eine Debatte zum Thema Abhören und NSA, diese ist aber deutlich weniger kontrovers als in Europa.

Erstellt: 05.08.2013, 13:11 Uhr

Dr. Guido Steinberg ist Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Nahe und der Mittlere Osten und Afrika. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

US-Botschaften bleiben länger geschlossen

Die USA sehen die Terrorgefahr noch nicht gebannt: In 19 Städten der islamischen Welt bleiben ihre diplomatischen Vertretungen bis zum Wochenende geschlossen. Hintergrund sind abgefangene Nachrichten von Al-Qaida-Terroristen. Mehr...

Panzer und Polizisten vor Botschaften in Sanaa

Nach der Terrorwarnung der USA sind die westlichen Botschaften in Nahost alarmiert. Weltweit bleiben heute 20 Vertretungen geschlossen. Im Jemen ist der Aufmarsch von Sicherheitskräften besonders gross. Mehr...

USA geben weltweite Reisewarnung aus

Ins Visier geraten könnten U-Bahnen, Züge, Flugzeuge und Boote: Die USA warnen ihre Bürger vor drohenden Anschlägen des Terrornetzwerks al-Qaida. Mehrere westliche Staaten schliessen vorübergehend Botschaften. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...