Hintergrund

Die Söldner des «Henkers»

Die paramilitärischen Los Zetas vereinen soldatische Disziplin mit gnadenloser Brutalität. Jetzt droht eine weitere Eskalation der Gewalt durch Gruppen, die das mexikanische Drogenkartell bekämpfen.

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Als Zeichen hinterlassen sie jeweils ein Z, aber Zorro-Romantik kommt keine auf. Das Drogenkartell Los Zetas ist die brutalste, effizienteste, schlagkräftigste Verbrecherorganisation Mexikos, ja wahrscheinlich ganz Lateinamerikas. Neben ihrem Hauptgeschäft, dem Drogenschmuggel, betreiben die Zetas auch Schutzgelderpressung und Menschenhandel, verdienen an Prostitution und dem Verkauf von Raubkopien.

Sie morden, foltern, entführen und erpressen. Sie terrorisieren die Bevölkerung, indem sie die Leichen und abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegner auf Plätze und vor Amtsgebäude werfen. Sie hängen Transparente auf, um Politiker, Ermittler und verfeindete Gruppierungen zu bedrohen. Los Zetas sind verantwortlich für ein Verbrechen, das die Weltöffentlichkeit entsetzte: Im August 2010 massakrierten sie 72 wehrlose Migranten aus Zentral- und Südamerika, weil sie sich geweigert hatten, als Killer für das Kartell zu arbeiten. Unter den Ermordeten waren Frauen und Jugendliche.

Ehemalige Elitesoldaten der Armee

Vergangenen Monat hingen in der Grenzstadt Nuevo Laredo an einer Brücke die gefolterten Leichen von einem Mann und einer jungen Frau. Sie hatten die Verbrechen der Zetas über Twitter angeprangert, im vermeintlichen Schutz virtueller Anonymität. «So geht es allen Informanten. Achtungsvoll, Z», lautete die von den Mördern zurückgelassene Botschaft. In Mexico City fand die Polizei am 17. Dezember 2008 im Kofferraum eines Autos die Leiche der 35-jährigen Zulema Yulia Hernández. Die Ermordete war einst die Geliebte von Chapo Guzmán, des legendenumwobenen Chefs des Sinaloa-Kartells und eines der ärgsten Feinde der Zetas. Auf Gesäss, Brüsten und Bauch hatten ihr die Killer je ein Z geritzt.

Unfassbar sind auch die Taten anderer mexikanischer Kartelle – des Sinaloa-Kartells, des Golf-Kartells, des Kartells von Juárez oder Tijuana. Aber was die Zetas von ihren Konkurrenten abhebt, ist die Mischung aus Brutalität und soldatischer Disziplin. Die Zetas sind mit den Todesschwadronen vergleichbar, die früher in Kolumbien oder Zentralamerika wüteten. Ihre militärische Schlagkraft hat einen ebenso einfachen wie erschreckenden Grund: Die Gründungsmitglieder der Zetas sind ehemalige Elitesoldaten der mexikanischen Armee.

«Eine fast religiöse Bruderschaft»

Sie wurden in den USA zu hoch spezialisierten Kämpfern gegen die Drogenmafia ausgebildet, ehe sie sich von genau dieser Drogenmafia kaufen liessen. Sie kennen die Taktik, die Technologie, die Überlegungen und Ziele von Polizei und Militär aus eigener Anschauung. Für Luis Alejandro Astorga, der als Experte für die Unesco arbeitet, haben die Zetas «sowohl die operativen Techniken als auch die Strategien des mexikanischen Drogenhandels erneuert. Sie haben ihre militärischen Fähigkeiten noch lange nicht ausgeschöpft, und hoffentlich werden sie dies nie tun. Denn sie sind auch im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet.» Die bekannte mexikanische Journalistin Anabel Hernández schreibt in ihrem Buch «Die Herren des Drogenhandels»: «Die Mitglieder der Zetas sind Kamikaze und bilden eine fast religiöse Bruderschaft, vereint im Glauben an den Tod.»

Angefangen hat die blutige Saga der Zetas vor gut zehn Jahren. Damals kam Osiel Cárdenas, der Boss des mächtigen Golf-Kartells, auf die Idee, für seine Leibwache Soldaten der mexikanischen Armee zu rekrutieren. Der Erste, der seiner unermesslichen Korruptionsmacht erlag, die Uniform abstreifte und zum bezahlten Killer wurde, war ein junger Oberleutnant namens Arturo Guzmán Decena, genannt «Zeta 1». Ihm folgten rund fünfzig weitere Mitglieder verschiedener Eliteeinheiten – darunter der heutige Chef der Zetas, Heriberto Lazcano, genannt «der Henker».

Der Nachwuchs wird in militärischen Trainingscamps ausgebildet

Schon nach kurzer Zeit waren die Zetas nicht mehr bloss die Leibgarde des Drogenbosses Cárdenas, sondern der bewaffnete Arm des ganzen Golf-Kartells: Paramilitärisch organisierte Killer, die an der Grenze zwischen dem mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas und dem US-amerikanischen Texas Transportrouten für Marihuana und Kokain unter ihre Kontrolle brachten. Um sich zu verstärken, warben sie auch Angehörige der guatemaltekischen Sondereinheit Kaibiles an, berüchtigt für unsägliche, während des guatemaltekischen Bürgerkrieges begangene Gräuel.

Die Zetas bilden ihren Nachwuchs in militärischen Trainingscamps aus, und 2005 besass die Mördertruppe laut FBI schon mehr als 300 Mitglieder. Mexikanischen Behörden zufolge dürften es heute rund 10'000 sein. Armee, Polizei und Regierung war die Bande der Überläufer derart peinlich, dass sie noch 2007 ihre Existenz schlicht leugneten. Die Zetas rekrutieren ihre Kämpfer mittlerweile auch unter Kriminellen ohne militärische Vorschulung, doch müssen die Neulinge eine dreimonatige Ausbildung absolvieren. Nach wie vor ist die Organisation von Hierarchie, Disziplin, Gehorsam und Drill geprägt.

Die Rache des Henkers war fürchterlich

Obwohl Osiel Cárdenas die schlagkräftigste paramilitärische Truppe in der Geschichte der mexikanischen Drogenmafia geschaffen hatte, wurde er 2003 verhaftet und später an die USA ausgeliefert. Arturo Guzmán Decena, der Gründer der Zetas, war ein Jahr zuvor bei einem Feuergefecht mit den Ordnungskräften gestorben. Danach schwang sich Heriberto Lazcano zum neuen Chef auf. Er ist berüchtigt für die gnadenlose Rachsucht, mit der er Verräter aus den eigenen Reihen bestraft, für die Brutalität, mit der er gegen seine Gegner vorgeht, für die Versessenheit, mit der er jeden Verstoss gegen seine Ehre ahndet.

Ende 2008 verhafteten Soldaten der mexikanischen Armee Irma Pérez Ochoa, die für die Zetas als Buchhalterin gearbeitet hatte. Ihren Angaben zufolge haben die Uniformierten sie mehrmals vergewaltigt. Die Rache des Henkers war fürchterlich: Am 21. Dezember wurden in einem Einkaufszentrum in der Stadt Chilpancingo acht abgeschlagene Köpfe von Soldaten deponiert. Die von Folter gezeichneten Körper fand man entlang einer Autobahn.

Grenzorte zwischen Mexiko und Texas wurden zu Geisterstädten

Als sich das Golf-Kartell 2010 mit dem verfeindeten Kartell von Sinaloa aussöhnen wollte, rief Lazcano 400 hochrangige Zetas zusammen. Das Treffen fand auf einem Sportplatz statt. Ob sie mit dem geplanten Frieden zwischen den Organisationen einverstanden seien, wollte er von seinen Untergebenen wissen. Die Mehrheit war dagegen. Darauf sagten sich die Zetas vom Golf-Kartell los, um fortan als eigenständiges Drogensyndikat zu agieren. Zwischen den Zetas und ihren ehemaligen Arbeitgebern brach ein Krieg aus, der Tausende Tote gefordert hat. Er hat die mexikanische Golfküste in ein Schlachtfeld verwandelt.

Mehrere Orte an der Grenze zwischen Tamaulipas und Texas sind zu Geisterstädten geworden, weil fast alle Bewohner vor dem Gemetzel flohen. Dank ihrer militärischen Schlagkraft und ihrer straffen Organisation haben die Zetas das Golf-Kartell zurückgedrängt und sich in mindestens zwanzig mexikanischen Bundesstaaten ausgebreitet. Sie drangsalieren auch das Nachbarland Guatemala, wo sie laut amerikanischen Experten etwa 40 Prozent des Territoriums kontrollieren. «Guatemala droht zum ersten Narco-Staat Zentralamerikas zu werden», warnte kürzlich das Pentagon.

Die Frauen sollen bestechen – und bei Bedarf morden

Bestimmte Einheiten der Zetas bestehen einzig aus Frauen. Sie haben die Aufgabe, Politiker, Polizisten, Staatsanwälte und Richter zu bestechen – und zu ermorden, wenn sie sich nicht gefügig zeigen. Vor einigen Wochen verhaftete die Polizei Mireya Moreno alias «die Dünne». Die mutmassliche Zeta-Kommandantin war in einem gestohlenen Auto unterwegs, in dem die Ordnungskräfte einen Revolver, Marihuana, Kokain sowie sechs Handys fanden.

Einer der Orte, in denen sich die Zetas festgesetzt haben, ist die Hafenstadt Veracruz an der Atlantikküste. Hier spielten sich kürzlich Szenen ab wie in einem Horrorfilm: Es war vier Uhr nachmittags, als aus mehreren Fahrzeugen bewaffnete, maskierte Männer stiegen. Das Kommando blockierte den Verkehr, richtete seine Maschinengewehre auf die schreckensstarren Autofahrer und begann, aus zwei Lastwagen Leichen auf die Strasse zu werfen: Insgesamt 35 Körper, 23 Männer und 12 Frauen, mit gefesselten Armen und zugeklebten Mündern. Die meisten wiesen Folterspuren auf. Anderntags deponierten die Kriminellen an verschiedenen Punkten der Stadt 14 weitere Leichen.

Die «Zeta-Töter» nehmen das Recht in die eigenen Hände

Für einmal waren die Zetas nicht Täter, sondern Opfer. Zumindest behauptet die Polizei, dass die 49 Ermordeten zum Kartell gehörten. Einer Zeitung zufolge waren die Toten hingegen kleine Dealer, Taxifahrer, Spitzel und Prostituierte, die gelegentlich für die Zetas gearbeitet hatten. Wie auch immer: Nach der Tat erschien auf Youtube ein Video, das in Mexiko für höchste Alarmstimmung sorgt. An einem Tisch sitzen fünf maskierte Männer, jeder mit einer Wasserflasche vor sich. Der Sprecher der Gruppe verliest eine Mitteilung, in der er sich und seine Gefährten als «Zeta-Töter» vorstellt. «Unser einziger Gegner sind die Zetas. Wir respektieren die Ordnungskräfte und verstehen, dass sie im Unterschied zu uns nicht ausserhalb des Rechts agieren können. Wir, die Zeta-Töter, erpressen und entführen niemanden. Wir geloben, den Reichtum der Nation und ihrer Bewohner zu achten.»

Experten zufolge ist die Botschaft ernst zu nehmen – und sie deutet darauf hin, dass der Drogenkrieg auf eine neue Eskalationsstufe zusteuern könnte, verursacht durch neue Akteure: paramilitärisch organisierte Einheiten, die das Recht in die eigene Hand nehmen. Bürgerwehren, die es den Zetas und anderen Killerbanden aus angeblicher Notwehr in deren eigener Währung heimzahlen. Der ganze Wahnsinn würde so noch blutiger und verworrener. Bereits geht die Befürchtung um, dass Polizisten, Politiker oder Unternehmer, die von der Drogenmafia erpresst werden, derartige Gruppierungen tolerieren, ja unterstützen.

Politiker als Unterstützer oder Mitwisser

Es wäre eine Entwicklung wie einst in Kolumbien, wo Ende der 90er-Jahre die Paramilitärs entstanden. Im Auftrag von Grossgrundbesitzern wüteten sie gegen die linke Guerilla und verübten auch Massaker an unschuldigen Bauern. Javier Duarte, der Gouverneur des Bundesstaates Veracruz, reagierte auf den Massenmord mit folgenden Worten: «Die Botschaft ist klar: Verbrecher enden immer tragisch. Entweder landen sie im Gefängnis, oder sie bezahlen mit ihrem Leben. In Veracruz gibt es keinen Platz für Kriminelle.» Er habe die Tat der Zeta-Töter keineswegs verteidigen wollen, betonte er später. Kritiker interpretieren seine Worte dennoch als heimliche Zustimmung – oder gar als Indiz, dass er von der Aktion gewusst habe.

Neben der Paramilitarisierung droht Mexiko ein zweites Schreckensszenario: der finale Kampf zwischen den beiden Gruppierungen, die vom Drogenkrieg am meisten profitiert und sich als mächtigste Verbrechersyndikate etabliert haben – den Zetas und dem von Chapo Guzmán angeführten Sinaloa-Kartell. In den letzten sechs Jahren hat der mexikanische Drogenkrieg rund 50'000 Tote gefordert. Sollte es tatsächlich zum grossen Kampf zwischen Zetas und Sinaloa-Kartell kommen, wird noch mehr Blut fliessen. Viel mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2011, 22:29 Uhr

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