Hintergrund

Die Speerspitze des amerikanischen Hackings

Pro Stunde 40 Millionen Aktenschränke: In einer hoch geheimen Abteilung der NSA greifen Hacker mithilfe automatisierter Software weltweit unvorstellbare Mengen an Kommunikation und Daten ab.

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Der abtrünnige NSA-Analyst Edward Snowden meldete sich am Montag auf der Webseite des britischen «Guardian» neuerlich zu Wort und unterstrich einmal mehr, dass der elektronische US-Geheimdienst weltweit in Computersysteme eindringe. «Wir hacken jeden und überall», hatte Snowden bereits zuvor erklärt. Tatsächlich seien die offensiven Kapazitäten der NSA in den vergangenen Jahren erheblich ausgeweitet worden, schrieb der Historiker und NSA-Experte Matthew Aid vergangene Woche in einem Artikel für das Magazin «Foreign Policy».

Verantwortlich für die US-Cyberangriffe ist eine ultrageheime Organisation innerhalb der NSA, über die noch vor kurzem so gut wie nichts bekannt war. Das sogenannte «Office of Tailored Access Operations» (TAO) ist die Speerspitze des globalen amerikanischen Hackings, von Matthew Aid als eine «Hacker-Armee» beschrieben, die seit 15 Jahren beispielsweise «tief in die chinesischen Computer-Netzwerke» eingedrungen sei.

Pro Stunde 40 Millionen Aktenschränke

Derart abgeschirmt arbeitet die aus über 1'000 zivilen und militärischen Mitarbeitern bestehende Einheit, dass ihr Hauptquartier innerhalb der NSA-Zentrale in Fort Meade nahe Washington besonders gesichert ist: Bewaffnete Wachen kontrollieren den Zugang, Retina-Scanner sowie Codes zur Öffnung der Türen garantieren, dass nur eintreten kann, wer dazu befugt ist. Innerhalb von TAO knacken rund 600 Hacker der Sonderabteilung «Remote Operations Center» (ROC) Codes und Passwörter und hacken weltweit im 24-Stunden-Takt Computer und Netzwerke.

So geheim arbeiten TAO und insbesondere ROC, dass selbst die meisten NSA-Angestellten keine Ahnung von den Aufgaben der Sondereinheiten haben. Laut Matthew Aid ist TAO inzwischen das Herzstücks der SIGINT-Abteilung der NSA, die für das Sammeln elektronischer Daten verantwortlich ist. Anonyme Ex-Regierungsmitarbeiter behaupteten in einem kürzlichen Interview mit «Bloomberg Businessweek», dank automatisierter Hacking-Software könne TAO pro Stunde rund zwei Petabytes an Daten ernten – was dem Inhalt der gesamten Forschungsbüchereien an US-Universitäten oder 40 Millionen Aktenschränken mit jeweils vier Regalen voller Dokumente entspräche.

Seit Obamas Amtsantritt an Bedeutung gewonnen

Entworfen wird die Software für die ROC-Hacker von einer TAO-Gruppe namens «Data Network Technologies Branch», wo Computerwissenschaftler und Software-Entwickler arbeiten. Eine andere TAO-Abteilung namens «Telecommunications Network Technologies Branch» produziert laut Matthew Aid «Techniken, die es TAO-Hackern erlauben, sich klandestin Zugang zu Computersystemen und Telekommunikationsnetzen zu verschaffen, ohne dabei entdeckt zu werden».

TAO verfügt zudem über eine zugeordnete und eigens für «Off-net Operations» zuständige CIA-Einheit, die Computer verwanzt oder physisch Kabel anzapft, um Zugriffe auf Kommunikation und Daten zu ermöglichen. Die Arbeit von TAO würde erklären, warum Chinas Internet-Chef Huang Chengquing neulich behauptete, Beijing sitze auf «Bergen von Daten», die klar bewiesen, dass US-Hacker in Chinas Computersysteme eindrängen. Nach dem Amtsantritt Barack Obamas 2009 sei TAO «noch wichtiger und umfangreicher geworden», schreibt Matthew Aid. Was Edward Snowden bisher enthüllt hat, dürfte deshalb lediglich die Spitze eines Eisberges sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2013, 23:36 Uhr

Bundesrat bezeichnet Internet-Überwachung als «unverhältnismässig»

Der Bundesrat kritisiert die USA wegen der Affäre um den Geheimdienst NSA. Er halte die systematische Überwachung von Internet-Daten durch die NSA für einen «unverhältnismässigen Eingriff in die Privatsphäre», deren Schutz die Bundesverfassung garantiere, schreibt er.

In der Fragestunde vom Montagnachmittag hatten mehrere Nationalratsmitglieder Auskunft zur Geheimdienstaffäre verlangt. Weil die Zeit für dieses Thema nicht mehr reichte, wurden die Antworten des Bundesrates am Abend schriftlich nachgereicht. Neues gibt der Bundesrat freilich nicht bekannt. Er hält fest, er habe von den Aussagen von Edward Snowden in den internationalen Medien Kenntnis genommen. Zuvor habe er nichts über die geschilderten Vorkommnissen gewusst. Die «zuständigen Behörden» gingen nun den Hinweisen nach.

Nicht bekannt ist dem Bundesrat nach eigenen Angaben auch, ob und in welchem Umfang Schweizer Bürger oder Schweizer Firmen durch die Zugriffe des US-Geheimdienstes auf Internetdienste betroffen sind. Das Problembewusstsein und die Schutzbemühungen der Schweizer Unternehmen unterschieden sich stark, heisst es in der Antwort auf diese Frage. Verbesserungspotenzial gebe es insbesondere bei KMU.

Auf eine weitere Frage beteuert der Bundesrat, dass der Schutz der Grundrechte in der Schweiz einen hohen Stellenwert geniesse. «Eine systematische Überwachung von Internetbenutzern ist in der Schweiz weder möglich noch zulässig.» (sda)

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