Sie weiss, wozu Polizisten fähig sind

Marilyn Mosby legt sich in Baltimore mit der Polizei an – und beeindruckt die Bevölkerung.

Staatsanwältin Marilyn Mosby bei einer Medienkonferenz in Baltimore (1. Mai 2015). Foto: AP

Staatsanwältin Marilyn Mosby bei einer Medienkonferenz in Baltimore (1. Mai 2015). Foto: AP

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Mit ihrem raschen Entscheid, sechs Polizisten wegen des Todes eines jungen Schwarzen zur Rechenschaft zu ziehen, hat Marilyn Mosby entscheidend zum Abflauen der Unruhen in Baltimore beigetragen. Trotz ihrer Zivilcourage ist ihr der Erfolg keineswegs sicher.

Nach Ermittlungen von nur 18 Tagen, viermal weniger als die Untersuchungen gegen Polizisten in Ferguson (Missouri), war der Fall für Marilyn Mosby aber klar. «Ich bin als afroamerikanische Frau von der Polizei belästigt worden, auch mein Mann wurde angehalten und von der Polizei drangsaliert. Ich glaube das gibt mir einen gewissen Einblick», sagte die 35-jährige Staatsanwältin Ende vergangener Woche zu ihrer Anklage gegen sechs Polizisten. Sie wirft ihnen vor, den 25-Jährigen Freddie Gray getötet zu haben. Der Fahrer des Gefangenentransporters muss sich wegen Totschlags verantworten; gegen die fünf anderen Polizisten wird wegen fahr­lässiger Tötung ermittelt. Sie alle bestreiten ihre Schuld.

Das Schwierige kommt erst noch

Was die Klage überraschend und glaubwürdig macht, ist die Geschichte der Staatsanwältin. Ihr Grossvater, ihr Vater und ihre Mutter waren Polizisten. Sie wuchs in einem der ärmsten Stadtteile von Boston auf und war das einzige schwarze Kind in einer weissen Klasse. Ihr Cousin wurde für einen Drogendealer gehalten und von einem Gleichaltrigen erschossen. Sie studierte Rechtswissenschaften und machte in einer partei­internen Auseinandersetzung letzten Herbst dem amtierenden Staatsanwalt das Mandat streitig. Obwohl ihr eine Niederlage vorausgesagt wurde, besiegte die junge Frau den etablierten weissen Mann. Ihren Gewinn hatte sie wesentlich ihrem Wahlversprechen zu verdanken, das für seine Brutalität berüchtigte Polizeikorps zur Rechenschaft zu ziehen. Gewaltsame Schikane und illegale Verhaftungen der schwarzen Bevölkerung, sagt sie, trügen entscheidend zum sozialen Zerfall der Innenstädte bei.

Ihre rasche Klage beendete die Unruhen in Baltimore praktisch auf einen Schlag. Doch nun kommt das Schwierige: die Prozesse gegen die Fehlbaren. Klagen gegen gewalttätige Polizisten enden in den meisten Fällen mit Freisprüchen. Geschworene sind bereit, Polizisten im geringsten Zweifel laufen zu lassen. Bekannt ist von den Ermittlungsakten nur, dass Gray ohne Grund verhaftet und gegen die Vorschriften ohne Sicherheitsgurten im Gefangenenwagen befördert wurde. Dabei muss er mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert worden sein. «Rough ride» heisst diese Art des Transports, bei dem Verdächtige windelweich geschlagen werden, ohne dass ein Polizist etwas tun muss.

«Bad cops» beschmutzen das gesamte Korps

Mosby kennt diese Praxis von den Schilderungen ihrer Eltern her. Sie sei es überdrüssig, wenn «bad cops» das ganze Korps beschmutzten, ohne belangt zu werden. Einigen Politikern und Gewerkschaftern passen solche Aussagen überhaupt nicht. Sie habe aus politischem Opportunismus gehandelt, kritisieren sie und verweisen darauf, dass ihr Mann Mitglied des Stadtrats von Baltimore sei. Ohnehin sei sie zu jung, zu unerfahren und handle übereilt.

Sie widerspricht mit Verweis auf die Todesumstände von Freddy Gray. «Ohne Gerechtigkeit kein Frieden», sagt sie, «ich habe die Rufe gehört.» Gray hatte die Polizisten mehrmals um Hilfe gebeten, da er am Ersticken sei. Seine Bitten wurden ignoriert.

Er starb an gebrochenem Genick. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2015, 07:13 Uhr

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