«Die Tyrannen dieser Welt lachen über die Vereinigten Staaten»

Wladimir Putin und der saudische Prinz Muhammad bin Salman begrüssen sich am G-20-Gipfel wie zwei alte Kumpel. Das sorgt in den USA für Konsternation.

High-Five: Putin und bin Salman begrüssen sich am G-20-Gipfeltreffen in Buenos Aires. Video: AFP

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Die Geste passt eher auf einen Pausenplatz als auf einen strikt nach Protokoll geregelten G-20-Gipfel: Der russische Präsident Wladimir Putin und der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman, kurz MbS genannt, klatschen sich ab wie zwei Teenager, dann setzen sie sich lachend und feixend nebeneinander an den Tisch.

Die Bilder haben sich im Netz rasend schnell verbreitet. Und die Kommentare sind vernichtend: «Blutsbrüder» steht da etwa, ein Vergleich mit Hitler und Stalin ist zu lesen, und der russische Ex-Schachweltmeister und Oppositionspolitiker Garri Kasparow twittert: «Mörder unter sich.» Der saudische Thronfolger wird scharf kritisiert für den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi und den Krieg gegen den Jemen, Putin für das Attentat auf den Ex-Agenten Skripal und den Krieg in Syrien.

An den rechten Rand verbannt

Der russische Präsident setzt sich gerne provokativ gegen den Westen in Szene, dem er Heuchelei und Moralismus vorwirft. Muhammad bin Salman, das erste Mal nach dem Mord an Khashoggi wieder auf internationaler Bühne, bot sich dabei als idealer Partner an. Zuvor war der Saudi auf dem Familienfoto des Gipfels ganz an den rechten Rand verbannt worden. Manche seiner Kollegen haben ihn offen geschnitten, und wer mit ihm sprach, betonte nachher vor laufenden Kameras, man habe seine schwersten Bedenken zum Ausdruck gebracht. Da war der Kronprinz wohl einfach froh, als er Putin traf, den solche Skrupel nicht plagen.

Dabei passt diese Kumpelei eigentlich gar nicht ins Bild. Zwischen der Sowjetunion bzw. später Russland und Saudiarabien herrschte jahrzehntelang Eiszeit: Riad unterstützte die Widerstandskämpfer gegen die Sowjetunion in Afghanistan, förderte radikale Islamisten im russischen Nordkaukasus, und in Syrien stehen die beiden Staaten heute ebenfalls auf verschiedenen Seiten der Front. Und überhaupt ist Saudiarabien seit jeher ein treuer Verbündeter der USA, während Moskau mit dem Iran koaliert, dem Hauptrivalen der Saudis in den Region.

Doch letztes Jahr besuchte der saudische König Salman Moskau mit allem Pomp. Es war der erste Besuch eines saudischen Monarchen überhaupt. Die tiefen Gräben wurden dabei nicht zugeschüttet, aber man einigte sich offenbar darauf, sie so weit wie möglich zu ignorieren. Stattdessen haben sich Putin und Salman in zwei für beide Länder zentralen Feldern verständigt: im Ölgeschäft und auf dem Waffenmarkt.

Bilder – G-20-Gipfel in Buenos Aires

Seither geben Russland und Saudiarabien in enger Absprache den Kurs vor in der Opec, der Organisation Erdöl exportierender Länder. Derzeit geht es Moskau und Riad um eine Verringerung der Fördermengen, um den Ölpreis zu stabilisieren. Zudem wurde die Lieferung des russischen Raketenabwehrsystems S-400 vereinbart. Viele Kommentatoren erklärten damals, aus russisch-saudischen Rüstungsgeschäften sei noch nie was geworden, und die USA boten sogleich einen Ersatz an. Doch offenbar hält Riad trotz der amerikanischen Intervention an dem Geschäft mit Russland fest.

Putin und Muhammad bin Salman, die sich letzten Sommer bei der Fussball-WM in Russland trafen, wollen beide den neuen Kurs fortsetzen und stellen die wirtschaftlichen Interessen ihrer Länder wo immer möglich über die Geopolitik. Moskaus politischer Verbündeter Iran, oder das in anderen Fällen hofierte Venezuela, hat deshalb zur Höhe des Ölpreises in der Opec nichts zu sagen. Auf der anderen Seite tut Putin im Umgang mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, sonst ein guter Freund in vielen Belangen, als gäbe es den Streit zwischen Riad und Ankara um den Fall Khashoggi gar nicht: Die Türkei verlangt ultimativ eine Klärung des Mordes und beschuldigt den Kronprinzen persönlich.

Kommentatoren sind überzeugt, dass das verschwörerische Lachen Putins und Muhammad bin Salmans dem US-Präsidenten galt.

Das legt den Schluss nahe, dass es bei der am Gipfel zelebrierten Männerfreundschaft, diesem zur Schau gestellten Wir-Gefühl, vor allem um eine Provokation gegen den Westen ging. Dafür spricht auch, dass die Bilder der beiden Führer in Teenagerstimmung im russischen Fernsehen, das die politischen Botschaften an die Russen formuliert, nur am Rand vorkamen. Putin und der Kronprinz von Saudiarabien hätten am Gipfel in Buenos Aires nebeneinander am Tisch gesessen, hiess es lapidar. Viel wichtiger waren hingegen die Bilder, die den russischen Präsidenten mit dem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping und auf Augenhöhe mit dem französischen Staatschef Macron und der deutschen Kanzlerin Merkel zeigten.

Der unwichtigste Mensch war in den Darstellungen des russischen Fernsehens Donald Trump. Viele Kommentatoren sind deshalb überzeugt, dass das verschwörerische Lachen Putins und Muhammad bin Salmans speziell dem US-Präsidenten galt, der ein Treffen mit Putin wegen der Eskalation in der Ukraine kurzfristig abgesagt hatte. «Die Tyrannen dieser Welt lachen über die Vereinigten Staaten», beklagt die «New York Times». «Und Trump lässt sie damit davonkommen.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 20:21 Uhr

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