«Die US-Wahlen 2016 werden blutig»

Für Alec Ross, Social-Media-Berater von Obama und Hillary Clinton, wird die Schlacht um das Weisse Haus im Internet entschieden.

Alec Ross: «Wer mehr als einen Drink hatte, sollte keine Facebook-Posts mehr verfassen. Wer in Rage ist, auch nicht.» Foto: Manuel Zingg

Alec Ross: «Wer mehr als einen Drink hatte, sollte keine Facebook-Posts mehr verfassen. Wer in Rage ist, auch nicht.» Foto: Manuel Zingg

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Die knallorange Krawatte und die giftgrüne Plastikuhr schiessen sofort ins Auge. Alec Ross, ein schmächtiger und jugendlich wirkender Mann Mitte 40, scheint nicht viel von protzigen Statussymbolen zu halten. Doch verfügt er über das luxuriöseste Statussymbol der Welt: rhetorische Brillanz. Ein Charismatiker mit Ostküstendialekt. Die Mischung aus politischem Wunderkind und Schauspieler könnte in der TV-Serie «House of Cards»auftreten, ohne Rollen auswendig lernen zu müssen. Alec Ross hielt auf Einladung der PR-Agentur Farner einen Vortrag über Gesellschaft, Technologie und Politik. Kontrolliert, versiert, unterhaltend. Ob er Hunger habe, frage ich ihn: «Nein, danke. Aber gestern ass ich zum ersten Mal einen Hamburger für 50 Dollar. Unfassbar. 50 Dollar! Ich musste ein Bild davon machen», sagt er und zeigt mir das Foto auf seinem iPhone.

Haben Sie das Bild des Hamburgers auf Facebook geteilt?
Nein, das hätte kein gutes Licht auf mich geworfen. Ich komme aus der Arbeiterklasse. Ich bin ein Mann des Volkes. Ein Plebejer. So einer isst keine 50-Dollar-Hamburger.

Ist das der Grund, wieso Sie keine Rolex, sondern eine giftgrüne Swatch-Uhr tragen?
Jeder, der in die Schweiz kommt, kauft Schweizer Uhren. Also habe ich mir auch eine gekauft. Eine, die meine Persönlichkeit und mein Budget widerspiegelt.

Sie sind der Mark Zuckerberg der Politik. Ein Wunderkind. Hip und innovativ zugleich. Der Vergleich gefällt mir. Ich kenne Mark, er ist ein guter Typ. Im Gegensatz zu Zuckerberg interessiert mich Technologie aber nicht. Ich kann keine Programme entwerfen und bin kein Computercrack.

Wie ist es möglich, dass Sie sich nicht für Technologie interessieren aber trotzdem als Experte auf dem Gebiet gelten?
Die Technologie ist nur das Medium. Als Historiker interessierten mich vor allem Menschen. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, bemerkt, dass sie in den letzten 20 Jahren hauptsächlich durch Technologie verändert wurden. Deswegen muss man die Technologie so gut kennen, wie die Menschen selbst. Ich musste viel lernen.

Welcher Präsidentschaftskandidat in den USA führt zurzeit die effektivste Online-Kampagne?
Im Jahr 2008 drehte sich alles um Facebook. Im Jahr 2012 alles um Twitter. Die Wahlen 2016 aber werden wie ein Quentin-Tarantino-Film sein: blutig, dreckig, verrückt, aggressiv. Ich glaube, dass Hillary Clinton beste Voraussetzungen mitbringt, um demokratische Kandidatin zu werden. Bei den Republikanern gibt es viele ausgezeichnete Kandidaten. Marco Rubio, Jeb Bush zum Beispiel. Oder Rand Paul, dessen Social-Media-Kampagne sehr gut ist. Ich glaube daran, dass sich ein intelligenter Kandidat ein gutes Team zusammenkaufen muss. Wie Barack Obama, der keineswegs ein Experte im digitalen Bereich war. Obama war nicht von Anfang an ein digitaler Rockstar, verpflichtete aber die richtigen Leute und gab ihnen den Freiraum, alles zu tun, um ihn zu einem zu machen.

Sie waren sein Berater in Sachen Social Media und sind somit teilhabend an dem Wahlerfolg im Jahr 2008. Wie verhalfen Sie ihm zum Sieg? Obama musste damals mit Fortschritt und Auftritt punkten, um sich durchzusetzen. Deswegen beschlossen wir, keine klassische Kampagne des 20. Jahrhunderts, sondern die erste Kampagne des 21. Jahrhunderts zu führen: mit Social Media. Wir brachten Obamas politische Einstellungen durch Verlinkungen und grosse Aktivität ins Netz. Zum Beispiel sein Engagement für Menschenrechte. So konnten wir die nötigen Schwerpunkte setzen. Mithilfe von Social Media koordinierten wir seinen Wahlkampf, ohne Kosten und nur mit dem Internet. Eine billige und effektive Variante – mit Technologie scheint vieles möglich.

Wie verhält es sich mit der Kampagne von Hillary Clinton?
Hillary ist heute weitaus bekannter als Obama 2008. Sie und ihr Mann feilten jahrzehntelang an einem Netzwerk aus Unterstützern und Spendern. Und sie ist ehrgeizig: 2010, beim Erdbeben auf Haiti, arbeitete ich bereits für sie. Clinton sass gerade im Flugzeug nach Papua-Neuguinea als sie die Hiobsbotschaft erreichte. Sie rief mich an und sagte: «Alec, morgen früh, wenn die Amerikaner ihren Kaffee trinken, will ich eine Lösung haben, wie man Haiti helfen kann.» Dabei schnippte sie mit den Fingern. Ich schwöre, ich höre das Schnippen heute noch. Über Nacht musste ich einen Plan entwerfen, wie man möglichst vielen Menschen einen Spendenaufruf zukommen lässt. Wir wählten nicht die Telekommunikation sondern das Internet. In zwei Wochen sammelten wir über 40 Millionen Dollar. Die Leute, die im Team von Obama bei den Vorwahlen 2008 Hillary Clinton besiegt haben, mich inklusive, gehören nun zu ihren grössten Unterstützern. Bei den Wahlen 2016 kann Hillary auf die komplette Infrastruktur und das Know-how zurückgreifen, die Obama 2008 zur Wahl und 2012 zur Wiederwahl verhalfen. Sie wird eine Mischung aus traditionellem und Online-Wahlkampf führen.

Die öffentliche Wahrnehmung von Politikern wie Hillary Clinton oder Barack Obama kann sich von heute auf morgen durch einen Fehltritt auf Social-Media-Plattfomen drastisch verändern. Denken Sie, dass es in 20 Jahren noch extremer sein wird?
Ich denke ja. Immer mehr Leute versuchen sich online durch aggressiveres Auftreten zu profilieren. Die Social Media eignen sich besser, um etwas zu zerstören, als etwas aufzubauen. Online-Kampagnen können sehr schädlich sein. Man sollte sich deswegen auf Facebook so verhalten, wie wenn man live auf CNN auftritt. Wer mehr als einen Drink hatte, sollte keine Posts mehr verfassen. Wer in Rage ist, auch nicht. Meines Erachtens ist das Fernsehen trotzdem gefährlicher, weil man live Antworten liefert, die man nicht zurücknehmen kann. Auf Facebook dagegen kann man Dinge nachträglich editieren. Man hat die totale Kontrolle.

Aber wenn jemand ein unvorteilhaftes Bild von Ihnen auf Facebook hochlädt, haben Sie keine Kontrolle.
Das ist wahr. Aber Sie können generell nicht kontrollieren, was andere über Sie schreiben, sagen oder posten. Das 21. Jahrhundert ist eine fürchterliche Zeit, um ein Kontrollfreak zu sein.

Vor Jahren sammelte die Stasi Informationen über Menschen in der DDR. Heute scheint es, als teile jeder jedem über Social Media mit, wo er was zur welchen Zeit mit wem macht – freiwillig.
Ja, doch wer ist heute die Stasi? In westlichen Demokratien gibt es keine Stasi. Die gibt es in Russland, in China, in vielen anderen Ländern. Die Organisationen hier im Westen, welche Informationen sammeln, wollen nur eins: bessere Werbung und mehr Gewinn. Und was die NSA angeht: Die interessiert nicht, was die Leute zum Frühstück essen oder mit wem sie schlafen. Die interessiert nur, ob jemand einen Terroranschlag plant oder nicht.

Berichten zufolge benutzen terroristische Gruppierungen wie der Islamische Staat Social Media, um sich zu organisieren. Ist das kein Nachteil?
Viele fragen sich, wieso die Amerikaner IS-Anhänger und andere Extremisten nicht auf den Social-Media-Plattformen sperren. Sie erwähnten die Menschen, die freiwillig mitteilen, was sie wann und wo tun. Das ist genau der Punkt: Social Media sind wie ein kostenloser und freiwilliger Nachrichtendienst. Auch im derzeitigen Konflikt zwischen dem Westen und Russland verhält es sich so. Wir sehen, wer was denkt und wer wen trifft. Jedes Körnchen Information kann helfen. Information ist alles.

Das klingt, als befänden wir uns in einem neuen Kalten Krieg.
Ich denke nicht, dass es einen neuen Kalten Krieg gibt. Der Kalte Krieg wurde von allen Nationen mitgetragen. Satellitenstaaten bekämpften sich weltweit. Man gehörte dem kapitalistischen USA- oder dem kommunistischen Sowjet-Lager an. Heute gibt es nur den Westen und eine Handvoll Länder, die zu Russland halten. Der Konflikt ist keine globale Angelegenheit mehr. Ausserdem kränkelt die russische Wirtschaft. Die UdSSR dagegen war wirtschaftlich mächtig. Nicht einmal das Militär ist gleich stark wie das amerikanische.

Westliche Politiker benutzen das Internet für ihre Auftritte, während Politiker wie Wladimir Putin nicht auf den Social-Media-Plattformen präsent zu sein scheinen. Wieso nicht?
Putin hat in seinem Leben wahrscheinlich noch nie eine E-Mail versandt. Er misstraut dem Internet und nannte es «CIA-Projekt». Auch seine Entourage tickt so. Ich war einmal im Weissen Haus in Moskau und traf Viktor Peskov, Putins Pressesprecher. Er fuchtelte mit einem Stift herum und sagte (spricht mit rusisschem Akzent): «Ich kann Ihnen wissenschaftlich beweisen, dass Sie sich selbst behindern, wenn Sie das Internet nutzen. Weil Sie vergessen, wie man Stifte benutzt.» Er meinte mein Vokabular gehe wegen des Internets kaputt.

Und doch nutzen sehr viele Menschen in Russland Social Media.
Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Die Medienlandschaft in Russland hat sich seit Putin sehr gewandelt. Das muss man ihm hoch anrechnen: Er arbeitet sehr sorgfältig, was die Informationshoheit betrifft. Er schaltet ganze Zeitungen gleich. Putins Russland ist ein Mafia-Staat. Vor fünf Jahren hätte ich etwas anderes behauptet. Als Berater von Hillary Clinton war ich überzeugt, dass diese Form der Propaganda tot sei.

Wie kamen Sie auf den Gedanken, dass Propaganda tot sein könnte?
Ich glaubte, dass die Transparenz im Netz dazu führen würde, dass Menschen sich besser informieren. Ich sagte, dass Propaganda nicht funktioniere. Sie sehen – ich irrte mich total.

Erstellt: 07.04.2015, 10:18 Uhr

Online-Berater von Barack Obama und Hillary Clinton

Alec Ross (43) studierte Geschichte an der North­western University in Chicago und an der Università di Bologna in Italien. Nach dem Studium arbeitete er als Lehrer in Baltimore, Maryland, in einer Schule für Härtefälle. Alec Ross war während der Präsident­schafts­kampagne Barack Obamas 2008 dessen Berater in Online-Fragen. Später arbeitete er fünf Jahre für die damalige Aussenministerin Hillary Clinton. Alec Ross hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Baltimore.

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