Hintergrund

Die Waffenbrüder auf der anderen Seite des Atlantiks

Amerikas Waffenlobby schwärmt von der Schweiz. Und die Zuneigung wird erwidert. Willy Pfund vom Waffenrechtsvereins Pro Tell rät den USA, weiter für ein «freiheitliches Waffenrecht» zu kämpfen.

«Das stolze und freie Volk der Schweizer»: Ein Sportschütze zielt mit seiner SIG P210 während des Trainings des Unteroffiziersvereins Limmattal in Schlieren ZH. Amerikas Waffenlobby NRA bewundert unsere Waffengesetze. (15. Januar 2011)

«Das stolze und freie Volk der Schweizer»: Ein Sportschütze zielt mit seiner SIG P210 während des Trainings des Unteroffiziersvereins Limmattal in Schlieren ZH. Amerikas Waffenlobby NRA bewundert unsere Waffengesetze. (15. Januar 2011) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wenn es um unser Land geht, gerät Wayne LaPierre ins Schwärmen: «Jahrhundertelang hatte das stolze und freie Volk der Schweizer seine Gewehre in seinen Heimen, um die Nation gegen Eroberung zu verteidigen und seine Gemeinden in Zeiten der Not zu schützen.» LaPierre ist Amerikaner und als Geschäftsführer der Waffenlobby NRA ein mächtiger Mann. Und er schrieb das vor bald zwei Jahren, im Nachgang der Abstimmung über die Schweizer Waffeninitiative.

Die stammte zwar von der SP, aber für LaPierre war sie Auswuchs der «europäischen Anti-Waffen-Bewegung», ein Versuch, das Recht der freien Schweizer auf Waffenbesitz «auszulöschen»: «Sie machten nur einen Fehler, sie liessen das Volk darüber abstimmen.» Bekanntlich wurde die Initiative im Februar 2011 mit 56,3 Prozent abgelehnt. Sie hätte das Recht auf Waffenbesitz zwar nicht ausgelöscht, aber doch einen Bedarfsnachweis verlangt und für Armeewaffen ausserhalb der Dienstzeit die Aufbewahrung im Zeughaus eingeführt.

Viele Waffen, weniger Morde

Aber sie scheiterte. Und die Medien, so empörte sich der Amerikaner LaPierre, hätten «darüber geschwiegen». Was natürlich nicht stimmt: Die Nachricht von der Schweizer Abstimmung fand sich prominent auch in US-Medien. Aber das hätte nicht zu LaPierres Aufruf gepasst: «Es ist an uns, die gute Nachricht zu verbreiten. Es ist eine inspirierende Geschichte, und ich hoffe, sie spornt auch passive Waffenbesitzer an: Sogar in der Mitte Europas, wo Millionen Menschen ihr Leben für Tyrannen lassen mussten, kann sich die Freiheit durchsetzen!»

Die Schweiz gilt seit Langem als leuchtendes Vorbild für US-Waffenfreunde. Aus naheliegenden Gründen: Die Waffendichte in unserem Land ist höher als im Rest Europas. Nicht ganz so hoch wie in den USA selbst, wo etwa eine Feuerwaffe auf einen Einwohner kommt. Bei uns ist es etwa eine auf drei Einwohner. Und doch ist unsere Mordrate gemäss neuen UNO-Zahlen sieben Mal niedriger. Die USA liegen ohnehin einsam an der Waffenmord-Spitze der Industrienationen. Allerdings liegt die Schweiz bereits auf Platz vier, hinter Chile und der Türkei. Bei uns werden deutlich mehr Menschen erschossen als in Deutschland, Österreich oder Frankreich. Nur Italien kommt an uns heran.

An der Debatte ändert das wenig, denn das Beispiel Schweiz bringt die Befürworter strengerer Waffengesetze in Amerika nicht wirklich aus der Fassung. Die Schweiz lasse sich nicht wirklich mit den USA vergleichen. Erstens, weil halbautomatische Waffen – Sturmgewehre – bei uns nicht frei handelbar sind, jedenfalls nicht mit Serienfeuer-Funktion. Und genau ein solches Verbot ist in den USA ja jetzt erst wieder zum Traktandum geworden. Und zweitens repräsentiere die reiche Schweiz nur einen kleinen Teil der USA mit ihren vielen sehr viel ärmeren Gebieten.

Mitnahme-Selbstmorde statt Amokläufe

Dennoch stehen in Schweizer Heimen über eine Million Sturmgewehre; 900'000 des älteren, und 260'000 des neueren Typs. Es sind die Heime von Soldaten, anders als in den USA, wo es meist die Heime von Nicht-Soldaten sind. Dennoch sind unsere Sturmgewehre relevant für eine Form der Gewalt, die in den Staaten eine kleinere Rolle spielt: Selbstmorde und ihre schreckliche Unterart Mitnahme-Selbstmorde. Eine Studie hat nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Israel einen starken Zusammenhang festgestellt zwischen Selbstmorden und Sturmgewehrbesitz. Das ist der grosse Unterschied: Unsere Amokläufe wenden sich gegen innen, gegen die Nächsten.

Dennoch nehmen die Schweizer Waffenfreunde das Lob ihrer amerikanischen Kollegen gerne entgegen. Willy Pfund, Solothurner Ex-Nationalrat der FDP, ist Präsident von Pro Tell, der Gesellschaft für freiheitliches Waffenrecht. Wenn er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet den «freiheitlichen Waffenbesitz» bis auf Wilhelm Tell zurückführt und als grundsätzlich für unser Land darstellt, dann klingt das ganz ähnlich wie Wayne LaPierres Pochen auf das verfassungsmässige Recht auf Waffenbesitz als Grundpfeiler der amerikanischen Republik. Doch Pfund ist ein bisschen strenger: «Als die Amerikaner 1791 das Recht auf Waffenbesitz in die Verfassung aufnahmen, hatten die Schweizer sich schon lange ein Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit der Waffe angeeignet. Die USA waren damals eine sehr viel weitläufigere, härtere Umgebung. Und sind es noch.»

Also ist alles doch eine Frage der Kultur, nicht der Gesetze? Willy Pfund bleibt vorsichtig: «Man darf wegen dieser Einzelfälle, so tragisch sie sind, nicht die riesige Zahl an verantwortungsbewussten Amerikanern verurteilen.» Dem vorgeschlagenen Verbot für halbautomatische Waffen in den USA steht Pfund skeptisch gegenüber: «Wenn Sie mich fragen, sollte die NRA sich möglichst lange für ihr freiheitliches Waffenrecht wehren. Statt Waffen zu verbieten, sollte man die Missbraucher zur Rechenschaft ziehen.» Und wenn die meisten sich nach ihren Greueltaten ohnehin umbringen? «Dann sollte man eben versuchen, sie vor ihren Taten zu erkennen und zu stoppen. Gewaltbereite Menschen finden immer einen Weg, ob Sie nun Gewehre, Messer oder Äxte verbieten.»

«Die Welt seit Kain und Abel»

Und das klingt dann wieder ganz nach Wayne LaPierre. Fragt sich nur, ob Willy Pfund umgekehrt mehr Waffenfreiheit für die Schweiz wünscht. «Wir können mit dem Gesetz leben, wie es ist», sagt er pragmatisch. Er hat kein Problem mit dem Verkaufsverbot für Sturmgewehre mit Serienschuss-Funktion. Und er findet es richtig, dass Waffenverkäufer bei uns, anders als in den USA, über jede verkaufte Kugel Buch führen müssen.

Doch manchmal, das gibt er zu, da träumt er davon, dass das Gesetz sich aus der Welt der Waffen heraushalten würde. Es sind Träume, in denen der Rest der Welt seine Naivität einsieht: «Die Welt war seit Kain und Abel nie gewaltlos», schrieb Pfund vor einigen Monaten. «Eine gewaltfreie Welt ist eine Illusion.»

In einer früheren Version stand in einem Zitat von Willy Pfund die Jahreszahl 1871. Korrekt wäre 1791. Pfund wurde falsch zitiert, der Fehler liegt beim Autor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.12.2012, 18:34 Uhr

«Die NRA muss kämpfen»: Willy Pfund, Präsident von ProTell, der Gesellschaft für freiheitliches Waffenrecht. (Bild: Keystone )

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