Die Wut der Stahlarbeiter

Jobs aus China will Trump in die USA zurückbringen und mit diesem Versprechen die Präsidentschaftswahl gewinnen. Doch nun holt ihn seine Vergangenheit ein.

Ein Mann demonstriert in Las Vegas mit einer Donald-Trump-Maske: Das Trump International Hotel in der Stadt wurde gemäss «Newsweek» mit Stahl aus China gebaut.

Ein Mann demonstriert in Las Vegas mit einer Donald-Trump-Maske: Das Trump International Hotel in der Stadt wurde gemäss «Newsweek» mit Stahl aus China gebaut. Bild: Keystone

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Will Donald Trump US-Präsident werden, muss er die Wahl in den Staaten Ohio und Pennsylvania unbedingt gewinnen. Hier, im sogenannten amerikanischen Rostgürtel, wo in den letzten Jahrzehnten Tausende Jobs in der Schwerindustrie verloren gingen und Tausende mehr bedroht sind, setzt Trump auf die Wut der Arbeiter. Doch diese Wut könnte sich jetzt gegen ihn selber richten.

In der zweiten TV-Debatte versetzte Hillary Clinton Trump einen schweren Schlag. Trump sprach davon, dass er alles dafür tun werde, um Industriejobs aus China zurück in die USA zu bringen. Und dass China mit seinem Billigstahl die US-Stahlindustrie und ihre Arbeiter «kille». Das war eine Steilvorlage für Clinton: Genüsslich breitet sie vor dem Millionenpublikum aus, dass Immobilienmilliardär Trump für grosse Bauwerke Stahl aus China verwendet hatte. «Donald Trump sorgt dafür, dass die Stahlarbeiter ihre Jobs verlieren.» Das sass.

«... We have to bring back our workers. You take a look at what’s happening to steel and the cost of steel and China dumping vast amounts of steel all over the United States, which essentially is killing our steelworkers and our steel companies.» Donald Trump

«... Well, that was very interesting. First of all, China is illegally dumping steel in the United States and Donald Trump is buying it to build his buildings, putting steelworkers and American steel plants out of business.»Hillary Clinton

Die Stahlgeschichte wurde vor einigen Tagen im US-Magazin «Newsweek» publiziert. Der verantwortliche Reporter Kurt Eichenwald freute sich diebisch über die Erwähnung im TV-Duell.

Gemäss den Recherchen von Eichenwald hat Trump für seine letzten drei grossen Immobilienprojekte Stahl und Aluminium in China gekauft. Trumps Wahlkampfteam hat die Geschichte bislang weder bestätigt noch dementiert. Das Vorgehen ist natürlich völlig legal, macht sich aber schlecht, wenn man als Präsidentschaftskandidat ständig verspricht, die amerikanische Schwerindustrie vor der Billigkonkurrenz aus China zu retten.

Die Gewerkschaft der US-Stahlarbeiter hat bereits heftig auf die Geschichte reagiert. Sie wehrt sich schon seit langem gegen Importe aus China. Der Chef der Gewerkschaft nannte Trump einen «Heuchler» und «absolut unehrlich». Trump versuche verzweifelt, die amerikanischen Arbeiter für sich zu gewinnen. Aber in Wahrheit habe er «diese Arbeiter, ihre Familien und ihre Gemeinden verraten, um ein paar Dollar für Baumaterial zu sparen».

Nachdem das Grabscher-Video vom Wochenende dafür gesorgt hat, dass die grosse Mehrheit der Frauen Trump nicht mehr wählen wird, könnte diese Geschichte nun grossen Einfluss auf seinen Rückhalt bei den weissen Männern aus der Mittel- und Unterschicht haben. Sie standen bislang mehrheitlich hinter Trump.

In Ohio liegen Clinton und Trump gemäss Umfragen praktisch gleichauf.

Der US-Präsident wird nicht national gewählt, sondern in den Bundesstaaten. Der Sieger in einem Staat erhält alle dessen sogenannten Wahlmännerstimmen. Die meisten US-Staaten wählen entweder stramm demokratisch oder republikanisch – egal, welche Kandidaten antreten. Daneben gibt es einige sogenannte Swing States, in denen die Parteiverbundenheit weniger stark ausgeprägt ist. Sie entscheiden über Sieg oder Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen. Die wichtigsten Wackelstaaten sind die beiden Rostgürtelstaaten Ohio und Pennsylvania sowie Florida. Eine Faustregel besagt: Wer mindestens zwei dieser Staaten gewinnt, wird US-Präsident.

In Pennsylvania lag Clinton gemäss Umfragen schon bislang recht deutlich vor Trump. In Ohio liefern sie sich allerdings ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die China-Episode könnte jetzt den Ausschlag für einen Clinton-Sieg in Ohio geben. Und damit auch für ihren Einzug ins Weisse Haus sorgen.

Übrigens war in diesem Wahlkampf Trumps Vorliebe für Produzenten in Übersee schon einmal ein Thema: Vor einigen Monaten wurde bekannt, dass er Teile seiner Modekollektion ausserhalb der USA anfertigen liess. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2016, 12:00 Uhr

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