Hintergrund

Die XXL-Nation steht am Scheideweg

Die Amerikaner werden immer dicker. Eine Konferenz in Washington schlägt Alarm: Wegen der grassierenden Fettleibigkeit drohe der Ruin der Volksgesundheit.

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Sie wackeln schnaufend durch Supermärkte, steigen ächzend in ihre Autos und leben auf der XXL-Ebene: Dicke und fettsüchtige Amerikaner sind Alltagserscheinungen, nirgendwo in der westlichen Welt gibt es ähnliche Ungetüme wie im Land des ewigen Essens. Längst aber schlägt der nationale Blubber auf die Gesundheitskosten durch und belastet die Wirtschaft.

Auf einer dreitägigen Konferenz in Washington, die vom staatlichen Center for Disease Control unter der Überschrift «Das Gewicht der Nation» organisiert wurde, riefen Ärzte und Ernährungswissenschaftler diese Woche den Notstand aus: Laut einer dort vorgelegten Studie wird sich die Zahl fettsüchtiger Amerikaner bis 2030 nochmals erhöhen, von derzeit 36 auf 42 Prozent – womit insgesamt 110 Millionen Bürger an Fettsucht leiden werden. Ein weiteres Drittel der Bevölkerung ist übergewichtig, und schon jetzt belaufen sich die Kosten für die zusätzlichen Pfunde auf rund 190 Milliarden Dollar pro Jahr.

Aufruf zu einer «öffentlichen Intervention»

Steigt der Prozentsatz der Fettsüchtigen bis 2030 tatsächlich auf 42 Prozent, wird die amerikanische Volkswirtschaft mit zusätzlichen 550 Milliarden Dollar zur Kasse gebeten werden. Eindringlich warnte David Finkelstein, einer der Verfasser der neuen Studie, die 1200 Teilnehmer der Konferenz, das Problem werde sich «ohne öffentliche Intervention weiter verschlimmern». Schon müssen etwa Fluglinien und Busunternehmen die Extrapfunde beim Benzinverbrauch mit einkalkulieren, während Krankenhäuser Spezialbetten und -rollstühle benötigen, um Superfette betreuen zu können.

Besonders Afroamerikaner, Latinos und arme Amerikaner sind fett, doch auch die Mittelklasse ist zunehmend davon betroffen. Diabetes und Herzkrankheiten grassieren, die Lebensqualität der Fettsüchtigen leidet. Dan Glickman, einstmals US-Landwirtschaftsminister und einer der Verfasser eines Reports des staatlichen Institute of Medicine (IOM), beschrieb die Fettepidemie denn auch in drastischen Worten: Sie drohe «katastrophisch und unbezahlbar» zu werden.

Riesige Portionen voller Fett und Zucker

Der IOM-Report sucht die Schuld für die Fettleibigkeit weniger bei willensschwachen Individuen als vielmehr bei einer Restaurant- und Nahrungsmittelindustrie, die riesige Portionen voller Fett und Zucker serviere. Auch die US-Landwirtschaft müsse umdenken: So gehe es beispielsweise nicht an, dass auf subventionierten Anbauflächen weder Gemüse noch Früchte angebaut werden dürfen. Ein Vorstoss von Lebensmittel-Kritikern wie dem New Yorker Autor und Aktivisten Michael Pollan, wonach Zucker in Form von Maissirup oder ungesunde Fette grundsätzlich nicht mehr subventioniert werden sollten, wurde hingegen abgelehnt.

Dennoch forderten die Experten in Washington ein völliges Umdenken, was die Ernährung und den Lebensstil der Amerikaner angeht: mehr gesundes Essen auch in Fast-Food-Restaurants, weniger Sodagetränke, mehr Trottoirs sowie täglicher Sport in den Schulen, um die besorgniserregende Zahl junger Fetter zu senken. Die XXL-Nation, so der Tenor der Washingtoner Konferenz, ist an einem Scheidepunkt angelangt: Gelingt es nicht, den derzeitigen Trend zu stoppen und umzukehren, droht der Ruin des Gesundheitswesens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2012, 08:47 Uhr

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