Die andere Version der amerikanischen Geschichte

US-Präsident Trump schwelgt in der Vergangenheit – in Charlottesville läutet ein neuer Feiertag bereits die Zukunft ein.

Nach seiner Rede am Nationalfeiertag flog US-Präsident Donald Trump fürs Wochenende nach Bedminster, New Jersey – er wird dort im Trump National Golf Club wohnen. Foto: Saul Loeb/AFP

Nach seiner Rede am Nationalfeiertag flog US-Präsident Donald Trump fürs Wochenende nach Bedminster, New Jersey – er wird dort im Trump National Golf Club wohnen. Foto: Saul Loeb/AFP

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Seine TV-Rede am amerikanischen Nationalfeiertag beleuchtete ein Geschichtsverständnis, das Donald Trump mit vielen seiner Anhänger teilt. Es ging vorrangig um amerikanische Grösse, laut Trump am eindrücklichsten symbolisiert durch die stets heldenhaften US-Streitkräfte. Zwar erwähnte der Präsident in seiner Ansprache an die Nation Bürgerrechtler und Erfinder, die meiste Zeit aber widmete er militärischen Mythen sowie illustren Gründervätern wie George Washington und Thomas Jefferson.

Dass Trump dabei seine Militärgeschichte durcheinanderwarf wie ein Zweitklässler, schon 1775 Flugzeuge am Himmel wähnte und den Unabhängigkeitskrieg mit dem Krieg von 1812 gegen die Briten vermengte, ist eher eine Fussnote. Neuerlich aber offenbarte seine Rede eine Nostalgie, die diesen Präsidenten mit seiner politischen Basis verbindet.

Rückwärtsgewandter Blick auf die Nation

Trumps Amerika ist in den fünfziger Jahren steckengeblieben, die Beschwörung amerikanischer Einzigartigkeit diente ihm als Leitmotiv. Allerdings zeichnete Trump dieses Leitmotiv bei weitem nicht so meisterhaft wie Ronald Reagan, der US-Amerika unter Berufung auf den frühen puritanischen Einwanderer John Winthrop als «leuchtende Stadt auf dem Hügel» zelebriert hatte.

In seinem rückwärtsgewandten Blick auf die Nation gewahrt Trump blühende Industrielandschaften im Mittleren Westen und florierende Kohlebergwerke in den Appalachen sowie eine Gesellschaft, die unvermindert von Amerikanern weisser Hautfarbe, von evangelikalen Christen sowie vom Militär bestimmt wird. Vor allem Menschen in Uniform bevölkern Trumps Imagination, bilden sie doch eine Auslese der Tapfersten und sind für den Präsidenten mithin ohne Tadel.

Neuer Feiertag in Charlottesville

Drei Tage vor Trumps Auftritt am US-Unabhängigkeitstag aber manifestierte sich eine andere Version der amerikanischen Geschichte: Der Stadtrat in Thomas Jeffersons Heimatstadt Charlottesville im Staat Virginia schaffte den Geburtstag des Sklavenhalters und Verfassers der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als städtischen Feiertag ab und erklärte den Befreiungstag afroamerikanischer Sklaven zum neuen Feiertag.

Statt sich wie von Trump bevorzugt auf militärische Heldentaten reduzieren zu lassen, besinnt sich die Geschichte hier neu und widmet sich einem wahrhaft grossen Thema: Der Überwindung der amerikanischen Ursünde, nämlich der Versklavung von Afroamerikanern zum gleichen Zeitpunkt, da Jefferson in seiner Unabhängigkeitserklärung allen Menschen das Recht auf Freiheit und die Verfolgung des eigenen Glücks zusprach.

Seitdem ist die amerikanische Geschichte ein unvollkommenes, aber doch stetiges und hoffnungsvolles Projekt der Einlösung von Jeffersons Versprechen. Ihre Helden sind weniger Generäle und Gründerväter als vielmehr Sklavereigegner und Frauenrechtlerinnen, die Aufrührer der Christopher Street und eben alle, denen die Umsetzung von Jeffersons unsterblicher Forderung am Herzen lag – Menschen wie Frederick Douglass und Harriet Tubman und Rosa Parks, Susan B. Anthony und Allen Ginsberg.

Das urbane Amerika will Trump nicht

Donald Trumps Amerika findet überwiegend in kleineren und mittleren Städten sowie auf dem Land statt. US-Amerikas beneidenswerte Dynamik und Innovationsfähigkeit aber ist stets eine Angelegenheit der Metropolen gewesen, in denen sich Migranten aus allen Ecken und Enden der Welt tummelten und tummeln. Dieses Amerika wollte Donald Trump 2016 nicht und will ihn auch heute nicht. Er hat ihm nur wenig zu bieten und nichts zu sagen, was es ansprechen würde.

Im Gegenteil: Für politischen Gewinn polarisiert Trump die amerikanische Gesellschaft unter dem Beifall einer Anhängerschaft, der Minderheiten, Migranten und Homosexuelle suspekt sind. Sie möchte den nicht allzufernen Moment verhindern, in dem sie selbst zu einer Minderheit geworden ist. Nicht Trumps Version der amerikanischen Geschichte gehört mithin die Zukunft, sondern derjenigen, die der Stadtrat von Charlottesville am vergangenen Montag entwarf.

Erstellt: 06.07.2019, 20:26 Uhr

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