Die beiden Männer fürs Grobe

Zwei dubiose Militärpsychologen erledigten die Folterarbeit für den amerikanischen Geheimdienst. Dabei ging es brachial zu und her.

Das amerikanische Magazin VICE hat einen der beiden Militärpsychologen, James Mitchell, zum Folterreport interviewt. (Video: Youtube/VICE News)


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Sie wandern unter den Pseudonymen Dr. Grayson Swigert und Dr. Hammond Dunbar durch den am Dienstag veröffentlichten Folter-Report des Geheimdienstausschusses im US-Senat: Zwei Militärpsychologen, die im Auftrag der CIA Foltermethoden für Terrorverdächtige entwickelten und von 2002 bis 2007 in den geheimen CIA-Gefängnissen an der Arbeit waren. Ihre wahren Namen sind bekannt: James Mitchell und Bruce Jessen. Sie erhielten von der CIA 81 Millionen Dollar im Rahmen eines Vertrags, der ihrer eigens zu Folterzwecken gegründeten Firma bis zu 180 Millionen Dollar auszahlen sollte.

Das viele Geld floss nur, weil Mitchell und Jessen das Glück hatten, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Kurz nach den Al-Qaida-Anschlägen in New York und Washington im September 2001 hatte Präsident George W. Bush seinen «Krieg gegen den Terror» erklärt. «Mir ist es egal, was die Anwälte sagen, wir werden diesen Leuten in den Hintern treten», sagte Bush damals zu Pentagon-Boss Donald Rumsfeld. «Verschärfte Verhörmethoden» waren eine der Methoden, um der Terrorgefahr Herr zu werden, glaubten Bush, Rumsfeld und vor allem Vizepräsident Dick Cheney.

Schlecht qualifiziert

Bereits im April 2002 wandte sich die CIA deshalb an Bruce Jessen, der im Pentagon ein Überlebensprogramm für in Feindeshand gefallene US-Sonderkräfte und Piloten entwickelt hatte. SERE, so die englische Abkürzung für das Programm, war einer Anweisung Präsident Dwight Eisenhowers auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entsprungen: US-Piloten sollten «einem besonderen Training» unterzogen werden, um den «Bemühungen des Feindes» nach Informationen widerstehen zu können. Zu diesem Zweck hatten Jessen und andere Militärpsychologen US-Sonderkräfte Folterpraktiken unterworfen, wie sie seit dem Beginn des Kalten Kriegs gängig waren.

Nun klopfte die CIA bei Jessen an und konsultierte ihn. Im Juli 2002 wurde man sich einig, kurze Zeit später schied der promovierte Psychologe aus dem Dienst beim Militär aus und gründete mit seinem bereits pensionierten Kollegen James Mitchell sowie fünf weiteren SERE-Spezialisten die Firma Mitchell, Jessen & Associates mit Sitz im Pazifik-Staat Washington - gefoltert wurde fortan von privaten Subunternehmern der CIA. Qualifiziert waren die CIA-Schergen nicht wirklich: Laut dem Senatsreport hatten sie «keinerlei relevante kulturelle oder linguistische Erfahrungen». Unter anderem sprachen sie kein Arabisch.

«Sadistische» Praktiken

Eher schon waren sie Männer fürs Grobe: Dem Senatsreport zu Folge bestand ihr Repertoire aus «Ohrfeigen, an die Wand werfen, Schlafberaubung» und anderen brutalen Verhörmethoden. Jessen und Mitchell hätten dabei nicht nur «professionelle Richtlinien» verletzt, kritisierte Senatorin Dianne Feinstein, die Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, gestern in einer Rede vor dem Senat. Ihre Arbeit sei zudem von «klaren Interessenkonflikten» gekennzeichnet gewesen.

In seinen Memoiren beschreibt der ehemalige CIA-Rechtsbeistand John Rizzo Jessens und Mitchells Praktiken als «sadistisch und entsetzlich». Eine der «Techniken» sei «so grausam» gewesen, dass das Justizministerium sie verboten habe. Ehemalige CIA-Mitarbeiter behaupten, es habe sich hierbei um «simuliertes Begraben bei lebendigem Leib» gehandelt. George W. Bushs Justizministerium erteilte in diesem Fall ein Verbot, sonst aber durften Jessen und Mitchell nahezu nach Belieben schalten und walten.

Zunehmend unwohl

Ihre Auftraggeber bei der CIA wiederum konnte sich auf allerhöchste Absegnung berufen. «Das ist euer Baby, erledigt das», hatte George W. Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice 2004 an die Adresse des Dienstes gesagt. Nicht nur Bushs Aussenminister Colin Powell aber war zunehmend unwohl zu Mute. «Warum reden wir darüber im Weissen Haus? Die Geschichte wird nicht freundlich darüber urteilen», warnte Justizminister John Ashcroft bei einem Gespräch über die CIA-Folterungen im Präsidentendomizil.

Erst nach dem Amtsantritt Barack Obamas 2009 wurden alle vertraglichen Verbindungen zwischen der CIA und Bruce Jessen und James Mitchell gelöst. Als ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters James Mitchell nach der Veröffentlichung des Senatsreports um eine Stellungnahme bat, zeigte sich der Pensionär höchst ungehalten: Man solle ihn gefälligst in Ruhe lassen.

Erstellt: 10.12.2014, 21:50 Uhr

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