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Zorro und der Unbarmherzige, Hillarys Minderheiten und der Mann ohne Eigenschaften: Fünf Prognosen vor der Vorwahl in New Hampshire

Die Vorzeichen haben sich nach Iowa verändert: Marco Rubio, Donald Trump, Ted Cruz, Ben Carson und  Chris Christie (v.l.n.r.) debattieren im jüngsten TV-Duell (6. Februar 2015).

Die Vorzeichen haben sich nach Iowa verändert: Marco Rubio, Donald Trump, Ted Cruz, Ben Carson und Chris Christie (v.l.n.r.) debattieren im jüngsten TV-Duell (6. Februar 2015). Bild: Carlo Allegri/Reuters

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1. Die republikanischen TV-Debatten bieten eine Vorschau auf den nächsten Krieg der USA

In der vergangenen Nacht wurde neuerlich eine republikanische TV-Debatte ausgestrahlt. Mal abgesehen davon, dass politisch dabei nicht mehr viel Neues herauskommt, gibt es doch eine Konstante: Krieg und Folter. Die aussenpolitische Hardcore-Fraktion der Präsidentschaftsbewerber – Ted Cruz, Marco Rubio und Trump – wollen mehr Krieg und verschärfte Taktiken beim Krieg gegen den Terror. Der New Yorker Milliardär Trump möchte erneut simuliertes Ertrinken wie bei George W. Bushs CIA einführen, ja noch mehr Folter will er.

Insgesamt kann nur gehofft werden, dass der Machismo einiger republikanischer Kandidaten rein aufgesetzt und lediglich für den innenpolitischen Konsum gedacht ist. Mit lauten und scharfen Tönen versucht man, die Wählerschaft zu beeindrucken. Entspringt die Bereitschaft zur Gewaltanwendung um jeden Preis indes echter Überzeugung oder gar psychischer Instabilität, geht es 2017 hoch her und steht der nächste US-Krieg vor der Tür.

Wie vorherige Debatten war diesbezüglich auch die gestrige zum Fürchten. Es sind gerade mal 13 Jahre her, seit George W. Bush im Irak einmarschierte und zu Hause von der CIA foltern liess. Rubio, Cruz und Trump haben nichts daraus gelernt. Jeb Bush und Ohios Gouverneur John Kasich schon eher.

2. Ted Cruz kommt weder ins Weisse Haus noch in den Himmel

Der texanische Senator hat zwar die Parteiversammlungen in Iowa gewonnen. Aber wie anderen Iowa-Gewinnern vor ihm hat dieser Sieg auch Cruz keinen Auftrieb verschafft. Im Gegenteil: Vor der Vorwahl in New Hampshire am Dienstag sieht es fast so aus, als ob Cruz gehörig an Höhe verlieren wird. In diesem Fall würden alle Republikaner aufatmen, die den Texaner als eine Zumutung empfinden.

In Iowa sorgten ausgerechnet evangelikale Christen für den Sieg dieses zutiefst unchristlichen Senators. Oder wie es der moderat-republikanische Kolumnist David Brooks in der «New York Times» treffend formulierte: Cruz' Reden seien «gekennzeichnet durch heidnische Brutalität; ihnen fehlt jede Spur von Barmherzigkeit, Güte oder Gnade». So ist es: Nächstenliebe ist Ted völlig fremd, Emphatie gleichfalls. Der unchristlichste aller Kandidaten kann zwar entfernt darauf hoffen, dass ihm die evangelikal-fundamentalistische Christenheit bei den Vorwahlen im amerikanischen Süden ab Ende Februar wieder den einen oder anderen Erfolg bescheren wird.

3. Minderheiten werden Hillary Clinton zum Gesamtsieg verhelfen

Geschieht kein Wunder, wird der progressiv-linke Senator Bernie Sanders der demokratischen Favoritin in New Hampshire eine empfindliche Niederlage zufügen. Sanders zieht demokratische Jungwähler – übrigens auch Frauen! – nicht weniger an als Barack Obama vor acht Jahren. Team Hillary geriet schon nach dem hauchdünnen Sieg in Iowa ins Schwitzen. Eine Niederlage in New Hampshire würde einen veritablen Schweissausbruch auslösen.

Denn die Clinton-Fans wollen partout nicht glauben, dass Hillary verliert, sagte Bernies Chefstratege Tad Devine dem Online-Blatt «Politico». «Das ist wie Columbus bei seiner Fahrt hinaus aufs Meer: Die Leute waren überzeugt, er werde über den Rand der Erde fallen». In anderen Worten: Hillarys Anhänger können sich nicht vorstellen, dass die Erde rund ist und Bernie gewinnt.

Nach New Hampshire dürfte es jedoch schwierig für Sanders werden, bis auf weiteres neue Siege zu erringen. Denn im Süden und in manchen Staaten des Mittleren Westens werden Minderheiten den Ausschlag zugunsten der Favoritin geben. Über 70 Prozent von Latinos und Afroamerikanern sprachen sich bei Umfragen für Hillary aus. Fazit: Die Demokratische Partei wird immer stärker von Minderheiten geprägt werden, neben Afroamerikanern und Latinos werden auch asiatischstämmige Wähler ihren Einfluss in der Partei stärker geltend machen. Wird Hillary Clinton nominiert, verdankt sie es diesen Minderheiten.

4. Marco Rubio wird zeigen, was er kann

Der junge Senator aus Florida ist in aller Munde: Er belegte in Iowa überraschend den dritten Platz, in New Hampshire deuten die Anzeichen auf ein starkes Abschneiden. Das republikanische Establishment wäre entzückt, der einflussreiche rechte Flügel hingegen nicht. Die Polemikerin Ann Coulter, eine Vertreterin der Beton-Fraktion, bezeichnete Rubio denn auch als «kubanischen Boy» mit «hohen Absätzen» und «grossen Ohren».

Übervorsichtig und wie in einem Film-Script bewegte sich Rubio bislang durch den Wahlkampf. Bei der TV-Debatte gestern Abend entlarvte ihn New Jerseys Gouverneur Chris Christie als einen Automaten mit vorgestanzten Antworten. Deshalb jetzt oder nie: Der Senator muss mehr aus sich herausgehen und dabei den Eindruck vermeiden, er sei ein Roboter. Setzt er sich am Dienstag von anderen Establishment-Kandidaten klar ab, wird er zum Favoriten. Auch wird der Druck auf seine Konkurrenten aus dem Establishment-Lager erheblich zunehmen: Wer nicht mithalten kann, soll ausscheiden, um den Weg für Rubio freizugeben. Hallo Chris Christie, John Kasich und Jeb Bush.

Vor allem Jeb Bush: Schneidet er auch in New Hampshire miserabel ab, wird man ihm raten, endlich aufzugeben. Allerdings ist das Establishment-Argument, Marco Rubio sei der beste, weil wählbarste republikanische Präsidentschaftskandidat, völlig übertrieben: Rubio ist kein Wunderkind, zumal seinen politischen Standorte bisweilen vollkommen überholt anmuten – eine Abtreibung soll nicht einmal bei Todesgefahr der Mutter oder nach einer Vergewaltigung erlaubt sein?

5. Zorro fällt vom Pferd

Wie Zorro ist Donald Trump der Rächer der Entrechteten. Schnaubend heben ihn vor allem weisse Männer aus den Unter- und Mittelschichten auf den Schild, damit der New Yorker Lautsprecher Wunder wirke: Eine Mauer gegen unerwünschte Einwanderer, eine weitere imaginäre gegen Muslime und überhaupt ein US-Amerika, das ähnlich aussieht wie jenes von Dwight Eisenhower, Bing Crosby oder John Wayne – ein Amerika der 50er Jahre.

Sorry, Donald: Wahrscheinlich wird das Versprechen, weissen Amerikanern einer gewissen Altersstufe wieder «ihr» Amerika zurückzubringen, Dir nicht die Krönung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten garantieren. Schon in New Hampshire wird sich zeigen, wie verbunden Dir deine politische Fangemeinde wirklich ist. Vielleicht springen Untreue und Unverlässliche wie bereits in Iowa im letzten Augenblick ab, weil sie befürchten, mit Dir als Lokomotivführer werde der republikanische Zug im Wahlherbst unweigerlich entgleisen.

Zumal nicht jeder Wähler Deinen Humor teilt. Doch selbst wenn es schief gehen sollte: Du hast mit wenig finanziellem Einsatz tollen Spass gehabt und Deinen Marktwert auf dem amerikanischen Marktplatz der Eitelkeiten erheblich erhöht. Präsident aber wirst Du nicht. Wetten? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2016, 17:14 Uhr

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