Die bizarre Geschichte des Stargeigers Stefan Arzberger

Der berühmte Geiger muss das renommierte Leipziger Streichquartett wegen Verdacht auf versuchten Mord verlassen. Es ist ein Fall mit vielen Fragezeichen.

Wartet auf sein Urteil: Stefan Arzberger, Geiger des Leipziger Streichquartetts. (Quelle: www.spiegel.de)

Wartet auf sein Urteil: Stefan Arzberger, Geiger des Leipziger Streichquartetts. (Quelle: www.spiegel.de)

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Den Morgen des 27. März 2015 wird Stefan Arzberger nicht so schnell vergessen. Der erste Geiger des Leipziger Streichquartetts erwachte im Hudson Hotel in New York nackt und in Handschellen, Minuten später wurde er von der Polizei abgeführt. In der Nacht zuvor hatte er die 64-jährige Pam Robinson beinahe zu Tode gewürgt, die von ihr selber gemachten Fotos belegten ihre Blutergüsse und geplatzten Adern in den Augen eindrücklich. Das aufmerksame Eingreifen von Hotel-Wachtmann Ricky Greene, der den zuvor bereits herumtorkelnden Arzberger verfolgte, rettet Robinson das Leben.

Nur kann sich der Geiger selber nicht an den Vorfall erinnern, gibt an, von 2 Uhr bis zu dem Moment, als er mit Handschellen nackt auf dem Bett sitzt, einen Filmriss gehabt zu haben. Er geht davon aus, von einer unbekannten Prostituierten unter Drogen gesetzt und ausgeraubt worden zu sein. Die Überwachungskameras des Hotels zeigen den 42-Jährigen in Begleitung der Transvestitin, rund eine Stunde später verlässt die mittlerweile festgenommene «Melissa» das Zimmer – unter dem Arm Arzbergers iPad und in den Taschen Bargeld und seine Kreditkarten.

Aus dem Streichquartett ausgetreten

30 Stunden verbrachte der Deutsche in Untersuchungshaft, bis er gegen 100'000 Dollar Kaution freikam. Wegen «akuter Fluchtgefahr» wurde ihm jedoch sein Reisepass entzogen, eine Rückkehr im Frühjahr 2016 scheint derzeit höchst unsicher. Weil die «mit grösster Verzögerung» betriebene strafrechtliche Klärung durch die Justizbehörden zeitliche Abläufe nicht planbar macht, musste Arzberger nun das Streichquartett verlassen, wie er gegenüber der Nachrichtenagentur DPA sagte.

Angeklagt ist der verheiratete Arzberger unter anderem wegen «versuchter Tötung», zentral wird die Frage sein, ob sinnesraubende Substanzen im Spiel gewesen sind. Dabei könnten auch die Überwachungskameras einer dem Hotel nahe liegenden Bank seine Theorie stützen. Diese zeigen «Melissa» gemeinsam mit einer Komplizin beim Versuch, mit Arzbergers Bankkarten Geld abzuheben. Die Bank zeichnet die vergeblichen Versuche auf, die PIN-Codes zu erraten.

«Von Tag zu Tag einsamer»

Ein Drogentest hätte schon früh für Klarheit sorgen können. Doch das ihm entnommene Blut wurde für HIV- und Hepatitis-Tests verwendet, erst 13 Tage später, mit dem dritten Antrag, erreichten seine Anwälte einen Drogentest. Das Resultat war negativ, und die Urinprobe hatte man bereits entsorgt.

Gegenüber der «New York Times» sagte er Mitte Juni, das Warten mache ihn «von Tag zu Tag einsamer». Ausserdem gab er an, seine Violine verkaufen zu wollen, um die kontinuierlich steigenden Verfahrenskosten zu decken. Auf seiner Facebook-Seite schrieb der Künstler am 25. Oktober: «Soeben meinen Freund Ulf Lehmann am Flughafen New York abgesetzt. Es ist ein sehr komisches Gefühl, nicht nach Hause reisen und meine Familie und Freunde sehen zu dürfen. Danke, Ulf, für die Unterstützung in diesen sehr schwierigen Zeiten.»

...just dropped of my friend Ulf at JFK... What a strange feeling not being allowed to travel and seeing my family and...

Posted by Stefan Arzberger on Sonntag, 25. Oktober 2015

Sollte Arzberger schuldig gesprochen werden, drohen ihm 5 bis 25 Jahre Gefängnis. Die geschädigte Robinson selber hat zur Sicherheit schon einmal eine Zivilklage eingereicht. Ihr Anwalt legte die Schmerzensgeldforderung fest: 20 Millionen Dollar. (fas)

Erstellt: 07.12.2015, 16:19 Uhr

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