Die dunklen Geheimnisse des Masaya

Der Vulkan in Nicaragua ist eine touristische Attraktion. Aber auch ein Ort, an dem während der Somoza-Diktatur Oppositionelle im Lava-See verschwanden.

Höchstwahrscheinlich auch ein Massengrab: Blick in den Krater des Vulkans Masaya. Foto: Wikimedia

Höchstwahrscheinlich auch ein Massengrab: Blick in den Krater des Vulkans Masaya. Foto: Wikimedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schlund des Vulkans Masaya ist bequem mit dem Auto zu erreichen. Südöstlich der nicaraguanischen Hauptstadt Managua schlängelt sich eine gut geteerte Strasse den Krater hinauf, ganz oben befindet sich ein Besucherparkplatz. Von dort sind es nur noch ein paar Schritte bis zum 500 Meter breiten und fast ebenso tiefen Loch. Es riecht nach Schwefel, die Augen brennen, die Lunge sticht. Die Nationalparkverwaltung hat an der Aussichtsplattform Warnschilder angebracht: «Höchstaufenthaltsdauer: fünf Minuten!» Natürlich hält sich niemand daran.

Der Blick vom Kraterrand ist einfach zu verlockend. Da unten blubbert, dampft und zischt eine Feuersuppe von etwa 30 Metern Durchmesser. Der Masaya gehört zu einer Handvoll aktiver Vulkane weltweit, die einen permanenten Lava-See bilden. Aber nirgendwo kommt man so einfach und so nah heran wie hier. Ab dem späten Nachmittag, wenn sich die Rotglut allmählich gegen das Sonnenlicht durchsetzt, ist dieses extrem seltene Schauspiel besonders fotogen. Schwefel hin oder her, die meisten Besucher bleiben, bis es dunkel ist und nur noch die Lava leuchtet.

Auch die Vulkanforscher sind begeistert. Mutige bis übermütige Filmemacher aus aller Welt lassen sich mit Spezialkameras in den Krater abseilen. Reiseagenturen bieten spektakuläre Mountainbike-Abfahrten an (selbstverständlich an der Aussenseite). Sie führen durch eine Landschaft, die aussieht, als sei sie von einem überdimensionalen Maulwurf umgegraben worden. Es ist erkaltete Lava vom letzten Ausbruch von 1772. Im Jahr 2017 meldeten die Behörden Nicaraguas einen neuen Besucherrekord: 45’000 Leute pro Monat. Der Masaya gehört zweifellos zu den touristischen Highlights Zentralamerikas. Zu klären wäre nun die Frage: Ist er auch ein Massengrab?

Viele Antworten, die sich stark widersprechen

In einem schon etwas älteren Reiseführer aus dem Conrad-Stein-Verlag steht: «Dem grausamen Diktator Somoza schien der Höllenschlund der geeignete Ort, sich seiner politischen Gegner zu entledigen. Er liess die gefolterten Körper vieler Oppositioneller von Helikoptern über dem Krater abwerfen.» Auch der Dichter und Priester Ernesto Cardenal, der 1979 zu den Anführern der sandinistischen Revolution gegen Anastasio Somoza gehörte, berichtet in seiner Autobiografie von solchen Helikopter-Morden, wenn auch eher beiläufig. Wer aber heutzutage in Nicaragua versucht, dieser Geschichte auf den Grund zu gehen, der erhält erstaunlich viele Antworten, die sich erstaunlich stark widersprechen.

Immer wieder fällt dabei das Wort Coyotepe. Dabei handelt es sich um einen Hügel, der sich ein paar Kilometer östlich des Masaya-Vulkans erhebt. Dort wurde im 19. Jahrhundert eine Festung errichtet, die während der rund 40-jährigen Schreckensherrschaft des Somoza-Clans als Foltergefängnis diente. Von dort sollen angeblich auch die Helikopter hinüber zu Krater gestartet sein. Inzwischen ist Coyotepe eine Gedenkstätte, von Pfadfindern verwaltet.

Brutale Unterdrückung der Opposition: Anastasio Somoza, Nicaraguas Gewaltherrscher von 1967 bis 1972 und von 1974 bis 1979. Foto: Keystone

Gegen eine kleine Spende bietet der 26-jährige Moises einen Rundgang an. Mit einer Taschenlampe steigt er hinab ins zweite Untergeschoss, wo nach seiner Darstellung bis Ende der 1970er Finger abgesägt, Nägel gezogen und Zungen herausgeschnitten wurden. Er öffnet eine Zelle mit blutbefleckten Wänden und einer Fledermausgrossfamilie an der Decke. «Hier haben sie Tomas Borge kastriert», sagt Moises. Borge war einer der Gründer der sandinistischen FSLN und späterer Innenminister unter Daniel Ortega, der Nicaragua bis heute regiert. Moises erzählt auch: «Die Todeskandidaten haben sie im Vulkan versenkt.»

Wie viele? «Circa 500.» Gibt es dafür Belege? «Der Fall von zwei Brüdern ist bewiesen, Luis und José Tejada.» Ein anderer Pfadfinder bestätigt das, er meint aber, dass die beiden René und David hiessen. «Das kam damals sogar im Fernsehen, um die Leute einzuschüchtern.» Moises ist sich sicher, dass die Tejadas lebendig aus dem Helikopter geworfen wurden. Sein Kollege glaubt, sich daran zu erinnern, dass sie bereits tot waren. Dann gibt es noch einen dritten Pfadfinder in Coyotepe, der die Geschichte für erfunden hält. Alle haben eine These, aber niemand scheint es genau zu wissen.

Keine Aufarbeitung der Diktaturverbrechen

Man würde annehmen, dass es dazu Opferverbände, Massenklagen und langwierige Gerichtsprozesse geben müsste, so wie beispielsweise in Argentinien, wo vor kurzem 29 ehemalige Schergen der Militärdiktatur zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden, unter anderem wegen ihrer Beteiligung an den sogenannten Todesflügen über dem Rio de la Plata. Auch in Ländern wie Chile, Peru, Guatemala und El Salvador wurden die Diktaturverbrechen des 20. Jahrhunderts zumindest teilweise aufgearbeitet. In diesen Ländern gab es nach dem Umsturz Wahrheitskommissionen. Bloss in Nicaragua nicht, dem Land der einstigen sandinistischen Vorzeigerevolution, die eine ganze Generation von Linken aus aller Welt von einer besseren Gesellschaft hatte träumen lassen. Warum ausgerechnet hier nicht?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Vilma Nuñez (79) seit fast vier Jahrzehnten. Sie war sandinistische Guerillera und Somoza-Folteropfer, nach der Revolution wurde sie als erste Frau zur obersten Richterin Nicaraguas ernannt. Sie sagt, sie habe stets versucht, sich der Sache mit dem Vulkan anzunehmen, aber sie sei dabei im Ortega-Staat auf Granit gestossen. «Kein einziges Menschenrechtsverbrechen der Somoza-Zeit wurde aufgearbeitet. Die grossen Fische sind alle entkommen. Verurteilt wurden nur ein paar einfache Soldaten.» Heute ist sie eine der schärfsten Kritikerinnen ihres einstigen Compañeros Daniel Ortega. Als Leiterin des Menschenrechtszentrums CENIDH führt sie einen recht einsamen Kampf gegen dessen Autoritarismus. Sie glaubt: «Daniel will nichts von Aufarbeitung wissen, weil dann vielleicht auch die Verbrechen der Sandinisten ans Licht kämen.»

Auch Sandinisten-Regime steht unter Verdacht

Auf der Suche nach Augenzeugen trifft man am Fusse des Vulkans auf den zahnlosen Antonio (70). Er trägt zwei Baumstämme auf der Schulter, Brennholz. Seine Hütte liegt drei Stunden Fussmarsch entfernt. Die Gegend um den Vulkan, sagt Antonio, kenne er in- und auswendig. Er war früher Nationalparkwächter.

Stimmt es, dass damals Menschen in den Vulkan geschmissen wurden? «Ja, klar.» Wie viele? «Es dürften um die 40 gewesen sein.» Haben die noch gelebt? «Nein, die Leichen waren in Plastikhüllen gewickelt. Ich habe die Säcke gesehen, manche sind nicht bis ganz runter gerollt.» Wann war das, zu Zeiten der Somoza-Diktatur? «Später, als die Sandinisten regierten. Die Opfer waren die Schutzmänner von Somoza.» In einem neuen Licht erscheint damit dieser Satz von Vilma Nuñez: «Die Revolution wurde von Anfang an von Contras bekriegt, die von den USA unterstützt wurden. Dem musste sich der Sandinismus erwehren.»

Kein Interesse an Einsetzung einer Wahrheitskommission: Daniel Ortega, amtierender Staatspräsident von Nicaragua und einst Sandinisten-Chef. Foto: Keystone

Je länger man in dieser Sache recherchiert, umso mehr Fragen tauchen auf. Wer hat denn nun wen ins Feuer geworfen? Auf welche Weise? Wie viele Leichen sind in dem Lava-See verglüht, der heute Touristenmassen fasziniert?

Vielleicht ist die Geschichte von diesem Vulkan auch ein Lehrstück darüber, wie sich Menschen erinnern, wenn ihr Staat jegliche Erinnerungspolitik unterdrückt. Dann erzählen nämlich alle weiter, was sie gehört haben. Und irgendwann ist das Erzählte nicht mehr vom Erlebten zu trennen. Die Fakten nicht mehr von den Legenden. Die Geschichten verselbstständigen sich.

Solche Tötungen gab es bereits bei den Indigenen

Wenn einer das Rätsel lösen kann, dann vielleicht Jaime Incer (83), Nicaraguas führender Vulkanologe. Er hat gerade ein Buch über Vulkane und ihre Legenden veröffentlicht. Sein Impulsreferat zum Masaya beginnt er so: «Klar wurden in diesem Krater unzählige Menschen getötet. Kinder und Jugendliche wurden hineingeworfen – im Namen einer besseren Zukunft. Die Lava hat ihre Schreie in Sekunden geschluckt.» Das alles geschah laut Incer, noch bevor die spanischen Eroberer und Massenmörder nach Amerika kamen. Nacatime, der Häuptling des indigenen Stammes der Nindirí, glaubte demnach, dass eine Feuerhexe in dem Berg wohne, die alle paar Jahre einen fürchterlichen Wutausbruch habe. «Die einzige Methode, die Hexe zu besänftigen, sah Nacatime darin, ihr Frauen und Kinder zu opfern.»

Den Kolonialisten lieferte die Erzählung in erster Linie eine Rechtfertigung für ihre Christianisierung der Ureinwohner. Sie selbst glaubten wiederum daran, dass es sich bei der Lava um zerlaufenes Gold handle. «Deshalb haben sie Indios in Körben hinabgelassen, um den Schatz zu bergen», erzählt Incer. Ein Schatz von etwa 1110 Grad Celsius.

Schon Mitte der 1970er-Jahre kämpfte der heutige Umweltberater der Ortega-Regierung dafür, den Vulkan als Nationalpark schützen zu lassen. Einmal, so erzählt Incer das, lud er die einflussreiche Frau von Diktator Somoza zum Krater ein, um sie von der Schönheit des Lava-Sees zu überzeugen. Sie habe sich sehr weit über den Rand gebeugt, er habe sie von hinten am Kleid festgehalten. «Ich dachte mir, mein Gott, wenn mir diese Frau da reinfällt, dann habe ich ein Problem.»

«Symbol für Unterdrückung während der Somoza-Diktatur»

Wie viele Menschen in dieser Zeit absichtlich hineingestossen wurden, vermag aber auch Incer nicht zu sagen. Mit eigenen Augen habe er wiederum gesehen, wie später Schergen von Somoza dort erschossen und hineingeworfen wurden. «Alles andere scheint mir eine Story zu sein», sagt er.

Die Menschenrechtlerin Nuñez hält wiederum Incers Story für fragwürdig. Zweifelsfrei dokumentiert sei lediglich ein emblematischer Fall, der des sandinistischen Dissidenten David Tejada (von dessen mutmasslichen Bruder weiss sie nichts). Er sei zu Diktaturzeiten im Gefängnis getötet, seine Leiche im Krater entsorgt worden. Für Nuñez ist und bleibt der Masaya-Vulkan damit ein «Symbol für die Unterdrückung während der Somoza-Diktatur».

Im Besucherzentrum des Nationalparks, wo heute die Reisegruppen am Kassenhäuschen Schlange stehen, gibt es auch ein Museum. Man erfährt dort sehr viel über seltene Papageien, raffgierige Spanier und abergläubische Ureinwohner. Zur Diktaturgeschichte aber: kein Wort. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 11:42 Uhr

Artikel zum Thema

Daniel Ortega zementiert seine Macht in Nicaragua

Einst linker Guerillero, heute machthungriger Autokrat – Nicaraguas Langzeitpräsident Daniel Ortega hat sich eine dritte Amtszeit gesichert. Mehr...

Ex-Revolutionär Ortega bleibt Präsident von Nicaragua

Das ärmste Land Mittelamerikas hat gewählt: Gemäss Hochrechnung liegt der bisherige Präsident Daniel Ortega uneinholbar an der Spitze. Für seine Wiederwahl war jedoch eine Verfassungsänderung nötig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...