Die ewige Lust an der Macht

Evo Morales will zurück nach Bolivien – aber das Schicksal geflohener lateinamerikanischer Politiker zeigt, dass eine Rückkehr selten erfolgreich ist.

Dass ein früherer Präsident entspannt seinen Ruhestand geniesst, ist die Ausnahme: Ein Wandbild von Evo Morales in La Paz. Foto: Juan Karita (AP)

Dass ein früherer Präsident entspannt seinen Ruhestand geniesst, ist die Ausnahme: Ein Wandbild von Evo Morales in La Paz. Foto: Juan Karita (AP)

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An einem eiskalten Augusttag des Jahres 1995 traf der argentinische Journalist Martín Sivak in den Gängen der Universität Buenos Aires auf einen verloren wirkenden Aymara aus Bolivien, der im argentinischen Winter fror und mit dem keiner reden wollte. «Ich bin Evo», stellte er sich vor. Ob er, Sivak, ihm dabei helfen könne, Bücher auszuleihen?

Es war der Kokabauer Evo Morales, späterer Präsident Boliviens, der zu dieser Zeit von der Regierung seines Landes gesucht wurde, weil er sich gegen die Vernichtung von Kokapflanzen gewehrt hatte. Morales war sozusagen im Exil in Argentinien. «Und um seinen Verfolgern eins auszuwischen, hat er sich dann immer tiefer in die Politik gestürzt», schrieb Sivak in seiner Evo-Morales-Biografie «Jefazo», «Grosser Chef».

Haftbefehl liegt bereit

25 Jahre und drei Präsidentschaften später ist Evo Morales wieder im Exil in Argentinien – nach einem Umweg über Mexiko-Stadt. Dort gab er Interviews, in denen er gestand, Angst zu haben, und in denen er die bolivianische Übergangsregierung beschuldigte, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben.

Irgendwann, so betonte er, wolle er nach Bolivien zurückkehren. Jetzt ist er näher dran. Doch ob Rückkehr eine gute Idee ist? Zu Hause wedelt die Übergangsregierung schon mit dem Haftbefehl.

Der Zorn der Unterlegenen

Flucht und Exil sind ein typisches Schicksal, ja fast ein Muster lateinamerikanischer Staatschefs. Dass ein früherer Präsident entspannt seinen Ruhestand geniesst, ist die Ausnahme. Als Faustregel gilt: Je beliebter ein Politiker zu seiner Amtszeit war, desto härter trifft ihn nachher der Zorn der lange Unterlegenen.

Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien musste das erfahren, der nach zwei Amtszeiten in einem fadenscheinigen Korruptionsprozess zu langen Haftstrafen verurteilt wurde. Die Winkelzüge der Justiz haben ihm ge­rade einen Moment der Freiheit eingebracht, doch ob dieser von Dauer sein wird, ist zweifelhaft. Trotzdem hält Lula Reden, in denen der 74-Jährige sein Comeback vorbereitet und seine Gegner beschuldigt, ihn nur von der Wiederwahl abhalten zu wollen.

Brasiliens Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Foto: Reuters

Zum Verhängnis geworden ist vielen Präsidenten Lateinamerikas ihr Sendungsbewusstsein. Starke Präsidialsysteme, den USA nachempfunden, sollten die Politik stabil machen, und sie sind auch ein Zugeständnis an den in Lateinamerika verbreiteten Caudillo-Kult. Doch sie zementieren anscheinend auch den Wunsch, an der Macht festzuhalten – oder sie sich zurückzuholen, wenn sie einmal verloren ging.

Juan Domingo Perón war der ­Urvater aller lateinamerikanischen Populisten. Sein politisches Credo hatte er als Militärattaché im faschistischen Italien gelernt. Nach seiner Rückkehr nach Buenos Aires wurde er 1943 in einer Militärregierung Arbeitsminister, ein nur scheinbar unbedeutender Posten, den der junge Offizierzu einer Rampe für die Präsidentschaftskandidatur ausbaute. Als Erster führte er in Argentinien ­Sozialleistungen für die Descamisados ein, die Hemdlosen, die in den Kühlhäusern und Fabriken arbeiteten und deren Wählerpotenzial er erkannte.

1946 trat er an – und gewann triumphal. Als Präsident baute Perón das Sozialsystem aus und wurde zusammen mit seiner Ehefrau Eva – Evita – zum Helden der Massen. Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte das Land von der Schwäche Europas und war eine Zeit lang siebtreichste Nation der Welt.

Argentiniens Ex-Präsident Juan Domingo Perón. Foto: Getty Images

Hart ging Perón gegen seine Gegner vor, die alteingesessene Elite aus Militär, Industriellen, Rinderbaronen, aber auch Zeitungsverlegern. 1955 stürzte eine Offiziersclique Peron; er ging ins Exil nach Spanien. Dort nahm ihn der Diktator Franco auf – zum Dank für den Weizen, den Perón dem bitterarmen Land nach Ende des Bürgerkrieges geschenkt hatte. Doch die peronistische Bewegung blieb stark in Argentinien – die immer harte, oft sogar blutige Auseinandersetzung zwischen Peronisten und Elite prägt das Land bis heute.

1973 kehrte Perón zurück – und gewann mit triumphalen 60 Prozent die Präsidentenwahl. Doch der greise Patriarch mit seinen erratischen, selbstherrlichen Entscheidungen spaltete das Land eher, als es zu einen. 1975 starb Perón und hinterliess seiner Nachfolgerin, seiner dritten Frau Isabel, ein Chaos. Folge war der antiperonistische Militärputsch von 1976, der die blutrünstigste Diktatur der argentinischen Geschichte an die Macht brachte.

Der sogenannte Fuji-Shock

Alberto Fujimori schlug 1990 als weitgehend unbekannter Newcomer den berühmten Schriftsteller Mario Vargas Llosa bei der ­Präsidentenwahl in Peru. «El Chino» (der Chinese), wie er ­genannt wurde, war Sohn japanischer ­Eltern, die in den 1930er-Jahren wie so viele Asiaten über den ­Pazifik gekommen waren.

Er unterzog sein Land einer Schocktherapie. Der sogenannte Fuji-Shock wirkte sich an zwei Fronten aus: Fujimori liberalisierte die Märkte und tat ­damit ungefähr das Gegenteil dessen, was er im Wahlkampf versprochen hatte. Und er führte einen schmutzigen, aber erfolgreichen Krieg gegen die maoistische Guerillaorganisation Leuchtender Pfad.

Um sich dabei Kritiker vom Leib zu halten, entmachtete Fujimori das Parlament, in dem er keine Mehrheit hatte. Gleich­zeitig baute sein Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos einen Sicherheitsapparat auf, der Angst und Schrecken verbreitete.

Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori. Foto: EPA, Keystone

2000 gewann Fujimori noch einmal die Wahlen, doch ein Video enthüllte kurz danach seine Bestechungspraxis. Der Druck wurde so stark, dass Fujimori 2001 von einer Dienstreise nach Asien nicht zurückkehrte. Er blieb in Japan – fest davon überzeugt, dass das Volk von Peru auf seine Rückkehr wartete.

Diese Fehleinschätzung führte dazu, dass er sich in Etappen auf den Weg machte. Bei seiner Einreise nach Chile wurde er im November 2005 verhaftet und später an Peru ausgeliefert, wo man ihm den Prozess machte. 2009 wurde Fujimori wegen des Einsatzes von Todesschwadronen zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Er sass zeitweise in demselben Hochsicherheitsgefängnis, das er für die Terroristen des Leuchtenden Pfades hatte bauen lassen. Eine Begnadigung aus humanitären Gründen kassierte 2018 ein Gericht.

Alan García war Vorgänger und Nachfolger Fujimoris. Von 1985 bis 1990 hatte er als charismatischer junger Linker mit einem sozialrevolutionären Programm regiert. Er machte sich als «Schuldenrebell» einen Namen, weil er sich weigerte, Perus explodierende Ausstände zu begleichen. Doch bei seinem Abtritt 1990 war das Land so gut wie pleite.

Perus Ex-Präsident Alan García. Foto: Mike Segar (Reuters)

1992 floh García nach Frankreich. Er kehrte 2002 zurück und gewann, ­einige Kilo schwerer, 2006 erneut die Präsidentenwahl, nun allerdings mit einer stark neoliberal gefärbten Agenda. Er schaffte es, die Präsidentschaft zu Ende zu bringen, und hinterliess sogar gute Wachstumszahlen. Doch war es dabei offenbar nicht immer mit rechten Dingen zugegangen.

2018 muste García im Odebrecht-Korruptionsskandal aussagen, der in ganz Lateinamerika viele Politiker das Amt kostete. Als er im April 2019 verhaftet werden sollte, schoss García sich kurz vor Eintreffen der Polizei mit einer Pistole in den Kopf. Seine Angehörigen lehnten ein Staatsbegräbnis ab.

In die USA geflohen

Gonzalo Sánchez de Lozada, wegen seines US-Akzents auch «El Gringo» genannt, war zweimal Präsident Boliviens. Von 1993 bis 1997 profilierte er sich als liberaler Reformer und privatisierte grosse Teile der Minen und Bodenschätze, was zu sozialen Protesten führte.

Boliviens Ex-Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada. Foto: Getty Images

2002 wurde er nach einer umstrittenen Wahl erneut Präsident und versuchte,im selben Stil weiterzumachen. Diesmal kam es zu Revolten mit 60 Toten. Sánchez de Lozada floh vor dem Volkszorn in die USA – allerdings per Linienflug. Sein Nachfolger wurde: Evo Morales.

Erstellt: 16.12.2019, 18:55 Uhr

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