Die grosse Entzauberung des Justin Trudeau

Vor vier Jahren galt Kanadas Regierungschef als coolster der Welt. Jetzt muss er um die Wiederwahl kämpfen.

In kurzer Zeit vom gefeierten Wunderkind zum berechnenden Politiker: Justin Trudeau auf Wahlkampf-Tour. (Keystone/Warren Toda)

In kurzer Zeit vom gefeierten Wunderkind zum berechnenden Politiker: Justin Trudeau auf Wahlkampf-Tour. (Keystone/Warren Toda)

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Es könnte dem Rest der Welt ziemlich egal sein, dass in Kanada am kommenden Montag Wahlen anstehen. Mal regieren die Liberalen, mal die Konservativen, das macht keinen grossen Unterschied, weil Kanada ein Land des Ausgleichs ist. Jessica Johnson hingegen findet, dass es bei den Wahlen diesmal um mehr geht. Sie sagt: «Wohin Kanada geht, dahin geht die Welt.»

Johnson ist Chefredaktorin des renommierten Magazins «The Walrus», einer kanadischen Version des «New Yorker». Sie hat das Gefühl, dass es diesmal darum geht, ob das Land sich beim Nachbarn im Süden angesteckt hat. Und wenn selbst Kanada, das gegen den Morbus Trump immun zu sein schien, sich ansteckte, sagt Johnson: «Was dann?»

War Kanada nicht immer das Land der Toleranz, der Offenheit und der Vernunft, mithin das aufgeklärte Land auf dem nordamerikanischen Kontinent, der Gegenentwurf zu den USA?

Wenn aus dieser Affäre nun keine Zweckehe werde, dann könne es das ganz böse Erwachen geben.Jessica Johnson, Chefredaktorin von «The Walrus»

Allein der optische Gegensatz zwischen dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Hier Trudeau, in gut geschnittenen Anzügen, bestens frisiert, umweht vom Hauch der Jugend, eloquent, empathisch, fortschrittlich. Dort Trump.

Vor vier Jahren hatte Justin Trudeau überraschend die absolute Mehrheit der 368 Sitze im kanadischen Unterhaus erobert. Es begannen lange Flitterwochen mit der kanadischen Öffentlichkeit. Heute, vier Jahre später, ist von dieser politischen Liebesaffäre übrig, was meist von Affären bleibt: Schmerz, Enttäuschung. Und dennoch, sagt Jessica Johnson: Wenn aus dieser Affäre nun keine Zweckehe werde, dann könne es das ganz böse Erwachen geben.

Neuer, aggressiver Ton

Die Liberale Partei von Trudeau liegt in den Umfragen gleichauf mit den Konservativen, denen Andrew Scheer vorsteht, ein 40 Jahre alter Bürokrat, der seit 15 Jahren im Parlament sitzt. Er ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der kanadischen Politik. Wenn Trudeau einen Gegner mit mehr Charisma hätte, könnte er seine Hoffnungen auf eine Wiederwahl vermutlich begraben.

Scheer ist kein Trump, doch er hat einen neuen Ton in den Wahlkampf gebracht. In einer TV-Debatte sagte er zu Trudeau: «Sie sind ein Lügner. Sie sind ein Betrüger. Sie verdienen es nicht, dieses Land zu regieren.»

In den USA würden die politischen Kommentatoren sich vermutlich fragen, warum Scheer so freundlich zu seinem Konkurrenten war. Sie sind es gewohnt, dass der Präsident gegen seine Gegner hetzt. In Kanada hingegen war Scheers Attacke bemerkenswert. So funktionierten Wahlkämpfe bisher nicht. Es wurde hart debattiert, aber der persönliche Angriff zählte nicht zum Arsenal der Kombattanten. Es ist offen, ob Scheer damit den Ton in der kanadischen Politik dauerhaft verändert hat.

Plötzlich so cool geworden

Chefredaktorin Jessica Johnson hat vor drei Jahren einen faszinierenden Artikel geschrieben. Sie blickte darin auf ihr Land und erkannte es nicht wieder. Beim Treffen in dieser Woche in Toronto erzählte sie, dass sie damals den Eindruck hatte, Kanada habe einen riesigen Schritt vollzogen. Es sei von einem provinziellen Land zu einem Land geworden, das international beachtet wird. Während der Rest der Welt durchdrehte, schien Kanada politisch den Kurs zu halten. Darüber hinaus war Kanada plötzlich cool geworden.

Es gab damals ein Foto von Trudeau, auf dem er zwei Baby-Pandas im Arm hielt. Die Bären waren im Zoo von Toronto geboren worden. Beim Premier schienen sie sich ebenso wohlzufühlen wie der Premier bei den Pandas.

Rund um die Panda-Bilder entstand in den sozialen Medien der Hashtag #MeanwhileInCanada – unterdessen in Kanada. Die Botschaft dieses Hashtags war, dass die Welt vielleicht durchdrehte – aber in Kanada war alles in Ordnung. Dutzende Bilder wurden unter dem Hashtag veröffentlicht. Eine Gänsefamilie, die in Reih und Glied eine Strasse überquert, um zu einen Laden mit veganer Eiscreme zu gelangen. Ein Bär, der einen Radfahrer jagt. Ein Mann, der in Badehose in einem Liegestuhl im Schnee liegt. Jessica Johnson fragte sich: «Ist das noch Kanada?»

Der «Vogue»-Text war die ultimative Anerkennung. Zugleich aber stellte sich durch ihn die Frage, ob es jetzt nicht doch zu viel war.Source

Sie erzählt vom «Tall Poppy Syndrom», übersetzt: das Syndrom der grossen Mohnblume. Darunter habe Kanada immer gelitten. Die Idee ist, dass eine Mohnblume, die in einem Feld über die anderen Blumen hinauswächst, gestutzt wird. Alle sollen gleich sein. Auf die kanadische Gesellschaft bezogen: Wer zu sehr herausragt, hat ein Problem. Johnson glaubt, das Land habe dieses Syndrom in den vergangenen Jahren zum Teil überwunden.

Kanada war nach Trudeaus Wahl im Jahr 2015 zwischenzeitlich so cool, dass das Magazin «Vogue» eine grosse Geschichte über diesen Premierminister brachte. Das war die Zeit, als nichts zu kitschig sein konnte. Trudeau hatte sein Kabinett paritätisch mit Frauen und Männern besetzt. Er hatte versprochen, er werde sich um die Anliegen der Ureinwohner kümmern. Er hatte Steuererleichterungen nicht für die Reichen eingeführt, sondern für Menschen mit Kindern. Die Wirtschaft war stabil. Nicht zuletzt hatte Trudeau den Konsum von Cannabis legal gemacht. Er hatte es sogar geschafft, Donald Trump die Hand zu schütteln, ohne dass dieser ihn aus der Balance gebracht hatte.

Der «Vogue»-Text war die ultimative Anerkennung. Zugleich aber stellte sich durch ihn die Frage, ob es jetzt nicht doch zu viel war. Trudeau war die Mohnblume, die zu hoch gewachsen war.

Die Justizministerin trat seinetwegen zurück

Im Jahr 2016 machte er mit seiner Familie Ferien auf einer Insel, die Karim Aga Khan gehört, einem Milliardär, dessen Stiftung sich als Lobbyist bei der Liberalen Partei Kanadas registriert hatte. Das passte so gar nicht ins Bild des Mannes, der behauptet, sein eigener Herr zu sein, unabhängig von Herkunft und vom grossen Geld.

Im Februar 2018 reiste Trudeau nach Indien. Dort lud er einen Mann namens Jaspal Atwal zu einem offiziellen Dinner ein. Dieser war im Jahr 1987 wegen versuchten Mordes an einem indischen Politiker verurteilt worden. Die indischen Gastgeber waren empört. Graham Fraser, Professor für Kanada-Studien am McGill-Institut in Ottawa, sagt: «Die Leute fragten sich, ob Justin Trudeau vielleicht sehr gut auf Fotos aussieht, aber womöglich keinerlei Substanz hat.»

Auf einer von Trudeaus Wahlkampfveranstaltungen im März 2019 protestierte eine Ureinwohnerin und wurde von Ordnern abgeführt. «Danke für die Spende», rief Trudeau. Dafür entschuldigte er sich später.

Diesen September wurden Bilder veröffentlicht, die zeigten, dass Trudeau sich vor knapp 20 Jahren das Gesicht dunkel angemalt hatte, um auf einer Kostümparty den Aladin zu geben. Trudeau entschuldigte sich, mehrmals. Dann tauchten mehr Bilder von Partys auf, zu denen Trudeau mit angemaltem Gesicht erschienen war. Er entschuldigte sich wieder und wieder und wieder.

Ein weiteres Problem ist, dass Trudeau sich für einen Baukonzern namens SNC-Lavalin einsetzte, der vor gut zehn Jahren Schmiergeld an die libysche Regierung zahlte. Justizministerin Jody Wilson-Raybould wollte im vergangenen Jahr in dem Fall ermitteln lassen. Trudeau versuchte, das zu verhindern. Der Konzern sitzt in seinem Wahlkreis. Wilson-Raybould stammt von kanadischen Ureinwohnern ab. Sie fühlte sich von Trudeau bedrängt und trat zurück.

Kommt er nach der Mutter?

Es mag absurd klingen, aber eine in Kanada virulente Frage ist die, ob Trudeau eher der Sohn seines Vaters ist oder der Sohn seiner Mutter. Seine Mutter ist Margaret Sinclair, eine Künstlerin. Sie schreibt und fotografiert, sie galt und gilt als eine der aufregendsten Frauen des Landes. Sein Vater war Pierre Trudeau, Premierminister, mit kurzer Unterbrechung, von 1968 bis 1984. Im Alter von 51 Jahren heiratete Trudeau senior im Jahr 1971 die fast 30 Jahre jüngere Margaret Sinclair.

Die kanadische Folklore betrachtet Trudeaus Vater als berechnenden Politiker, der wenig Rücksicht nahm. Seine Mutter hingegen gilt als Frau des Gefühls, als Künstlerin, die ihren Instinkten folgte. Das sind Klischees. Doch egal, mit wem man in Toronto oder Ottawa spricht, früher oder später taucht die Frage auf, ob Justin Trudeau nach seinem Vater oder seiner Mutter kommt. Ob er ein Mann des Intellekts sei oder ein Mann des Gefühls.

«Erwischt» es auch die Kanadier?

Viele Kanadier waren gerade darüber froh, dass sie einen Mann gewählt hatten, der eher nach seiner künstlerisch veranlagten Mutter kam. Der Menschen umarmte. Der mitfühlte, der empathisch war und nicht einer der berechnenden, kalkulierenden Männer, die man so sehr kannte aus der Politik. Als er aber im Skandal um die Baufirma SNC-Lavalin die Justizministerin absägte, obwohl er doch vorgeblich für Frauen und für die Ureinwohner eintrat, hatten viele Menschen das Gefühl, es eben doch mit einem Trudeau zu tun zu haben, der nach seinem Vater kommt.

Dass Justin Trudeau bei den Wahlen seine Mehrheit halten kann, ist unwahrscheinlich. Im für ihn besten Fall wird er eine Minderheitsregierung anführen, für die er die Unterstützung des linken Teils des Parlaments braucht.

Jessica Johnson hofft darauf. «Es geht in dieser Wahl nicht nur um uns.» Kanada werde so oder so ein Signal senden. «Wenn Trudeau gewinnt, bleiben wir in der Mitte und zeigen vielen anderen Ländern, dass das möglich ist», sagt sie. Und wenn nicht? «Dann zeigen wir, dass es auch uns erwischt hat.»

Erstellt: 19.10.2019, 21:26 Uhr

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