Die grosse Freakshow

Liest man die diplomatischen Depeschen, die von Wikileaks veröffentlicht wurden, kommt man zum Schluss: Offenbar wird die Welt von Verrückten regiert.

Nerven, Ängste und deformierte Egos: Nicolas Sarkozy, Christina Kirchner, Guido Westerwelle.

Nerven, Ängste und deformierte Egos: Nicolas Sarkozy, Christina Kirchner, Guido Westerwelle. Bild: Keystone

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Die ans publizistische Tageslicht beförderten Depeschen von US-Diplomaten beleuchten manch vertracktes geopolitisches Problem. Daneben aber bieten sie ein Panoptikum jener, die der Welt vorstehen und die Völker regieren. Und hier geben die Wikileaks-Depeschen den Blick frei auf eine erstaunliche Freakshow, ja auf einen dermassen schockierenden Jahrmarkt von Eitelkeit, Inkompetenz, Korruption und Machtwahn, dass man sich verwundert die Augen reibt und fragt, ob nur Chef werden könne, wer Psycho oder zumindest Soziopath sei.

Gefürchtete Wutanfälle

Das Kaliber der Störungen im Oberstübchen der Regierenden, das aus den Depeschen hervorgeht, ist von solchem Ausmass, dass die Washingtoner Neugierde bezüglich verquerer Persönlichkeitsstrukuren verständlich wird. So sandte das Aussenministerium am Silvestertag 2009 etwa ein mit «Clinton» unterzeichnetes Kabel an die US-Botschaft in Buenos Aires, worin um Klärung des Geisteszustands der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner gebeten wurde.

Wie sie «mit ihren Nerven und Ängsten umgehe», will Hillary Clinton wissen. Ob die Argentinierin «Medikamente» einnehme? Und was genau bei ihrem Ehemann Néstor, Cristinas Vorgänger im Präsidentenamt, die gefürchteten Wutanfälle auslöse? Néstor Kirchner ist inzwischen an einem Herzinfarkt verstorben.

Die Ängste der argentinischen Präsidentin aber wirken nachgerade putzig im Vergleich mit den deformierten Egos resoluter Machtmenschen wie Wladimir Putin («ein Alpha-Rüde») oder Robert Mugabe, der Zimbabwe im Alleingang ruinierte. Gemäss dem US-Botschafter in Harare ist Mugabe zutiefst überzeugt, «dass ihm seine 18 Doktorhüte das Recht geben, die Gesetze der Volkswirtschaft aufzuheben». Mugabe mag ein radikaler Fall sein, Silvio Berlusconi aber, laut den Depeschen «eitel und nicht wirksam als moderne europäische Führungsgestalt», ist nicht weniger ein Egomane.

Der Zirkus der Exzentriker und Verrückten

So wandern sie durch die Depeschen, «dünnhäutig und autoritär» wie Sarkozy, unbeleckt wie Guido in Berlin oder «verrückt» wie Hugo in Caracas. Fast höflich klingt es dagegen, wenn der saudische König Abdallah den Iraker Maliki als «Lügner» verunglimpft. Dass der damalige afghanische Vizepräsident Ahmed Zia Massoud mit 52 wohl schmutzigen Dollarmillionen in Abu Dhabi einflog, stärkt die Gewissheit, Geld regiere die Welt – indes die goldene Pistole, die vom Hosenbund des tschetschenischen Caudillos Ramsan Kadyrow grüsst, als Symbol lebensbedrohender Ungewissheiten wirkt.

Im Zirkus der Exzentriker und Verrückten entzückt beinahe, wie farblos Frau Merkel geschildert wird: «Methodisch, rational und pragmatisch», wenn auch risikoscheu sei die Kanzlerin. Her damit, denn wer will sich schon von einer Botox-Evita oder einem chinesischen Apparatschik regieren lassen, der Google hacken liess, nachdem er sich zuvor gegoogelt und dabei wenig Schmeichelhaftes entdeckt hatte.

Natürlich wäre es nun interessant, wenn wir erführen, was die Botschafter Chinas oder Russlands aus Washington nach Hause kabelten. Obama ein völlig isolierter Tragiker? Hillary eine Furie? Und die Granden des Kongresses nichts als korrupte Schiessbudenfiguren? Her mit den Depeschen!

Erstellt: 01.12.2010, 08:10 Uhr

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