Hintergrund

Die letzten Tage des Alfonso Cano

Auf seiner verzweifelten Flucht vor der Armee beging der Chef der kolumbianischen Guerilla einen fatalen Fehler: Er rasierte sich den Bart ab. Das besiegelte seinen Untergang.

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Vor knapp einer Woche ist Alfonso Cano, der Chef der kolumbianischen Guerilla Farc (Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia), bei einem Gefecht mit der Armee ums Leben gekommen. Seither werden immer mehr Details über die letzten Tage des Rebellenführers bekannt – durch offizielle Verlautbarungen der Regierung, aber auch durch Indiskretionen aus Geheimdienstkreisen oder durch Erzählungen von Soldaten, die an der Jagd nach Cano teilgenommen haben.

Zunächst die Vorgeschichte: Alfonso Cano, geboren am 22. Juli 1948 in Bogotá, heisst in Wirklichkeit Guillermo León Sánez Vargas. Er wächst in einer Mittelstandsfamilie auf, hat sechs Geschwister, seine Mutter ist Pädagogin, sein Vater Agronom. Schon in früher Jugend zeigt Cano ein unbändiges Interesse an politischen und historischen Büchern.

Sein acht Jahre jüngerer Bruder Roberto Sáenz ist heute Abgeordneter im Stadtparlament von Bogotá. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er vor drei Jahren: «Mein Bruder ist als Kind weder durch Revoluzzertum, Fanatismus oder besondere Grausamkeit aufgefallen. Was ihn auszeichnete, waren Fleiss und eine unerschöpfliche, etwas kalt wirkende Willenskraft.»

«Zum Guerillero taugst du nicht»

Alfonso Cano studiert zehn Semester Anthropologie, wird Vorsitzender der Jugendorganisation der kommunistischen Partei Kolumbiens, sympathisiert mit der Farc. Allmählich gleitet der verheiratete Vater eines Sohnes in die Illegalität ab. 1981 wird er verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kommt jedoch nach eineinhalb Jahren dank einer Amnestie des Präsidenten Belisario Betancur frei. Kurz darauf verlässt Cano Ehefrau und Kind, um sich den Farc anzuschliessen.

Die anfangs der 1960er-Jahre gegründete Guerillatruppe war ursprünglich ein Selbstverteidigungsbündnis recht- und landloser Bauern, ist jedoch immer mehr zur Kriminellenbande verkommen, finanziert durch Drogenhandel und Entführungen. Die EU, die Vereinigten Staaten, Kanada und mehrere Regierungen lateinamerikanischer Länder betrachten die Farc als terroristische Organisation. Die marxistischen Dschungelkämpfer rekrutieren systematisch Kindersoldaten, Amnesty International wirft ihnen schwere Verstösse gegen das Völkerrecht vor.

Politische Beschlagenheit und ideologische Unbeirrbarkeit lassen Cano innerhalb der Farc-Hierarchie aufsteigen. Als ihn sein Bruder Roberto zum letzten Mal sieht, gehört er bereits zum Sekretariat der Rebellentruppe, also zu deren Oberkommando. Roberto sagt ihm, dass er den bewaffneten Guerillakampf für selbstzerstörerisch und wahnsinnig halte. Der Angegriffene lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und erwidert: «Das ist deine Auffassung – ich habe eine andere. Es ist besser, du bleibst bei der institutionellen Politik, denn zum Guerillero taugst du ohnehin nicht. Unsere Wege trennen sich. Ciao.»

Cano setzt sich durch

Im März 2008 erliegt Manuel Marulanda, der legendenumwobene Gründer und Anführer der Farc, mit 78 Jahren in seinem Dschungelversteck einem Herzinfarkt. Als seinen Nachfolger ernennt das Farc-Generalsekretariat Alfonso Cano. Der rasante Aufstieg des einstigen Anthropologiestudenten weckt Zweifel und Hoffnungen zugleich: Wird sich der neue Chef, der mit seinem schwarzen Vollbart und den dicken Brillengläsern wirkt wie eine Mischung aus Räuber Hotzenplotz und Klassenstreber, innerhalb des Oberkommandos überhaupt durchsetzen können? Und wird er einsehen, dass der bewaffnete Kampf um eine kommunistische Machtergreifung in Kolumbien aussichtslos ist? Werden sich die Farc unter Cano zu Friedensverhandlungen bereit erklären?

Sowohl Zweifel als auch Hoffnungen zerschlagen sich schnell: Cano setzt sich nicht nur gegenüber seinen Untergebenen durch, sondern es gelingt ihm auch, die militärisch geschwächten Farc zu stabilisieren und teilweise neu zu organisieren. In Verlautbarungen und Videos betont er zwar, wie wünschenswert es wäre, wenn sich Rebellen und Regierung an einen Tisch setzten. Die Bedingungen, die er dafür erfüllen müsste – etwa entführte Zivilisten freizulassen oder auf Terrorakte zu verzichten – lehnt er jedoch ab.

Einem spanischen Journalisten gibt Cano per Mail ein Interview. Auf die Frage, ob die oft seit Jahren im Dschungel schmachtenden Farc-Geiseln darauf hoffen dürfen, irgendwann freizukommen, antwortet er: «Ich gehe davon aus, dass wir von Kriegsgefangenen sprechen. Denn ein nüchterner, rigoroser und objektiver Zugang zum Thema einer seit 47 Jahren dauernden politischen, sozialen und militärischen Auseinandersetzung muss von Kriegsgefangenen sprechen, welche beide Seiten im Verlauf ebendieser Auseinandersetzung machen, nicht wahr?»

Gnadenlos gegenüber Freund und Feind

Gnadenlos verhält sich Cano oft auch gegenüber seiner eigenen Truppe: Einmal lässt er 40 Guerilleros wegen angeblicher Disziplinarverstösse hinrichten, ein andermal trifft es eine Gruppe von acht Indianern, die für das Militär spioniert haben sollen. Als George W. Bush im Jahre 2007 Kolumbien besucht, erwägt der Guerillachef, in Bogotá Attentate zu begehen. «Es wäre angebracht, Bush durch ein paar militärische Aktionen einen revolutionären Gruss zu senden», schreibt er in einer Mail.

Und nun zu Canos Untergang. Schon kurz nach seiner Ernennung zum Oberguerillero beginnen Armee, Polizei und Geheimdienste, Informationen über seinen Aufenthaltsort und seine Bewegungen zusammenzutragen. Sie können sich dabei auf Informanten aus Canos Umfeld und auf modernste Abhörtechnologie stützen. Zunächst allerdings hält sich Cano im Cañon de las Hermosas auf, dem Canyon der Schönen – einem Gebiet von überwältigender Pracht in der zentral gelegenen Provinz Tolima: Buchten, Flüsse und Schluchten, von Nebel umgebene Bergkämme, so hoch, dass die Temperatur nachts manchmal unter den Nullpunkt sinkt.

Die dichte Vegetation macht einen militärischen Angriff durch Bodentruppen nahezu unmöglich, Helikopterflüge sind wegen des Windes und der Wolken gefährlich. Im Unterschied zu den Soldaten der regulären Streitkräfte finden sich die Guerilleros in dem unzugänglichen Gelände bestens zurecht. Doch der Armee gelingt es, durch Bombardements die Nachschubwege Canos und seiner aus dreihundert Rebellen bestehenden Leibwächtergarde abzuschneiden.

Im Versteck ohne Toilettenpapier und Zahnpasta

Im August erfährt der Geheimdienst, dass Cano der Hunger und der Mangel an Annehmlichkeiten – etwa Toilettenpapier oder Zahnpasta – aus seinem Versteck getrieben haben. Die Ermittler hören ein über Satellitentelefon geführtes Gespräch zwischen seinen engsten Vertrauten ab. Sie bombardieren das Guerillacamp, in dem sich Cano nun aufhält, doch dem Farc-Anführer gelingt die Flucht in die Undurchdringlichkeit des Dschungels.

Seine Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag. Er sieht sich gezwungen, die Zahl seiner Leibwächter von 300 auf 25 zu reduzieren. Seine geliebten Bücher muss er ebenso zurücklassen wie die thermische Decke, die ihn nachts vor der Kälte schützt. Die Armee ist ihm auf den Fersen, und anders als früher gelingt es Cano nicht mehr, seine Verfolger abzuschütteln. Es bleiben ihm noch zehn Leibwächter. An seiner Seite harrt auch Patricia aus, die Guerillera, die er zu seiner Lebensgefährtin erwählte, als sie 14 Jahre alt war. In einem paranoiden Schub glaubt Cano, einer seiner Gefolgsleute trage einen Peilsender der Armee auf sich, womöglich versteckt in seinem Schuhwerk. Er befiehlt den Rebellen, ihre Gummistiefel wegzuwerfen, obwohl sie für die unendlich langen Märsche unverzichtbar sind.

Um sein auffälligstes Erkennungsmerkmal loszuwerden, rasiert sich Cano den schwarzen Bart ab. Er hat ihn 40 Jahre lang getragen. Laut Mitarbeitern des kolumbianischen Geheimdienstes ist der psychologische Effekt dieser Massnahme verheerend, sowohl auf Cano selber als auch auf seine Truppe. Den Rebellen erscheint ihr Chef plötzlich fremd, und sie beginnen, seine Autorität zu leugnen. Das Abschneiden des Bartes ist ein Symbol für die verzweifelte Lage. Es demonstriert, dass sich der Guerillaboss und seine Getreuen diesmal nicht in einer jener Notsituationen befinden, die sie zuvor unzählige Male dank Schlauheit, Mut und Ortskenntnis überwunden haben. Diesmal steht es schlimmer denn je. Alfonso Cano hat sein Gesicht verloren.

Machtwechsel nach der Rasur

Von nun an ist es nicht mehr der Farc-Chef, der bestimmt, wie die Flucht weitergeht, sondern sein oberster Leibwächter Pacho Chino. Cano befiehlt nur noch seinen beiden Hunden. In einem entlegenen, auf 2000 Metern über Meer gelegenen Winkel im Südwesten Kolumbiens beschlagnahmen die Guerilleros das Haus eines Bauern, vertreiben ihn und seine Familie. Cano schläft im Zimmer der halbwüchsigen Tochter, an der Wand hängen Hello-Kitty-Poster. Ein Guerillero putzt seinen Hunden jeden Abend die Pfoten, bevor sie sich neben ihrem Herrchen schlafen legen. Die beiden Tiere heissen Pirulo und Cónan, und so müssen sie von den Guerilleros auch genannt werden. Von Hunden zu sprechen, ist Canos Untergebenen verboten.

Dann, am Morgen des 4. November, bombardiert die Armee das Guerillacamp. Der Codename für die Aktion lautet Odysseus. Mehrere von Canos Gefolgsleuten sterben, darunter seine treue Gefährtin Patricia. Im Hello-Kitty-Zimmer stossen die Soldaten auf einige Habseligkeiten, die eindeutig dem Farc-Chef gehören: Seine grosse schwarze Brille, seine Identitätskarte. Das Glas, in dem er sein Gebiss aufbewahrt. Eine Brieftasche mit 100'000 Dollar. Erst jetzt können die Soldaten wirklich sicher sein, dass sich ihr Erzfeind tatsächlich im Guerillalager aufgehalten hat. Aber einmal mehr ist es ihm offensichtlich gelungen, im allerletzten Moment zu fliehen.

«Wir haben das Ziel getroffen»

Canos Vorgänger, der historische Farc-Anführer Manuel Marulanda, war zu Lebzeiten vom Mythos der Unauffindbarkeit umgeben. Ein Gespenst, das sich im Dschungel auflöste, wann immer es wollte. Ein stummer, rätselhafter Krieger, der auftauchte, wo ihn niemand vermutet hatte, und der verschwand, wenn seine Verfolger sicher waren, ihn in der Falle zu haben. Dieser Zauber, so scheint es den Soldaten, wirkt auch bei Alfonso Cano.

Was sie in diesem Moment nicht wissen: Der Farc-Chef hat sich inmitten der dichten Vegetation in einem Erdloch versteckt, gleich neben dem Lager. Als die Nacht hereinbricht, versucht er zu fliehen, begleitet von den letzten beiden Gefährten, die ihm geblieben sind. Da der schwer kurzsichtige Guerillero seine Brille zurückgelassen hat, sieht er fast nichts. Offiziellen Angaben zufolge stossen die drei Flüchtenden mit einem Suchtrupp der Armee zusammen. Die Soldaten rufen den Gestalten in der Dunkelheit zu, sie sollen sich ergeben. Als Cano an seinen Gurt greift, eröffnen sie das Feuer. Der Anführer der Farc wird an der Hand, am Bein und tödlich am Hals verletzt.

Der erste Soldat, der zur Leiche tritt, erkennt Alfonso Cano. Er ruft: «Wir haben das Ziel getroffen!» Die Rebellen, die als Informanten gedient und der Armee bei der Jagd auf Cano geholfen haben, erhalten insgesamt 2 Millionen Franken Belohnung. Die Ehefrau des vor zwölf Jahren von der Farc entführten Polizisten Carlos José Duarte sagt: «Ich habe Angst, dass sich die Guerilleros an meinem Mann rächen werden. Dass sie ihn zu langen Märschen zwingen oder ihm nichts mehr zu essen geben.» Am Tage nach Canos Tod sterben bei Angriffen der Farc ein Zivilist und ein Polizeibeamter. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2011, 15:51 Uhr

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