Interview

«Die mexikanische Mafia liest kein Buch auf Deutsch»

Mexiko-Korrespondent Sandro Benini hat ein Buch über den Drogenkrieg geschrieben. Im Interview erklärt er, wie man am gefährlichsten Ort der Welt lebt und arbeitet.

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Herr Benini, seit neun Jahren leben Sie in Mexiko. Nach der Lektüre Ihres Buches «Drogen, Krieg, Mexiko» fragt man sich, weshalb Sie dieses Land, das sich ganz offensichtlich in einem Bürgerkrieg befindet, nicht längst schon verlassen haben. Weshalb nicht?
Mit seinen rund 100'000 Toten ist der mexikanische Drogenkrieg tatsächlich eine Katastrophe. Aber er herrscht nicht flächendeckend. Je nachdem, wo man sich aufhält, welche Kontakte man pflegt, welchen Beruf man ausübt, ist das Leben in Mexiko gefährlicher oder weniger gefährlich. Ich treffe die notwendigen Vorsichtsmassnahmen – was bisher gereicht hat.

Bisher?
Natürlich besteht immer das Risiko, sich zufälligerweise im falschen Moment am falschen Ort aufzuhalten. Aber dieses Risiko ist nicht so gross, dass man es nicht in Kauf nehmen könnte. Im Übrigen ist Mexiko trotz des Drogenkrieges ein schönes, spannendes und kulturell hochinteressantes Land mit freundlichen und angenehmen Menschen – zumindest gilt dies für die Mehrheit, die nicht im Drogenhandel tätig ist.

Bereits auf dem Klappentext des Buches ist von Gemetzeln und Massakern die Rede, in der Einleitung wird das Zerstückeln von Menschen beschrieben. Und Sie beschreiben wiederholt das grotesk brutale Massenmorden detailreich – und illustrieren es zudem mit erschreckenden Bildern. Mit Verlaub, weshalb muten Sie das Ihren Lesern zu? Was bezwecken Sie damit?
Ich halte es für unvermeidbar, den Leser in einem Buch über den Drogenkrieg auch mit dessen teilweise barbarischer Grausamkeit zu konfrontieren. Aber Ihre Beschreibung meines Buches ist übertrieben. Vielmehr gehe ich ausführlich auf die politischen und historischen Hintergründe des Drogenkrieges ein, beschreibe dessen Auswirkungen auf die mexikanische Literatur, Architektur und vor allem auf die Volksmusik, analysiere, welche Rolle Frauen innerhalb der Drogenkartelle spielen. Es lag mir fern, ein reisserisches, bluttriefendes Buch zu schreiben.

Hat denn die entfesselte Grausamkeit, die sich wie ein Krebsgeschwür in die mexikanische Gesellschaft frisst, mit der Droge selbst zu tun, dem Kokain, das die Protagonisten dieses Krieges gewissermassen entmenschlicht?
Im Buch tritt ein professioneller Killer des Kartells von Sinaloa auf, der beschreibt, wie er vor Morden und Folterungen jeweils besonders viel Kokain konsumiert. Die zumeist jungen Killer der Kartelle haben sicherlich leichten Zugang zu Kokain und anderen Drogen, aber inwiefern dies die Brutalität des Krieges konkret beeinflusst, ist schwierig abzuschätzen. Ich glaube, hinter den Gräueltaten steckt eher eine militärische und kommunikative Strategie der Kartelle: den Gegner maximal einzuschüchtern und zu entmenschlichen, die Öffentlichkeit zu terrorisieren, um damit die eigene Macht und die Ohnmacht des Staates zu demonstrieren. Dass die Umsetzung dieser Strategie durch den Drogenkonsum der Täter vereinfacht wird, ist anzunehmen.

Ist diese Epidemie der Gewalt, diese Verrohung der Gesellschaft nur auf dem Hintergrund der lateinamerikanischen Geschichte möglich?
Genau diese Frage habe ich dem mexikanischen Schriftsteller Javier Sicilia gestellt, dessen Sohn ermordet wurde. Worauf er auf die Barbarei der Nazis verwiesen hat, die in einem zuvor als zivilisiert geltenden Land wütete.

Ein erschreckender Vergleich.
Lateinamerika insgesamt ist tatsächlich eine der gewalttätigsten Regionen der Welt, wofür es historische, soziale und wirtschaftliche Gründe gibt. Aber die Grausamkeit, die sich im mexikanischen Drogenkrieg manifestiert, hängt letztlich mit der menschlichen Natur zusammen und wäre unter bestimmten Bedingungen überall möglich. In Argentinien, das als «europäischstes Land Südamerikas» gilt, sind während der Militärdiktatur unbeschreibliche Folterexzesse begangen worden, im jugoslawischen Bürgerkrieg ereigneten sich ethnisch motivierte Massaker. Der Firnis der Zivilisation ist überall dünn, nicht nur in Mexiko.

Welche Rolle spielen die USA in diesem Krieg?
Aus mexikanischer Sicht tragen die USA am Krieg eine zweifache Mitverantwortung: Sie sind der weltweit grösste Absatzmarkt für Drogen, und sie sind wegen ihrer laschen Waffengesetze für die mexikanischen Kartelle ein Supermarkt, um sich ihr militärisches Arsenal zu beschaffen. Es gibt zwar in Lateinamerika die Tendenz, die Schuld für sämtliche Übel den Gringos zuzuschieben, aber in diesem Fall sind die Vorwürfe meiner Meinung nach weitgehend berechtigt. Politisch und militärisch unterstützen die USA die Repressionsstrategie, wie sie in den letzten sechs Jahren Mexikos Ex-Präsident Felipe Calderón betrieben hat. Wie viele amerikanische Militärberater, Drogenfahnder usw. in Mexiko aktiv sind, ist unbekannt. Die Mexikaner beklagen jedenfalls, die im Rahmen des Merida-Abkommens geleistete Hilfe der USA bei der Bekämpfung des Drogenhandels sei zu gering.

Kolumbien gelang es, sich zumindest teilweise aus dem Würgegriff der Drogenmafia zu befreien. Kann man damit auch in Mexiko rechnen?
Mexiko hat es schwerer als Kolumbien. Einerseits wegen der geografischen Nähe und der über 3000 Kilometer langen Grenze zu den USA; andererseits, weil die Drogenkartelle in Mexiko zahlreicher, mächtiger und besser bewaffnet sind als in Kolumbien. Das Kartell von Medellín unter Pablo Escobar hatte in den 1980er-Jahren phasenweise eine Art Monopolstellung – die Ausschaltung des Drogenbosses war deshalb ein Schlag gegen die Drogenmafia, wie er im heutigen Mexiko schwer denkbar ist. Experten für Geldwäscherei betonen aber auch, dass die Gesetze bezüglich illegaler Finanztransaktionen in Kolumbien viel strenger sind und anders als in Mexiko auch angewendet werden.

In Ihrem Buch wird auch erzählt, wie die Journalisten immer wieder kapitulieren vor den Drohungen und den Gräueltaten der Drogenclans, wie sie die Berichterstattung über den Drogenkrieg oft einstellen. Welchem Risiko setzten Sie sich eigentlich während der Recherche aus? Welchem Risiko sind Sie heute als Autor dieses Buches ausgesetzt?
Die Recherchen waren teilweise mit Reisen in gefährliche Gebiete und Städte – Ciudad Juárez, Nuevo Laredo oder Sinaloa – verbunden und mit Gesprächen, von denen einige im Gefängnis stattfanden, etwa mit zwei der im Buch erwähnten Frauen. Ausserdem interviewte ich wie erwähnt einen Profikiller. Dabei bestand sicher ein gewisses Risiko. Ich bin aber weder ein Held noch Kriegsreporter. Ich habe stets versucht, gefährliche Situationen möglichst zu vermeiden, im Wissen, dass jeder Beruf und jede Tätigkeit Risiken birgt. Als Autor des Buches sehe ich mich keiner Gefahr ausgesetzt, weil kein Mitglied der mexikanischen Drogenmafia ein Buch auf Deutsch liest.

Welche Begegnung im Verlauf Ihrer Recherche hat Sie am stärksten beeindruckt?
Jene mit Javier Sicilia – dem Dichter, dessen Sohn ermordet wurde, weil er einem Freund helfen wollte, eine gestohlene Kamera und ein Handy wiederzubeschaffen. Dabei begab er sich nichts ahnend in ein Lokal, das von einem Kartell kontrolliert wurde.

Sie beschrieben eindrucksvoll, wie der Drogenkrieg zum Schicksal der Menschen wird, von dem es offenbar immer nur ein Entrinnen gibt: den Tod. Sind Sie auf keine Storys mit einem Happy End gestossen, Storys, die einem Zuversicht geben könnten?
Leider nur auf wenige. Am ehesten kann einen der Mut und die Professionalität zuversichtlich stimmen, mit denen Journalisten und Fotografen in Ciudad Juárez trotz aller Gefahren ihre Arbeit verrichten. Ich konnte sie einige Tage begleiten. Beeindruckend war auch die Anteilnahme, die das Schicksal Sicilias im ganzen Volk hervorgerufen hat.

Erstellt: 25.04.2013, 08:03 Uhr

Der Autor

Sandro Benini (45) ist seit sechs Jahren Lateinamerika-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». Zuvor arbeitete Benini für die «Weltwoche» und andere Schweizer Medien. Er ist studierter Romanist.

Buchvernissage im Zürcher «Kaufleuten»

«Drogen, Krieg, Mexiko» erscheint am 25. April im Echtzeit-Verlag. Heute Donnerstagabend findet um 20 Uhr im Kaufleuten in Zürich die Buchvernissage statt. Sandro Benini wird im Gespräch mit Luciano Ferrari, Ressortleiter Ausland des «Tages-Anzeigers», über sein Buch und die Recherche berichten.

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