Die urinierenden Marines werden kein zweites Abu Ghraib

Geschmacklose Verirrungen von Soldaten sind der Kommunikations-Albtraum der USA. Der jüngste Vorfall hat aber nicht das Gewicht früherer Skandale. Eine Analyse.

Rasches Schuldeingeständnis: US-Verteidigungsminister Leon Panetta.

Rasches Schuldeingeständnis: US-Verteidigungsminister Leon Panetta. Bild: Reuters

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Es sind Aufnahmen, vor denen sich die Verantwortlichen in den US-Streitkräften wahrscheinlich fürchten. «Einen schönen Tag noch, Kumpel», sagt einer der Soldaten auf dem Video, das augenscheinlich mehrere US-Marineinfanteristen dabei zeigt, wie sie auf getötete Taliban-Kämpfer urinieren. Und einer der Beteiligten will ganz sichergehen, dass alles gefilmt wurde. In dieser Woche tauchte das Video im Internet auf.

Auch wenn es bereits empörte internationale Reaktionen gab, sind Experten innerhalb und ausserhalb der US-Streitkräfte keineswegs überzeugt, dass der Skandal ähnliche Ausmasse wie nach den Übergriffen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib haben wird. Damals gingen Bilder von gedemütigten Häftlingen um die Welt. «Das Problem in dem Fall ist wie in Abu Ghraib, dass es sich um sehr heftige Aufnahmen handelt», sagt der frühere republikanische Sprecher des US-Verteidigungsausschusses im Senat, John Ullyot. Deswegen richte das Video einen Schaden an.

Ein Einzelfall ohne System

Der frühere Marine-Corps-Offizier sieht aber einen wichtigen Unterschied: Die Misshandlungen in Abu Ghraib seien systematisch und von höheren Stellen gebilligt gewesen. Bei dem Fall in Afghanistan handle es hingegen um einen klaren Verstoss gegen Ausbildungsstandards.

Schon kurz nach Veröffentlichung des Videos kündigte Verteidigungsminister Leon Panetta eine Bestrafung der Verantwortlichen an – noch bevor die Ermittlungen dazu abgeschlossen sind. Mit einem schnellen Vorgehen zeigten die USA, dass sie dieses Verhalten nicht dulden würden und es nicht für das Land insgesamt stehe, erklärte Panetta eilig.

In der Zwischenzeit wurden die zwei Marine-Infanteristen vernommen. Sie seien auf freiem Fuss und nicht vom Dienst suspendiert, hiess es heute bei der US-Armee.

Es ist unklar, ob der Fall in den USA oder in anderen Ländern noch mehr Aufmerksamkeit bekommen wird. Über das Video wurde in Amerika ausführlich berichtet, doch die Nachrichten dazu wurden vom Präsidentschaftswahlkampf verdrängt.

In den USA schon vergessen

Der Medienwissenschaftler Steven Livingston von der George Washington University glaubt nicht, dass der Skandal in den USA noch grösser wird. «Viele Amerikaner haben den Irak und Afghanistan längst vergessen», sagt der Professor.

Das könnte im Ausland anders sein, betont Livingston. So berichtete der einflussreiche Fernsehsender al-Jazeera ausführlich auf seinen englisch- und arabischsprachigen Webseiten über den Fall. In muslimischen Ländern könnten die Aufnahmen die Vorbehalte gegen US-Truppen noch vertiefen, denn es ist nicht das erste Video, das ein inakzeptables Verhalten von US-Soldaten zeigt.

So wurde bereits ein aus einem Kampfhelikopter aufgenommenes Video auf dem Enthüllungsportal WikiLeaks veröffentlicht, das einen Einsatz im Irak aus dem Jahr 2007 zeigt. Damals schossen US-Soldaten auf Zivilisten und töteten mehrere Menschen – darunter zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters.

Ungewisse Wirkung der Bilder

In einem weiteren Fall wurde enthüllt, dass US-Soldaten im Jahr 2010 in der afghanischen Provinz Kandahar unbewaffnete Zivilisten töteten. Sie liessen sich zudem mit der Leiche eines Jungen aufnehmen. Die Bilder wurden von den Magazinen «Der Spiegel» und «Rolling Stone» veröffentlicht.

Experten zufolge lässt sich die Wirkung der neuen Aufnahmen in der afghanischen Bevölkerung noch nicht beurteilen. Nur eine Minderheit der Haushalte verfügt über Strom. Das Internet ist einer kleinen Elite in den Städten vorbehalten.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai verurteilte die Taten bereits. Aber die radikal-islamischen Taliban haben erklärt, dass der Fall die Friedensgespräche nicht beeinflussen werde.

Phil Stewart berichtet für die Agentur Reuters aus Washington

Erstellt: 14.01.2012, 18:30 Uhr

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