Hintergrund

Die virtuelle Entführung ist schrecklich real

Eine neue Verbrechensart breitet sich in Mexiko aus: das vorgetäuschte Kidnapping. Betroffen war kürzlich eine baskische Rockband. Der Schrecken verstörte die Musiker und ihre Angehörigen.

Telefonisch wird den Opfern eingeredet, dass ein Angehöriger entführt worden sei: Ein Mann benutzt in Reynosa ein öffentliches Telefon.

Telefonisch wird den Opfern eingeredet, dass ein Angehöriger entführt worden sei: Ein Mann benutzt in Reynosa ein öffentliches Telefon. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Grauen dauert dreissig Stunden, dann löst es sich in Nichts auf. Die Gefahr erweist sich als Hirngespinst, die Kriminellen, die sie heraufbeschworen haben, als Bluffer. In ihrer ersten Nacht in Mexiko-Stadt sind die vier Mitglieder der baskischen Popgruppe Delorean einem Verbrechen zum Opfer gefallen, das einen wahren Boom erlebt: die virtuelle Entführung.

In Mexiko unter dem Begriff «secuestro virtual» bekannt, ist sie von den drei Foltertechniken der nationalen Kidnapping-Industrie scheinbar die am wenigsten schlimme. Virtuelles Kidnapping besteht darin, jemandem vorzutäuschen, dass ein Familienangehöriger entführt worden sei, und auf die sofortige Zahlung eines Lösegelds zu drängen. Daneben gibt es die Express-Entführung, bei der jemand zu einem Bancomaten gebracht und gezwungen wird, Geld abzuheben. Und die eigentliche Entführung, Albtraum der mexikanischen Mittel- und Oberschicht, allgegenwärtige Bedrohung von Grossindustriellen, Kleinunternehmern, Hauseigentümern, Grundbesitzern, Erben.

Perfides Spiel mit der Angst

Die Angst vor der eigentlichen Entführung versetzt das Opfer des virtuellen Kidnappings in jenen hypnotischen Schockzustand, in dem es alles tut, was ihm eine unbekannte Stimme am Telefon befiehlt. Die virtuelle Entführung stützt sich auf den Glauben, eines der schrecklichsten überhaupt denkbaren Szenarien sei über die eigene Familie hereingebrochen, und auf dem panischen Verlangen, ihm so schnell wie möglich zu entkommen.

Die ursprüngliche Form der virtuellen Entführung funktioniert so: Erpresser beobachten, wie jemand ins Kino geht oder ein Flugzeug besteigt. Oder sie finden heraus, dass jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer wichtigen Sitzung teilnimmt. Dann rufen sie seine Familie an und behaupten, der Angehörige befinde sich in ihrer Gewalt. Um glaubwürdig zu wirken, erwähnen sie meist ein paar private Details, die sie über Facebook oder durch Beschattung herausgefunden haben. Weil sie das virtuelle Entführungsopfer auf dem Handy nicht erreichen können, sollen die Verwandten in Panik geraten und ein Lösegeld bezahlen, noch bevor der Film zu Ende, die Sitzung vorüber oder das Flugzeug wieder am Boden ist. Oft operieren virtuelle Entführerbanden von einem Gefängnis aus, mit Hilfe von Komplizen, die sich auf freiem Fuss befinden. Den mexikanischen Behörden ist es bisher nicht gelungen, Handyanrufe aus Haftanstalten zu unterbinden.

Immer wieder weisen Medien, Polizei und private Organisationen darauf hin: Wenn Kidnapper auf eine Lösegeldübergabe in kürzester Zeit drängen, handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um eine virtuelle Entführung. Die in Mexiko-Stadt lebende Finanzanalystin Yolanda Herrera hat Vorkehrungen getroffen, wie sie dem «Tages-Anzeiger» erklärt: «Ich habe meiner 15-jährigen Tochter streng verboten, jemandem bei einem angeblichen Notfall das Handy auszuleihen – denn so versuchen virtuelle Kidnapper, an die Telefonnummern der Familie heranzukommen. Ausserdem hat sie meine Mobilnummer auf ihrem Gerät nicht unter «Mama» gespeichert, sondern unter irgendeinem männlichen Vornamen.»

Aus dem Schlaf gerissen

Die Entführerbanden legen es geradezu darauf an, ihr virtuelles Opfer stunden- oder sogar tagelang davon abzuhalten, Handyanrufe zu beantworten. Und sie nehmen immer häufiger Ausländer ins Visier, besonders aus anderen lateinamerikanischen Ländern und aus Spanien, weil es beim Verhandeln mit deren Angehörigen keine Sprachprobleme gibt.

Die vier baskischen Musiker Igor Escudero, Guillermo Astrain, Unai Lazcano und Ekhi Lopetegi werden im Hotel Four Points in Mexiko-Stadt von einem Anruf im Morgengrauen geweckt. Der Mann am anderen Ende der Leitung behauptet, zu den Zetas zu gehören, dem brutalsten Drogenkartell Mexikos. «Es wird in eurem Hotel gleich eine Schiesserei geben. Wir wissen, dass ihr Spanier seid, und wollen euch nicht verletzen.» Die Stimme befiehlt den Musikern, das Hotel zu wechseln, und behauptet, sie würden keine Sekunde aus den Augen gelassen. Ihr Ton wird immer aggressiver und bedrohlicher. Über den Inhalt der folgenden Gespräche ist wenig bekannt, aber offensichtlich gelingt es den Kriminellen, aus ihren Opfern panisch zappelnde Marionetten zu machen. Irgendwann sind die Spanier restlos überzeugt, das von ihren Peinigern entworfene Schreckensbild sei real: Sie glauben, die Unbekannten seien in der Lage, ihre Bewegungen zu überwachen. Sie sind sicher, in Lebensgefahr zu schweben und nur zu entkommen, wenn sie alle Befehle befolgen und jede Frage wahrheitsgemäss beantworten. Offenkundig verfallen sie einer Art Stockholmsyndrom auf Distanz: Jene, die sie ins Unglück gestürzt haben, erscheinen ihnen als die Einzigen, die sie wieder daraus befreien können.

Auf Geheiss der angeblichen Zetas stellen sie ihre spanischen Handys ab und kaufen mexikanische. Nun sind sie für niemanden mehr zu erreichen, ausser für die Täter. «Wenn ihr das Handy ausschaltet, bringen wir euch um. Der Kontakt mit uns ist eure Lebensversicherung.» Die vier Musiker verraten Wohnort und Telefonnummern ihrer Eltern. Einmal befiehlt die Stimme: «Sag deinem Freund, er soll sich setzten, sein ewiges Hin-und-her-Laufen macht mich nervös.» Damit landet der Anrufer einen Volltreffer, denn tatsächlich geht einer der Musiker panisch im Hotelzimmer auf und ab.

Fast 300 Entführungen täglich

Kidnapping-Land Mexiko: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 105'000 Personen entführt, also fast 300 täglich, wie das staatliche Statistikamt in einem unlängst veröffentlichten Bericht festhält. Angezeigt wurden nur 1317 Fälle. Die Zahl umfasst eigentliche und Express-Entführungen, nicht jedoch virtuelle. Sie ist derart ungeheuerlich, dass manche Experten sie bezweifeln, zumal sie durch Schätzungen und eine Umfrage zustande gekommen ist.

Unbestritten ist hingegen, dass die Verbrechensrate in Mexiko steigt, obwohl Präsident Enrique Peña Nieto bei seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember versprochen hat, die Zahl der Morde und Entführungen binnen eines Jahres um 50 Prozent zu senken. Hauptverantwortlich für die Ausbreitung des Übels ist ein häufig beklagter Nebeneffekt des Drogenkrieges: Kartelle, die von den Ordnungskräften in die Enge getrieben oder durch rivalisierende Banden bedrängt werden, weichen auf andere, weniger aufwendige Delikte aus. Die Entführung gehört zu den lukrativsten.

Laut Isabel Miranda de Wallace, der Präsidentin der privaten Hilfsorganisation Alto Secuestro (Stopp der Entführung), wächst die Zahl der virtuellen Entführungen noch schneller als jene der eigentlichen und der Express-Entführungen. Bloss interessiert dies die ohnehin überforderte Polizei kaum. «Eine virtuelle Entführung erfolgt ohne physische Gewalt, die Opfer haben keinen direkten Kontakt zu den Tätern, die Lokalisierung eines von den Kriminellen benutzten Handys ist aufwendig. Oft tun die Behörden eine virtuelle Entführung als Telefonscherz ab.» Es gebe keine Statistiken und keine Schätzungen, wie oft Gangster auf diesem Weg zu Geld kämen, sagt Wallace. «Die Dunkelziffer übersteigt schon beim wirklichen Kidnapping 90 Prozent. Beim virtuellen dürfte sie noch höher liegen.»

Damit eine virtuelle Entführung öffentliches Aufsehen erregt, muss sie so spektakulär sein wie jene, die sich im Juli in Cuernavaca ereignete, 70 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt: Eine Bande rief bei einer Kinderkrippe an und brachte mehrere Betreuer dazu, sich mit zehn Zwei- bis Vierjährigen in einem Hotel zu verschanzen. Danach erhielten die Eltern Erpresseranrufe, während der Gouverneur des Bundesstaates Morelos öffentlich behauptete, die Kinder seien tatsächlich in der Gewalt von Verbrechern – doch die Polizei setze alles daran, sie bald zu befreien.

300'000 Euro gefordert

Noch grössere und vor allem internationale Aufmerksamkeit erregt die virtuelle Entführung der Gruppe Delorean. Im baskischen Städtchen Zarautz erhalten die Eltern der Musiker Anrufe, in denen sie mithören können, wie die angeblichen Kidnapper ihre Opfer verbal misshandeln. Mehrmals lassen die Kriminellen eine Kettensäge rasseln und drohen: «Wenn ihr nicht 300'000 Euro bezahlt, schicken wir euch eure Söhne zerstückelt und in Schuhschachteln zurück.» Auch den Manager der Gruppe in den USA versuchen die virtuellen Entführer zu erpressen. Die Eltern alarmieren die spanische Polizei, und diese setzt sich mit ihren mexikanischen Kollegen in Verbindung. Es gelingt relativ rasch, die Nummer eines von den Verbrechern benutzten Handys herauszufinden. Einige Wochen zuvor ist es bei der virtuellen Entführung einer Spanierin verwendet worden. Die Ermittler können die aufgewühlten Eltern beruhigen: Mit grosser Wahrscheinlichkeit befinden sich ihre Söhne in Sicherheit. Nur wissen sie es nicht.

Als Beamte die angeblichen Opfer schliesslich orten und an ihre Hoteltüre klopfen, packt sie noch einmal Todesangst. Dann ist der Spuk vorbei. Die Musiker brechen ihre Tournee ab und fahren, begleitet von einer Polizeieskorte, zum Flughafen. Als wollten sie sich dafür entschuldigen, hereingelegt worden zu sein, beteuern sie vor dem Abflug: «Die Drohungen hatten nichts Virtuelles. Sie waren absolut real.»

Während der letzten Monate gab es mindestens vier virtuelle Entführungen, bei denen spanische Staatsbürger betroffen waren. In einem Fall erbeuteten die Täter 7000 Franken, in einem anderen flogen spanische Polizisten nach Mexiko, um sich an der Aufklärung des Verbrechens zu beteiligen. Verhaftet wurde bisher niemand.

Immerhin entging ein Geschäftsreisender aus Katalonien in seinem Hotelzimmer in der Stadt Querétaro einer virtuellen Entführung, indem er das Telefon aufhängte und weiterschlief. Das spanische Aussenministerium hat seine Bürger unlängst vor Reisen nach Mexiko gewarnt. Der mexikanische Sicherheitsexperte Samuel González sagt: «In jedem anderen Land würde man den Anruf eines virtuellen Entführers als geschmacklosen Scherz abtun. In Mexiko hat die Kidnapping-Industrie eine derartige Psychose geschaffen, dass man ihn ernst nimmt.»

Erstellt: 29.10.2013, 07:09 Uhr

Artikel zum Thema

420'000 Mexikaner nach Anschlägen ohne Strom

Neun Umspannwerke wurden im Westen von Mexiko von Bomben getroffen. Ausserdem griffen Unbekannte sechs Tankstellen an. Es wird vermutet, dass Drogenkartelle dahinter stecken. Mehr...

Entführung war offenbar Rache für den Tod eines Drogendealers

Der Fall sorgte für Aufsehen: Zwölf Jugendliche wurden aus der als sicher geltenden mexikanischen Hauptstadt verschleppt. Nun hat ein Verdächtiger ausgesagt. Mehr...

Mexiko nimmt «den Kahlköpfigen» fest

Der zweite schwere Schlag gegen die Drogenkartelle innert Kürze: Mexikanische Soldaten haben Mario Ramírez Treviño festgenommen. Der Chef des mächtigen Golf-Kartells war offenbar früher selber Polizist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...