Diese Frau wird auf Obama losgelassen

Die Rede des Präsidenten zur Lage der Nation lässt grosse Teile der US-Bevölkerung kalt. Jetzt springen Youtube-Stars ein. Ohne Ahnung von Politik, egal.

«Ich brauche Fragen, schickt mir Fragen»: GloZell wendet sich nach der Einladung ins Weisse Haus an ihre Fans. (15. Januar 2015)


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Umhüllt von einer Wolke aus Zimt, steht sie in ihrer Küche. Hustet, prustet, schreit. Lynette Green hat gerade versucht, eine grössere Menge des Gewürzes herunterzuschlucken. Cinnamon Challenge nennt sich die Aktion, die vor einigen Jahren mal ein Internetphänomen gewesen war. 42 Millionen Mal wurde das Video dazu auf Youtube angeklickt. Es ist der bis dato erfolgreichste Beitrag von GloZell, wie sich Green im Netz nennt. Mehr als 3 Millionen Menschen haben ihren Kanal abonniert, schalten also regelmässig ein. Das sind mehr Menschen, als die grossen US-Nachrichtensender Fox News, CNN und MSNBC zusammen zur Hauptsendezeit erreichen.

The Cinnamon Challenge. (Quelle: GloZell Green/Youtube)

Ihr Erfolg hat der 52-Jährigen eine Einladung ins Weisse Haus beschert. Am Donnerstag wird sie zusammen mit dem Mittdreissiger Hank Green und dem Teenager Bethany Mota Präsident Barack Obama interviewen. Die klassischen Medien werden bei der Nachbearbeitung der präsidialen Rede zur Lage der Nation übergangen. Die Kanäle des Youtube-Trios kommen zusammen auf rund 14 Millionen Abonnenten. Das konnte den PR-Strategen in Washington unmöglich entgehen.

Modeberatung und Körpergeräusche

Der Präsident wolle direkt zur amerikanischen Onlinegemeinschaft sprechen, begründet das Weisse Haus die Einladung. Übertragen wird die Fragestunde live auf dem Youtube-Kanal des Präsidenten. Dieser fristet mit rund 500'000 Abonnenten ein vergleichsweise kümmerliches Dasein.

Um ein anderes Amerika zu erreichen, nehmen Obamas Berater in Kauf, dass der Präsident auf drei Menschen trifft, deren bisheriges Wirken absolut gar nichts mit Politik zu tun gehabt hat. GloZells Videos zeigen im Wesentlichen Blödeleien, die der Komikerin dank vorgeschalteter Werbung mutmasslich Zehntausende Dollar pro Monat einbringen. Bethany Motas Beiträge tragen Titel wie «5 Easy & Fast Breakfast Ideas for School!» oder «Easy Ways to Spice Up Your Room!». Den Ausdruck «you guys» braucht sie inflationär. Und Hank Green führte sein Publikum zuletzt in die Welt der Flatulenz ein. «14 Fart Facts for My Flatulent Friends» heisst das Video.

Easy Ways to Spice Up Your Room! (Quelle: Bethany Mota/Youtube)

14 Fart Facts for My Flatulent Friends. (Quelle: Vlogbrothers/Youtube)

Das Trio hat seine Fangemeinde aufgefordert, Fragen an den Präsidenten einzusenden. Die bisher eingegangenen Antworten versprechen tatsächlich, was das Weisse Haus angekündigt hat. Dieses Jahr werde das Post-State-of-the-Union-Interview «etwas anders». Eine Auswahl:

Unabhängig vom Ausgang der Fragerunde, ist sie ein eindeutiges Zeichen dafür, wie stark sich die US-Medienlandschaft in den letzten Jahren gewandelt hat. Für die grossen Zeitungen ist es inzwischen fast unmöglich geworden, den Präsidenten für ein Interview zu gewinnen. Obwohl Obama ein begeisterter Zeitungsleser ist, zieht er Fernsehauftritte vor. Er gelangt so direkt in die Haushalte.

Allerdings erreicht auch eine flächendeckende Übertragung wie die Rede zur Lage der Nation immer weniger Menschen. 2014 schalteten rund 30 Millionen ein, 2015 wurde ein ähnlicher Wert erwartet. Der Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte liegt fast 50 Prozent darüber. Zum Vergleich: Die Superbowl, das US-Fernsehereignis, lockt jeweils weit über 100 Millionen vor die Bildschirme.

Erstellt: 21.01.2015, 12:57 Uhr

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