Dieser Mann ist Obama immer auf den Fersen

Joseph Clancy ist neuer Chef des Secret Service. Er ist ein erfahrener Leibwächter, der schon Bill Clinton bewachte und mit ihm joggen ging. Nun muss er die Behörde aus dem Skandalsumpf ziehen.

Bereits früher Leiter des Personenschutzes: Joeseph Clancy folgt Präsident Barack Obama auf dem Flughafen von Cincinnati. (7. September 2009)

Bereits früher Leiter des Personenschutzes: Joeseph Clancy folgt Präsident Barack Obama auf dem Flughafen von Cincinnati. (7. September 2009) Bild: Reuters

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Einst war der Secret Service so elitär wie sein Bild in Hollywood-Filmen: Männer – und einige Frauen – in dunklen Anzügen und Sonnenbrillen, durchtrainiert, immer wachsam und hoch konzentriert, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu schützen.

Das Heldenimage hat gelitten in den letzten zehn Jahren. Ein Skandal nach dem andern kratzte an der einst makellosen Fassade der Leibwächtergarde und brachte Unschönes zum Vorschein:

  • 2005 – Granatangriff in Georgien: Präsident George W. Bush preist in einer öffentlichen Rede in der Hauptstadt Tiflis die Demokratie. Der Secret Service schafft es nicht, das Publikum zu kontrollieren. Ein Mann wirft eine Granate rund 30 Meter vor die Füsse des Präsidenten. Der Sprengkörper detoniert nicht – er ist defekt.

  • 2009 – White-House-Party-Crasher: Tareq and Michaele Salahi schleichen sich zum Präsidenten-Dinner – ohne Einladung. Der Secret Service winkt die beiden durch, um wartende Gäste nicht im Regen stehen zu lassen. (Joseph Clancy war für die Sicherheit der Veranstaltung verantwortlich.)

Ungeladene Gäste: Tareq and Michaele Salahi mit Barack Obama. (Foto: Keystone)

  • 2011 – Schüsse aufs Weisse Haus: Ein geistig gestörter Mann schiesst mindestens siebenmal auf die Residenz des Präsidenten. Der Secret Service sagt zuerst: Zwei rivalisierende Gangs hätten sich beim Vorbeifahren beschossen und zufällig das Weisse Haus getroffen.

  • 2012 – Sexaffäre in Kolumbien: 13 Secret-Service-Mitarbeiter haben Sex mit Prostituierten in Cartagena. Dann streiten sie sich über die Bezahlung. Der Skandal bricht aus, weil sich die Frauen beschweren.

  • Ort der Orgie: Das Hotel El Caribe in Cartagena, Kolumbien. (Foto: AP)

  • 2013 – Sexuelle Belästigung: Zwei Kadermitarbeiter von Obamas Schutzteam schicken anrüchige E-Mails an ihre Mitarbeiterinnen. Zuvor hat einer der beiden bei einem One-Night-Stand eine Pistolenkugel in einem Hotel vergessen.

  • 2014 – Trinkgelage in Amsterdam: Drei Secret-Service-Mitarbeiter betrinken sich vor einem Obama-Besuch in den Niederlanden so heftig, dass einer bewusstlos in der Hotellobby gefunden wird.

  • 2014 – Bewaffneter Mann im Präsidenten-Lift: Ein bewaffneter Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma bekommt in Atlanta Zugang zum Lift und fährt mit Barack Obama – der Mann wird strafrechtlich gesucht.

  • 2014 – Zaunkletterer: Ein Veteran des Irakkrieges klettert über den Zaun des Weissen Hauses und dringt bis zum East Room vor. Mehrere Sicherheitsmassnahmen versagen.
  • Eindringling: Omar Gonzales klettert über den Zaun des Weissen Hauses (Quelle: Youtube.com/Brandon Pawlinski/ABC News)

Der letzte Skandal kostete Julia Pierson ihre Chef-Position. Seitdem leitet Joseph Clancy den Secret Service – nun nicht mehr nur interimsmässig, sondern ohne zeitliche Begrenzung. Die Vita Clancys deutet auf einen fähigen Mann an der Spitze. Nach einigen Jahren als Geschichtslehrer, trat er 1984 in den Dienst des Secret Service ein. Schnell arbeitete er sich hoch, joggte morgens als Leibwächter mit Präsident Bill Clinton und leitete den Personenschutz für Barack Obama, bis er 2011 in die Privatwirtschaft wechselte – zum Telecomriesen Comcast.

Nach den jüngsten Skandalen holte Obama ihn zurück und spricht Clancy erneut sein vollstes Vertrauen aus – die wichtigste Währung eines Personenschützers. Obama stellte sich gegen eine Empfehlungen einer Expertenkommission. Sie hatte gefordert, für die Pierson-Nachfolge eine Führungskraft von aussen zu holen.

Clancy wusste um den Rückhalt, den er geniesst. Ein Bericht des Department of Homeland Security (DHS), der die Engstirnigkeit der Behörde monierte, gab ihm letzte Gewissheit. Clancy krempelte die Führungsebene um, versetzte vier der acht stellvertretenden Direktoren und schickte zwei weitere in den Ruhestand.

Personalrochade: Clancy baut die Führungsebene des Secret Service um. (Quelle: Washington Post)

Doch die Macht des 68-Jährigen ist durch politische Rahmenbedingungen begrenzt. Der Abstieg des Secret Service begann nach 9/11. Der damalige Präsident Bush verabschiedete den «Patriot Act». Nun muss der Secret Service ...

  • ... die erweiterten Familien des Präsidenten und seines Vizes sowie einige Angestellte des Weissen Hauses beschützen. Statt wie im Jahr 2001 18 Menschen sind es nun 27 – rund um die Uhr, von mehreren Leibwächtern in Schichten.

  • ... die Sicherheit bei Grossveranstaltungen wie Sportwettkämpfen garantieren, die als Anschlagziel von Terroristen gelten.

  • ... Cyberattacken auf das US-Finanzsystem antizipieren und abwehren.

Fast 100 Jahre war der Secret Service das Aushängeschild des Finanzdepartements. Nach der Angliederung an das DHS steht der Secret Service im Wettbewerb mit anderen Behörden um Gelder und Aufmerksamkeit.

Don Mihalek ist Spezialagent und Vertreter der Secret-Service-Agenten. Gegenüber der «Washington Post» sagte er: Die Aufgaben und das Arbeitstempo seien seit den Terroranschlägen 2001 «exponentiell gestiegen». «Aber das Budget konnte mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten.»

Kostendruck und Misstrauen

Jüngst musste der Secret Service – wie auch andere Behörden – Budgetkürzungen und Personalabbau hinnehmen. Agenten mussten an ihren freien Tagen arbeiten. Aus- und Weiterbildungen wurden verschoben, um Dienste besetzt zu halten.

Das wirkt sich auf die Moral der Mitarbeiter aus, die ohnehin schon drastisch gesunken ist. In einer DHS-Umfrage (PDF Englisch) sagten fast 25 Prozent der befragten Secret-Service-Mitarbeiter: Ihre Vorgesetzten müssten nicht für ihre Fehler einstehen. Von den 318 beobachteten Vorfällen seien 80 Prozent nicht gemeldet worden. Die Mitarbeiter befürchten, von ihren Chefs ignoriert zu werden oder gar Repressalien zu erfahren.

Das Misstrauen hat sich tief in die Behördenkultur gefressen. Joseph Clancy muss das Vertrauen in den Secret Service wiederherstellen – von aussen und innen. Die Personalrochade im Führungsgremium scheint der richtige Ansatz. Obamas Sprecher Josh Earnest attestiert Clancy «viel Glaubwürdigkeit» – die braucht er, um den Secret Service wieder näher zu dessen Hollywood-Image zu führen.

Erstellt: 19.02.2015, 14:39 Uhr

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