«Dramatischer Rabatt bei den humanen Kosten»

Der Drohnenkrieg stellt einen zivilisatorischen Fortschritt dar, sagt Strategie-Experte Herfried Münkler im Interview.

Vernünftige Alternative: Amerikanische Drohnenpiloten beim Einsatz.

Vernünftige Alternative: Amerikanische Drohnenpiloten beim Einsatz. Bild: Keystone

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Am Dienstag hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International das Vorgehen der USA in Pakistan kritisiert. Drohnenangriffe, die dort durchgeführt würden, seien ausser­gerichtliche Hinrichtungen. Zudem kämen immer wieder Unschuldige ums Leben. Ist diese Kritik berechtigt?
Sie ist insofern ­berechtigt, als bei solchen Einsätzen natürlich nicht nur Terroristen zu Tode kommen, sondern auch Leute, die sich in deren Umgebung befinden. Auch fehlerhafte Identifikationen sind nicht auszuschliessen. Drohneneinsätze sind eine Antwort auf die Frage, wie man in einem Gebiet, in dem ein polizeilicher Zugriff unmöglich ist, Terroristen erwischen kann, etwa in Teilen Afghanistans, Pakistans, in Somalia oder in Jemen. Wie wir in Afghanistan gesehen haben, sind Reichtum und Opferbereitschaft des Westens nicht gross genug, um weltweit eine staatliche Ordnung herzustellen, innerhalb deren man Terroristen mit polizeilichen Mitteln verfolgen könnte.

Gegenüber dem pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif hat US-Präsident Barack Obama nun betont, man wolle Wege finden, um Pakistans Souveränität respektieren zu können. Lässt sich dies mit dem Krieg gegen den Terror überhaupt vereinbaren?
Wenn man annimmt, dass Pakistan gewisse Aufgaben, die es nicht selbst erledigen kann, an die USA delegiert hat, ist dies durchaus eine Form, Pakistans Souveränität zu respektieren. Schliesslich gab es Absprachen zwischen den Geheimdiensten beider Länder. Dann kam allerdings das Problem auf, dass aus dem pakistanischen Geheimdienst ISI immer wieder Informationen durchsickerten. Aus diesem Grund wuchs das Misstrauen der Amerikaner, sodass es schliesslich keine solchen Absprachen mehr gab. Was Sharif nun von den Amerikanern gefordert hat, war eine Rückkehr zum früher praktizierten Modell der Zusammenarbeit.

Von den Medien wird im Zusammenhang mit dem Drohnenkrieg immer wieder das Bild des Videospiels bemüht. Drückt der Krieger am Joystick schneller und bedenkenloser ab als der Kämpfer im herkömmlichen Krieg?
Ganz im Gegenteil. Wenn Infanteriesoldaten, die aus einem Helikopter abgesetzt werden, versuchen, eine Zielperson zu entdecken und zu töten, befinden sich diese Soldaten in einer dramatischen Stresssituation. Sie fürchten um ihr Leben, also ist die Wahrscheinlichkeit eines exzessiven Waffengebrauchs relativ hoch. Bei Jagdbombern ist diese geringer, denn sie bewegen sich in einer Flughöhe, in der sie für die gegnerische Luftabwehr so gut wie nicht erreichbar sind. Diese Unerreichbarkeit ist aber auch eine Folge der hohen Geschwindigkeit, die wiederum auf Kosten der Treffsicherheit und der Zielidentifikation geht. Hier stellen Drohnen eine vernünftige Alternative dar: Sie fliegen relativ langsam und bieten so die Möglichkeit der präziseren Identifikation einer Zielperson. Der Pilot am Joystick hat dadurch die Möglichkeit, genau hinzuschauen und sich gut zu überlegen, ob und wann er abdrückt. Der psychische Druck, der nach dem Schuss auf ihm lastet, kann sogar grösser sein als derjenige, unter welchem herkömmliche Krieger leiden.

Warum das?
Weil durch die Tatsache, dass sich der Soldat nicht in Lebensgefahr befindet, Selbstverteidigung als Legitimation für das Töten wegfällt. Der Drohnenkrieger denkt nach dem Einsatz unter Umständen darüber nach, ob er wirklich alles bedacht und nicht zu schnell geschossen hat. Psychisch ist das eine viel grössere Belastung.

Der Mann am Joystick mag länger nachdenken als ein Infanterist, aber führt eine Nation, die keine Truppen schicken muss, nicht leichteren Herzens Krieg?
Das mag so sein, wenn wir annehmen, dass Gesellschaften geil darauf sind, Kriege zu führen. Doch müssen wir auch bedenken, dass die Länder des Westens postheroische Gesellschaften sind. Ehre und Opfer sind für uns keine zentralen Begriffe mehr; diese haben wir durch andere Werte wie Wohlstand, Arbeit und Freizeit ersetzt. Also vermeiden wir es, uns auf Gefechtsfelder zu begeben, wo wir hohe Verluste erleiden könnten.

So gesehen ist der Drohnenkrieg ein zivilisatorischer Fortschritt.
Auf jeden Fall. Vor Kurzem habe ich ein Buch über den Ersten Weltkrieg abgeschlossen. Am 31. Mai 1916, dem ersten Tag der Schlacht an der Somme, haben die Briten innerhalb weniger Stunden 50 000 Soldaten verloren. Im Vergleich dazu bietet der Drohnenkrieg bei den humanen Kosten einen dramatischen Rabatt an.

Für die Öffentlichkeit ist der Einsatz von Drohnen untrennbar mit dem Namen Barack Obama verbunden. Ist der Drohnenkrieg auf einen strategischen Grundsatzentscheid des Präsidenten zurückzuführen oder führt Obama hier nur weiter, was sein Vorgänger George W. Bush begonnen hat?
Tatsächlich gab es einen Strategiewechsel, doch dieser fand bereits am Ende von Bushs Präsidentschaft statt, nämlich als die Amerikaner merkten, dass ihre ursprüngliche Strategie, also das Senden von Bodentruppen, wirtschaftlich zu teuer und politisch zu riskant war. Obama weitete den Drohneneinsatz weiter aus, was durchaus logisch war, schliesslich hatte er im Wahlkampf ja versprochen, Truppen aus Krisenregionen abzuziehen. Dies war nur möglich, indem er den Geheimdienstapparat an die Stelle des Militärs setzte. Diese Strategie hat sich als erfolgreich erwiesen: al-Qaida und andere Terrororganisationen haben seither Verluste hinnehmen müssen, die weit über das hinausgehen, was sie zuvor erlitten hatten.

Wie verschieben sich die strategischen Gewichte infolge des Drohnenkrieges?
Mithilfe von Drohnen gewinnt der Westen die Möglichkeit, einen Krieg so lange zu führen, wie er will. Das Problem vorher war, dass Organisationen wie al-Qaida in weit höherem Masse über die Ressource Zeit verfügten als wir: Wenn westliche Truppen irgendwo einmarschierten, fragten Medien und Öffentlichkeit spätestens nach einem Jahr, ob es nicht höchste Zeit sei, wieder abzuziehen. Im Gegensatz dazu mussten die Taliban in Afghanistan nur abwarten, bis Amerikaner und Europäer gingen.

Heisst das, dass Krieg von nun an nie mehr dasselbe sein wird?
Den klassische Duellkrieg zwischen Staaten halte ich in der Tat für ein Auslaufmodell. Doch an der Peripherie der Wohlstandszonen gibt es weiterhin heroische Gemeinschaften, die sich auf zwei Ressourcen stützen: eine materielle, nämlich viele Kinder, vor allem Buben, und eine ideelle. Damit meine ich die ­Religion als Bewirtschafterin des Opfergedankens.

Demnach stellt der Drohnenkrieg einen Zusammenstoss zwischen heroischen und postheroischen Gesellschaften dar.
Genau das ist das grosse Problem. Prototyp all dieser Entwicklungen ist der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Im Gazastreifen haben wir es mit einer heroischen Gemeinschaft zu tun. Die israelische Gesellschaft, die strukturell postheroisch ist, ist demgegenüber gezwungen, immer wieder Heroisierungspotenzial zu entfalten, um sich in diesem Umfeld zu behaupten. Nicht umsonst sind es die Israelis, die schon seit bald zwei Jahrzehnten gezielte Tötungen durch Drohnen durchführen.

Erstellt: 25.10.2013, 10:24 Uhr

Herfried Münkler (62) lehrt Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. (Bild: //www.sowi.hu-berlin.de)

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