Drogenboss «El Chapo» zu lebenslanger Haft verurteilt

Joaquin Guzmán ist von einem New Yorker Gericht schuldig gesprochen worden – überraschend in allen Anklagepunkten.

Illustration von der Verhandlung: «El Chapo» (M.) und seine Verteidiger. (7. Februar 2019)

Illustration von der Verhandlung: «El Chapo» (M.) und seine Verteidiger. (7. Februar 2019) Bild: Elizabeth Williams via AP/Keystone

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Im Prozess gegen den mexikanischen Drogenboss Joaquín «El Chapo» Guzmán kamen die zwölf Geschworenen zu einem Urteil: Überraschend sprachen sie ihn in allen zehn Anklagepunkten schuldig. Darunter unter anderem: Führung einer kriminellen Vereinigung, Herstellung und internationale Verbreitung von Kokain, Heroin, Methamphetamin und Marihuana sowie der Gebrauch von Schusswaffen und Geldwäsche. Guzmán muss für den Rest seines Lebens ins Gefängnis.

CNN berichtet, er habe seinen Schuldspruch ohne sichtbare Regung aufgenommen. Auch seine Ehefrau, die frühere Schönheitskönigign Emma Coronel, habe keine Reaktion gezeigt. Erst als die Jury den Raum verliess, habe Guzmán Coronels Blick gesucht und ihr zugewunken. Die beiden hätten sich angelächelt, Coronel daraufhin die Hand auf ihre Brust gelegt.

56 Personen im Zeugenstand

Guzmáns Verteidiger Jeffrey Lichtman hatte die Jury Ende vergangener Woche in seinem Schlussplädoyer noch dazu gedrängt, seinen Mandanten freizusprechen. Nicht «El Chapo» habe das berüchtigte Sinaloa-Drogenkartell angeführt, sondern sein flüchtiger Mitgründer Ismael «El Mayo» Zambada. Scharf ging Lichtman mit einigen Zeugen der Anklage ins Gericht. Er bezeichnete deren Aussagen als «Müll».

Staatsanwältin Andrea Goldbarg hatte dagegen eine Verurteilung Guzmáns in allen Punkten gefordert. Sie und ihre Kollegen hatten über elf Wochen hinweg 56 Zeugen in den Zeugenstand gerufen sowie Hunderte Dokumente und Dutzende abgehörte Telefonate aufgeboten. Sie schilderten bis in die grausamsten Details die extreme Gewalt und Korruption innerhalb des Drogenkartells. Die meisten der Zeugen sitzen in US-Gefängnissen ein. Unter ihnen waren frühere Partner und Mitarbeiter sowie eine frühere Geliebte des 61-jährigen Angeklagten.


Video: Die Geschichte von «El Chapo»

Lateinamerikaexperte Sandro Benini erzählt, wie «El Chapo» zu einem der mächtigsten Drogenbosse der Welt wurde.


Ein riesiges Spektakel in New York

Laut Anklage soll das Sinaloa-Kartell unter der Führung von «El Chapo» zwischen 1989 und 2014 fast 155 Tonnen Kokain und grosse Mengen anderer Drogen in die USA geschmuggelt haben. Die US-Regierung wirft Guzmán zudem vor, für den Tod Tausender Menschen verantwortlich zu sein. Der Drogenboss war in Mexiko verhaftet und Anfang 2017 an die USA ausgeliefert worden, wo er seitdem in einem Hochsicherheitsgefängnis in New York sitzt. Eine Todesstrafe war nach einer Absprache zwischen den USA und Mexiko ausgeschlossen.

Für die US-Anklagebehörde war das Verfahren an sich bereits ein Erfolg. Guzmán hatte sich in der Vergangenheit wiederholt der mexikanischen Strafverfolgung entzogen, indem er aus Gefängnissen floh. Für den Prozess in New York bedeutete das nicht nur hohe Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch die Garantie eines selbst für Big-Apple-Verhältnisse riesigen Spektakels.

Kein Antrag auf vorzeitige Entlassung möglich

Allein Guzmáns Weg zum Gericht machte Schlagzeilen: Um den Drogen­boss vom Hochsicherheitsge­fäng­nis in Downtown Manhattan zum Estern District Court in Brooklyn zu bringen, wurde an jedem Prozesstag die Brooklyn Bridge zeitweise ge­sperrt. In seiner Heimat Sinaloa, einem bergigen Bundesstaat im Westen Mexikos, wird «El Chapo» wie ein Heiliger verehrt. Die Furcht war gross, dass es dem Ausbrecherkönig mithilfe seiner Anhänger ein weiteres Mal gelingen könnte, zu entkommen. Bei seinem letzten Flucht­coup 2015 war «El Chapo» durch einen anderthalb Kilometer langen Tunnel entschwun­den – auf einem von Helfern bereitgestellten Motorrad.

Rund 35 Stunden über sechs Tage hatte die anonym gebliebene und streng abgeschottete, zwölfköpfige Jury aus acht Frauen und vier Männern über Guzmáns Schuld oder Unschuld diskutiert. Auch eine Verurteilung in nur einem oder einigen der Anklagepunkte hätte für Guzmán ebenfalls eine jahrelange oder lebenslange Haftstrafe bedeutet. Ein Freispruch schien angesichts der teils erdrückenden Beweislast sehr unwahrscheinlich. Er selbst schwieg im Prozess weitestgehend, meldete sich nur zu Wort, um zu sagen, dass er nicht aussagen werde. Ansonsten war Guzmáns Stimme nur auf mitgeschnittenen Telefonaten zu hören.

Richter Brian Cogan muss das Strafmass offiziell noch verkünden. Doch allein für den schwersten Anklagepunkt, die Beteiligung an einer Verbrecherorganisation, schreibt das Strafgesetzbuch der USA lebenslange Haft vor. «El Chapo» kann keinen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen und dürfte damit bis zu seinem Tod im Gefängnis bleiben. Guzmán ist derzeit in einem Hochsicherheitsgefängnis in New Yorks Stadtteil Manhattan eingesperrt. Offen ist, ob er seine Strafe dort absitzen soll oder in eine andere Haftanstalt verlegt wird. (red)

Erstellt: 12.02.2019, 19:52 Uhr

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