«Ein Foto des toten Bin Laden hätte den Charakter eines Beutebilds»

Rund um die Liquidierung von Osama Bin Laden in Nordpakistan gibt es viele Ungereimtheiten. Was ein USA-Kenner dazu sagt.

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Wollten die Amerikaner Osama Bin Laden lebendig festnehmen? Oder war es von Anfang an das Ziel der Kommandoaktion, den Terrorfürsten zu töten? Die Verlautbarungen aus Washington lieferten zunächst keine absolute Klarheit. Von US-Präsident Barack Obama stammt die Aussage, dass er Bin Laden festnehmen wollte, um ihn vor Gericht zu stellen. Beim Schusswechsel in einem abgeschirmten Anwesen in Abbottabad sei Bin Laden jedoch getötet worden, erklärte Obama am Sonntagabend. Inzwischen erklären Verantwortliche des Pentagons, dass es das erklärte Ziel der Aktion gewesen sei, Bin Laden zu töten. Sie sprechen von einer «Kill Mission».

«Solche Aktionen laufen nicht immer plangemäss ab», sagt Ignaz Staub, früherer Ausland-Redaktor des «Tages-Anzeiger» und USA-Korrespondent von 1999 bis 2004, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnetz. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass das Ziel einer militärischen Operation im Nachhinein ein anderes ist. Staub sagt aber auch, dass bei Einsätzen von Spezialeinheiten - der Navy Seals in diesem Fall - die Liquidierung des Gegners üblich sei. Dies habe der Pentagon-Korrespondent von CNN im TV erklärt. Die Tötung von Gegnern erfolge nur schon aus Gründen des Selbstschutzes. Man wolle verhindern, dass sich die Zielpersonen allenfalls mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagten.

USA veröffentlichen (noch) kein Beweisfoto

Eine weitere Ungereimtheit der Kommandoaktion im Norden Pakistans ist der Umstand, dass die US-Regierung bis jetzt keine Beweise für den Tod Bin Ladens präsentiert hat. Obwohl es laut Angaben des Pentagons Fotos gibt, die den am Kopf tödlich verwundeten al-Qaida-Chef zeigen. Diese Aufnahmen sollen echt sein - im Gegensatz zu jenen pakistanischen TV-Bildern, die in internationalen Medien veröffentlicht wurden, ehe sie als Fälschungen entlarvt wurden.

Nach Ansicht von Ignaz Staub verzichten die USA höchstwahrscheinlich aus PR-Erwägungen auf die Veröffentlichung von Fotos des toten Bin Laden. «Dies hätte den Charakter von Beutebildern», sagt Staub. Die USA wollten wohl den Zorn in gewissen Kreisen der islamischen Welt nicht noch zusätzlich provozieren. Der frühere USA-Korrespondent schliesst aber nicht aus, dass Fotos des toten Terrorfürsten doch noch veröffentlicht werden - falls der Druck auf Washington - auf Grund von Verschwörungstheorien - allzu gross wird. So habe Präsident Obama etwa, nach langem Drängen der amerikanischen Rechten, seine Geburtsurkunde doch noch in der ausführlichen Version veröffentlicht.

Rund um die Tötungsaktion der Amerikaner stellen sich weitere Fragen. Eine Frage betrifft die Seebestattung von Osama Bin Laden an einem unbekannten Ort. Regierungskreise in Washington liessen zunächst verlauten, dass die rasch durchgeführte Seebestattung gemäss islamischen Gepflogenheiten durchgeführt worden sei. Vertreter des Islams haben jedoch inzwischen erklärt, dass eine solche Bestattung im Islam nicht üblich sei. Offen ist auch die Frage, ob die Amerikaner eine Autopsie am Leichnam Bin Ladens vorgenommen haben. Im Weiteren liessen die USA zunächst lediglich verlauten, dass DNA-Proben genommen worden seien. Gemäss Berichten von Nachrichtenagenturen sagte inzwischen ein US-Behördenvertreter, dass die DNA-Analyse die Identität von Bin Laden zweifelsfrei bestätigt habe.

Liquidierung nützt Bin Ladens Märtyrertum

Nach Einschätzung Staub sind die USA letztlich wohl erleichtert, dass sie Bin Laden nicht den Prozess machen müssen. «Das wäre ein Hochsicherheitsprozess gewesen, der mutmasslich in New York hätte stattfinden müssen - und das hätte riesige Probleme gegeben.» Die Tötung Bin Ladens hat laut Staub in erster Linie symbolischen Wert. Im Terrornetzwerk al-Qaida habe der isolierte Bin Laden kaum noch eine operative Rolle gespielt. Die Reaktion der Amerikaner auf die Nachricht der Liquidierung Bin Ladens sei nachvollziehbar. «Diese Freude ist aber irgendwie auch leer, denn sie überdeckt viele Probleme Amerikas», sagt Staub. Die al-Qaida gebe es nach wie vor, in Afghanistan steckten die USA in zunehmenden Schwierigkeiten, auch im Irak hätten die Amerikaner ihre Ziele nicht erreicht. Auch mangle es nicht an gravierenden innenpolitischen Problemen.

Nicht zuletzt dürfte die Liquidierung von Osama bin Laden unter Islamisten seinen Status als Märtyrer stärken, wie Staub weiter erklärt. Laut Regierungsangaben hat sich der Terrorchef dem Angriff der US-Spezialkräfte «widersetzt». Ein Bin Laden, der sozusagen im Kampf ums Leben kommt, ist ein grösserer Märtyrer als ein Bin Laden, der vor Gericht steht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2011, 18:18 Uhr

«Solche Aktionen laufen nicht immer plangemäss ab»: Ignaz Staub, früherer Ausland-Redaktor des «Tages-Anzeiger», war von 1999 bis 2004 USA-Korrespondent.

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