Ein Franzose mahnt die Amerikaner zur Egalité

Ungleichheit ist ein amerikanisches Markenzeichen geworden. Nirgendwo schlug das gefeierte Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty deshalb wuchtiger ein als in den USA.

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter: Fashionistas posieren in New York während der Fashion Week, daneben sitzt ein Obdachloser. (7. September 2012)

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter: Fashionistas posieren in New York während der Fashion Week, daneben sitzt ein Obdachloser. (7. September 2012) Bild: Lukas Jackson/Reuters

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Vor nahezu 180 Jahren beschrieb Alexis de Tocqueville in seinem Buch «Über die Demokratie in Amerika» seinen französischen Landsleuten eine relativ egalitäre Gesellschaft. Vergangene Woche eilte ein Landsmann de Tocquevilles von einem US-Fernsehstudio ins nächste und verkündete das genaue Gegenteil: Die Vereinigten Staaten entwickelten sich zusehends zu einer ungleichen Gesellschaft, am Horizont ziehe gar ein «patrimonialer Kapitalismus» ererbten Geldes herauf, wie er zuletzt im 17. und 18. Jahrhundert in Europa zu finden war.

Der Überbringer der schlechten Nachrichten ist Thomas Piketty, Professor an der Paris School of Economics und Verfasser eines bahnbrechenden 700-Seiten-Schmökers über die ökonomischen Ursachen wachsender Ungleichheit in vielen westlichen Nationen. Der Titel seines Werks – «Das Kapital im 21. Jahrhundert» – mag an Karl Marx’ «Das Kapital» erinnern, Piketty aber versteht sich eher als Sozialdemokrat. Sein Buch schlug in den Vereinigten Staaten wie eine Bombe ein, erklärt es doch, warum gerade in Krisenzeiten Ungleichheit wächst und die Reichen immer reicher werden. Gestützt auf riesige Mengen historischer Einkommens- und Steuerdaten prophezeit Piketty eine weitere Verschärfung sozialer Ungleichheit, falls nichts dagegen unternommen werde.

Als «epochal» gefeiert

«Wahrhaft ausgezeichnet» sei das Buch, lobte Nobelpreisträger Paul Krugman. Andernorts wurde Pikettys Wälzer gar als epochal gepriesen. «Wer es gelesen hat, kann die Welt nicht mehr wie vorher sehen», befand etwa die TV-Moderatorin Krystal Ball vom amerikanischen Nachrichtensender MSNBC, bei dem Piketty zu Gast war. Auch dort legte der Franzose dar, dass der Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung besonders in Krisenzeiten zu wachsender Ungleichheit führe, weil die Kapitaleinkommen schneller wüchsen als die Volkswirtschaften. Wer hat, bekommt, lautet Pikettys mit Datenmassen untermauerte These.

Nirgendwo in der entwickelten Welt lässt sich dies besser verfolgen als in den USA: Während Löhne und Gehälter der meisten Amerikaner seit den Siebzigerjahren stagnieren oder nur mässig gestiegen sind, wurde oben abgesahnt: Um 165 Prozent wuchsen die Einkommen des reichsten Prozents, um 362 Prozent stiegen gar die Einkommen des reichsten Zehntels des reichsten Prozents an. Und just dann, als Pikettys Buch beim Onlinehändler Amazon die Bestsellerliste anführte, wurde bekannt, dass die US-Mittelklasse nicht mehr wie vormals die reichste auf Erden ist: Mittelklässler in Schweden, Kanada und anderswo leben inzwischen besser als die einstigen Spitzenreiter.

Auf dem Weg zu einer Oligarchie

Piketty steht kaum allein mit seiner Warnung, dass den Vereinigten Staaten noch grössere und politisch gefährliche Ungleichheit droht. Seine Rezepte dagegen lassen jedoch ausser Acht, wie sehr sich das Land bereits auf dem Weg zu einer Oligarchie befindet: Eine Erhöhung der Kapital- oder Erbschaftssteuern zusammen mit höheren Spitzensteuersätzen, wie sie der Franzose fordert, ist in die Vereinigten Staaten wegen des republikanischen Widerstands kaum mehr durchsetzbar. Seit der Wahl des Republikaners Ronald Reagan 1980 ist das Kapital am Drücker und haften den USA zunehmend plutokratische Züge an: Die Besteuerung von Kapitaleinkommen und Erbschaften wurde stark nach unten gedrückt, der Spitzensteuersatz gleichfalls.

Zur ideologischen Abfederung ihrer Geschenke für Reiche und Superreiche bedienten sich die Republikaner bei John F. Kennedy: «Eine steigende Flut hebt alle Boote», hatte der demokratische Präsident 1960 erklärt. Mit angebotsorientierter Wirtschaftspolitik, «Trickle-down-Theorie» und unermüdlicher Propaganda setzten vor allem republikanische Kongressmehrheiten und Präsidenten nach 1980 eine Maschinerie in Gang, die klar die reichsten Amerikaner begünstigt.

Legale Bestechung

Zumal mit Ronald Reagan ein Feldzug gegen die Gewerkschaften sowie eine nahezu religiöse Verklärung der Märkte begann. «Keine Heuchelei ist zu gross, wenn wirtschaftliche und finanzielle Eliten gezwungen sind, ihre Interessen zu verteidigen», schreibt Piketty über die französische Belle Epoque und könnte damit geradeso die Verzerrungen und Lügen meinen, mit deren Hilfe die politische Klasse in den Vereinigten Staaten Spitzenverdienern und Rentiers zu Diensten ist. Es hilft, dass amerikanische Reiche anders als europäische Reiche über einen Hebel verfügen, mit dem sie sich immer wieder Vorteile verschaffen können: Sie finanzieren amerikanische Parteien und Wahlkämpfe und schmieren damit ein politisches System legaler Bestechung.

Pikettys Vorschläge zur Linderung der Ungleichheit und zur Rettung liberaler Demokratie sind in den USA deshalb nur schwer umsetzbar: Neben der Reform der Wahlkampffinanzierung bräuchte es Gerichte, die den Trend zu einer amerikanischen Oligarchie stoppten, indem sie beispielsweise aufhörten, das Spendenunwesen unter Berufung auf die Redefreiheit zu legitimieren. Andernfalls garantieren horrende Spitzengehälter und die damit einhergehende Anhäufung vererblichen Kapitals eine stetige Aushöhlung amerikanischer Demokratie. Der Weg zur Bananenrepublik wäre irgendwann frei.

Erstellt: 24.04.2014, 22:33 Uhr

Der Autor: Thomas Piketty, französischer Ökonom.

Das Buch: «Capital in the Twenty-First Century».

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