Ein Mann weiss zu viel

Viktor Bout, der berüchtigtste Waffenhändler der Welt, ist an die USA ausgeliefert worden. Die Amerikaner hoffen, dass er auspackt. Seine Kontakte reichen bis in die obersten Etagen der russischen Regierung.

Er wartete mehr als zwei Jahre lang auf seine Auslieferung: Viktor Bout, bevor er im Oktober vor einem Gericht in Bangkok erscheinen musste.

Er wartete mehr als zwei Jahre lang auf seine Auslieferung: Viktor Bout, bevor er im Oktober vor einem Gericht in Bangkok erscheinen musste. Bild: Reuters

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Plötzlich ging es ganz schnell. Mehr als zwei Jahre hatte Viktor Anatoljewitsch Bout im Bangkwang-Hochsicherheitsgefängnis in Bangkok gesessen, hatte 20 Kilogramm an Gewicht verloren, war alle paar Monate in seiner orangen Knastkluft vor Gericht erschienen. So lange dauerte das juristische Tauziehen, nachdem er im März 2008 im Silom-Sofitel-Hotel in Bangkok amerikanischen Agenten in die Falle getappt war. Aber nur Stunden nachdem der thailändische Premierminister Abhisit Vejjajiva letzte Woche die Auslieferung des notorischen russischen Waffenhändlers an die USA beschlossen hatte, war Bout schon auf dem Weg nach New York.

Russland will nichts zu verbergen haben

Es war wertvolle Fracht, die da ausgeflogen wurde. Ein Privatjet stand bereit. Für die vielleicht wichtigste Flugreise seines Lebens (und Fliegen ist seit mehr als 20 Jahren sein Geschäft) war der 43-Jährige ungewöhnlich «verpackt»: An den Füssen Sandalen, auf dem Kopf ein Metallhelm; schwarzer Trainingsanzug, darüber eine schusssichere Weste; Handgelenke und Knöchel zusammengekettet. Im verdunkelten Geländewagen, bewacht von Soldaten in Kampfmontur, wurde er zum Flughafen spediert. Scharfschützen sicherten den Transfer.

Offenbar hatten die USA Angst, dass jemand versuchen könnte, das Problem Bout durch eine gezielte Kugel aus der Welt zu schaffen. Denn ein Problem könnte Bout (sprich «Buut») für einige Politiker oder Militärs dieser Welt werden. Auch wenn ein Sprecher von Russlands Präsident Dmitri Medwedew zwei Tage nach der Auslieferung beteuerte: «Wir haben nichts zu verbergen. Da gibt es keine militärischen und auch keine anderen Geheimnisse zu entdecken.»

Taxifahrer der Lüfte?

Bout behauptet seit Jahren, er sei nichts weiter als ein erfolgreicher Transportunternehmer, eine Art Taxifahrer der Lüfte. Die Amerikaner sind ganz anderer Meinung. Seit mehr als zehn Jahren versuchen sie, Bout das Handwerk zu legen. Mehrere UNO-Berichte haben Bouts internationale Waffengeschäfte detailliert beschrieben. Und trotzdem gelang es ihm immer wieder, einer Festnahme zu entkommen. Die letzten Jahre lebte er unbehelligt in Moskau. Das war nur möglich, so meinen Experten, weil er ausgezeichnete Beziehungen zum russischen Sicherheitsapparat hatte. Er hat gute Freunde bei den Silowiki, jenen Leuten aus den Sicherheitsdiensten, die unter Wladimir Putin in Russlands Machtapparat das Sagen haben.

Ein Name taucht in den Analysen der auf Sicherheitspolitik spezialisierten Denkfabriken immer wieder auf: Igor Setschin. Er ist ein Stellvertreter von Premierminister Putin und, vielleicht noch wichtiger, Chef der staatlichen russischen Erdölgesellschaft Rosneft. Setschin ist ein langjähriger Vertrauter von Putin aus St. Petersburg. Er gilt als Chef der Silowiki und als zweitmächtigster Mann Russlands – nach Putin und vor Medwedew. Als Putin 2000 Präsident wurde und Setschin zu seinem stellvertretenden Stabschef machte, klagten die russischen Medien, dass nichts über diesen Mann zu erfahren war. Sie hatten nicht einmal ein Bild von ihm.

Verbindung zu Setschin

Setschin und Bout waren in den Achtzigerjahren beide in den sozialistischen Brüderländern Moçambique und Angola stationiert. Die Sowjets unterstützten Angolas Regierung in einem der heftigsten Stellvertreterkriege des Kalten Krieges gegen Rebellen, die von den USA beliefert wurden. Setschin hatte in Leningrad Portugiesisch und Französisch studiert. Was den heute 50-Jährigen nach Afrika brachte, ist unklar; er sagt, er habe als Übersetzer im Militär gedient.

Das sagt auch Bout, aufgewachsen in Duschanbe, heute Hauptstadt von Tadschikistan. Doch alle Beobachter gehen davon aus, dass beide damals für den russischen Geheimdienst arbeiteten. Bout hatte ebenfalls Portugiesisch und Französisch studiert, am Militärinstitut für Fremdsprachen in Moskau, einer Kaderschule für Spione. Über seine Verbindung zu Setschin ist so viel geschrieben worden, dass Bout sich vor wenigen Monaten genötigt sah, dazu Stellung zu nehmen: «Ich hatte nie das Vergnügen, den Herrn Vizepremierminister kennen zu lernen.» Mag sein. Im selben Geschäft waren sie auf jeden Fall.

Brutaler Verteilungskampf

Bout wurde in den wilden Neunzigerjahren zum Geschäftsmann, in der Zeit nach dem Zusammenbruch der alten Sowjetunion. Sowjetisches Staatseigentum wurde privatisiert, indem mächtige Parteibonzen und einflussreiche Offiziere, aufstrebende Mafiabosse und gerissene Geschäftsleute sich nahmen, was sie konnten. Wer in dem brutalen Verteilungskampf kein «Dach» hatte, keinen Schutz einer schlagkräftigen Organisation, wurde aus dem Weg geschafft.

Inmitten dieser Wirren beschaffte sich Bout vier ausgediente Antonow-Transportflugzeuge der Sowjetarmee und startete ein Luftfrachtunternehmen in Angola, wo noch immer ein Bürgerkrieg wütete. Kontakte in der Luftwaffe hatte er. Das Geld, behauptet er, hätten sein älterer Bruder Sergei und seine Frau Ala aufgebracht.

Marktlücke entdeckt

Die Antonow-Propellermaschinen hinterlassen bei jedem Start eine dunkle Rauchfahne. Sie sind laut, ineffizient, nur mit dem Nötigsten ausgerüstet – und unverwüstlich. Sie wurden gebaut, um am sibirischen Polarkreis, im Ural oder in der Wüste Zentralasiens auf kaum befestigten, kurzen Pisten zu landen. Der afrikanische Busch ist für sie kein Problem; in Angola, wo es kaum noch befahrbare Überlandstrassen gab, hatte Bout praktisch ein Monopol. Er belieferte alle Seiten des Konfliktes. Wichtig war nicht die ideologische Ausrichtung, sondern die Zahlungsfähigkeit.

Bout hatte eine Marktlücke entdeckt. Und, noch wichtiger, er hatte zuverlässige Lieferanten für die Waffen. Überall im zerfallenen Sowjetreich waren Arsenale übrig geblieben: in Albanien, Bulgarien, Rumänien, der Ukraine. Eines der grössten befindet sich in Transnistrien, jener quasiautonomen Region Moldaus, die an die Ukraine grenzt. In Moldau hat Bout wiederholt Unternehmen und Flugzeuge registriert.

Transportunternehmer für Privatarmeen

Viktor Bouts Geschäft blühte. Er kaufte immer mehr Flugzeuge, lieferte in Konfliktregionen in ganz Afrika, in Südamerika und dem Nahen Osten. Sein Hauptquartier war in Sharjah, dem Nachbaremirat von Dubai, das wichtigste Drehkreuz für das Frachtgeschäft mit dem Irak und mit Afghanistan. Sein Geschäftspartner: Abdullah bin Zayed al-Saqr al-Nahyan, arabischer Scheich und Ex-Botschafter der Emirate in Washington.

Bouts Geschäftsmodell passte zur Privatisierung des Krieges in diesen Jahren. Ausgemusterte Elitesoldaten aus Russland, Südafrika oder dem Balkan gründeten Privatarmeen, die ihre Dienste an Rebellenchefs verkauften. Bout war ihr Transportunternehmer.

Wende ab 9/11

Bout hat Uno-Embargos missachtet, US-Verbote ignoriert und in fast alle Konfliktregionen der letzten 20 Jahre Kalaschnikows und Panzerfäuste, Hubschrauber und Artilleriegeschütze, Munition und Granaten – aber auch Whisky und Limousinen – geliefert. Bezahlt wurde er bisweilen mit Rohdiamanten.

Der 11. September 2001 brachte die Wende in Bouts Karriere. Plötzlich verdoppelte sich das Interesse westlicher Geheimdienste an verdeckten Finanzierungskanälen, dunklen Waffenschieberrouten und gefälschten Lieferzertifikaten. Und an Afghanistan. Bout gab seinen Wohnsitz in Sharjah auf, zog sich ins sichere Moskau zurück.

Legendärer Vorfall

Er hatte Waffen geliefert an die Mujahedin, an Ahmed Shah Massud, den legendären Chef der Nordallianz, der 2001 bei einem Attentat ums Leben kam. Er nennt ihn bis heute einen guten Freund. Auch die letzte afghanische Regierung nach dem Abzug der Sowjets und vor der Machtübernahme der Taliban, die Regierung von Burhanuddin Rabbani, belieferte Bout.

Dabei kam es zu einem legendären Vorfall. 1995 wurde ein Bout-Flugzeug, mit 30 Tonnen Waffen beladen, auf dem Weg von Albanien nach Kabul von Taliban-Kampfjets zur Landung in Kandahar gezwungen. Die russische Crew wurde mehr als ein Jahr lang festgehalten, während Bout und russische Diplomaten mit den Gotteskriegern verhandelten. Damals traf Bout auch Taliban-Chef Mullah Omar. Nach einem Jahr schaffte es die Crew, ihr Flugzeug wieder zu starten und zu flüchten. Der Film «Kandahar» erzählt diese Geschichte – Anfang 2010 ein Riesenerfolg in russischen Kinos.

«Kein Einzelagent»

Die «Los Angeles Times» fand 2002 heraus, dass die Taliban nach dem Kandahar-Vorfall Kontakte zu Bout knüpften und er ihnen Flugzeuge für Truppen- und Waffentransporte verkaufte. So sollen auch Kontakte zu al-Qaida zustande gekommen sein. Bout bestreitet das. Seit er in Moskau war, sprach er immer wieder mit der Presse, versuchte, sich in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Er und seine Anhänger betreiben sogar die Website Victorbout.com, die ihn als «geborenen Verkäufer mit einer unsterblichen Liebe zur Luftfahrt und einem ewigen Erfolgsdrang» beschreibt und alle Vorwürfe als «Fiktion» abtut.

Geheimdienste zeichnen allerdings auch für diese Jahre – also bevor er in Bangkok verhaftet wurde – ein anderes Bild von Bout. Informanten hätten ihn 2005 im Iran und 2006 im Libanon beobachtet, schreibt Sicherheitsexperte Douglas Farah in der Zeitschrift «Foreign Policy». Es sei um Waffenlieferungen für die vom Iran unterstützte Hizbollah im Libanon gegangen. «Bout ist nicht mehr ein Einzelagent, sondern Teil eines schnell expandierenden russischen Waffennetzwerkes», meint Farah.

Die Falle der Amerikaner

Zum Verhängnis wurden Bout Agenten der amerikanischen Antidrogenbehörde DEA, die sich als kolumbianische Farc-Guerilla ausgaben. Bout bot ihnen unter anderem Boden-Luft-Raketen an, die im Drogenkrieg gegen DEA-Flugzeuge hätten eingesetzt werden können. Bei dem von DEA-Agenten als «Verkaufspräsentation» beschriebenen Treffen im Bangkoker Sofitel-Hotel soll Bout von den Amerikanern als «gemeinsamen Feinden» gesprochen haben. Das Gespräch wurde heimlich aufgezeichnet.

«100 russische Boden-Luft-Raketen zu liefern, das sieht nach einem von der Regierung bewilligten Programm aus», schreibt die kritische Journalistin Julia Latinina vom Radiosender Echo Moskau. Die Farc haben in Kolumbiens Nachbarland Venezuela ein Rückzugsgebiet, zur Verfügung gestellt vom linken Präsidenten Hugo Chávez. Chávez pflegt enge Kontakte zu Russland, wo er unter anderem auch Waffen einkauft. Der russische Kontaktmann für Chávez: Igor Setschin. «Russland beliefert die Farc, genau wie die Amerikaner die Mujahedin belieferten. Das ist Russlands asymmetrische Antwort auf die verdammten Yanks», schreibt Latinina.

Für das misslungene Geschäft mit den Farc droht Bout in den USA eine lebenslange Haftstrafe. Er hat nur eine Alternative: Er muss Informationen preisgeben. Allerdings hat Russland einen Trumpf in der Hand: Bouts Familie lebt in Moskau. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2010, 21:20 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

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