Ein Video erschüttert Kolumbien

Kolumbiens rechter Präsidentschaftskandidat Zuluaga hat mit einem Hacker zusammengearbeitet und die Öffentlichkeit belogen. Trotzdem gilt er bei den heute stattfindenden Wahlen als Favorit.

Zuluaga bestreitet Echtheit: Video zeigt den Präsidentschaftskandidaten und Sepúlveda. (Quelle: Youtube/Semana)


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Óscar Iván Zuluaga hat gute Chancen, neuer kolumbianischer Präsident zu werden. Die meisten Umfragen sehen ihn beim heutigen ersten Wahlgang unter fünf Kandidaten auf Rang eins, und es sei ihm gar zuzutrauen, am 15. Juni beim Stichentscheid den wiederkandidierenden Präsidenten Juan Manuel Santos zu schlagen. Zuluaga gehört zur Partei Centro Democrático, gegründet vom ehemaligen Regierungschef Álvaro Uribe. Dieser hat sich mit seinem Nachfolger und früheren Verteidigungsminister derart zerstritten, dass in Kolumbien schon Bücher über die Dauerfehde erscheinen, etwa unter dem Titel: «Feinde: Warum sich Santos und Uribe so sehr hassen.»

Der 55-jährige Ökonom und einstige Wirtschaftsminister Zuluaga profitiert von Uribes anhaltend hoher Popularität, vom spröden Auftreten des amtierenden Präsidenten und vor allem von der weitverbreiteten Skepsis gegenüber den in Havanna stattfindenden Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der marxistischen Guerilla Farc. Zuluaga will die Gespräche nur fortsetzen, wenn die Farc einem einseitigen Waffenstillstand zustimmen. Da dies als ausgeschlossen gilt, würde sich die Regierung unter seiner Führung wohl vom Verhandlungstisch zurückziehen. Die Chance, einen seit fünfzig Jahren dauernden Konflikt zu beenden, bei dem fast eine Viertelmillion Menschen ums Leben gekommen sind, wäre vertan. Santos hat versprochen, einen allfälligen Friedensvertrag mit den Farc durch ein Referendum zu legitimieren.

Nicht einmal die Mails des Präsidenten sind sicher

Zuluaga und sein Übervater Uribe sind seit einigen Wochen in eine Affäre verstrickt, die zum wichtigsten Wahlkampfthema geworden ist. Es stellte sich heraus, dass Andrés Fernando Sepúlveda, ein Computerspezialist und Wahlkampfhelfer des Centro Democrático, sich illegalerweise Informationen über die Friedensverhandlungen in Havanna beschafft und die Mail-Accounts der Unterhändler sowie von Präsident Santos gehackt hatte. Sepúlveda sitzt mittlerweile im Gefängnis. Weil er angeblich auch auf den Servern amerikanischer Geheimdienste herumschnüffelte, droht ihm, was lateinamerikanische Verbrecher am meisten fürchten: die Auslieferung in die USA.

Als die illegalen Aktivitäten des IT-Spezialisten bekannt wurden, behauptete Zuluaga, er kenne ihn gar nicht. Sepúlveda sei ein Helfer unter vielen und lediglich damit beauftragt, auf sozialen Netzwerken die Wahlkampagne zu orchestrieren und gegen Eindringlinge zu schützen. Dann fiel ihm plötzlich ein, dass er dem Hacker bei einem kurzen Besuch in seiner Wahlkampfzentrale die Hand geschüttelt hatte. Kurz darauf publizierte das angesehene Magazin «Semana» auf seiner Website ein Video, das Zuluaga und seinen Wahlkampfleiter bei einem zwanzigminütigen Gespräch mit Sepúlveda zeigt. Dabei sprechen sie unter anderem über Abhörtechniken und die Verbreitung von Geheimdienstinformationen.

Tritt im Video ein Doppelgänger auf?

Der Präsidentschaftskandidat beteuert, das Dokument sei eine Fälschung. Obwohl er eindeutig zu erkennen und zu hören ist, verstieg er sich sogar zur Vermutung, auf dem Video trete ein Doppelgänger auf. Spezialisten der Staatsanwaltschaft hingegen sind zum Schluss gelangt, der Mitschnitt sei authentisch.

Gleichzeitig versicherte Uribe, vor vier Jahren seien zwei Millionen Dollar Drogengelder in Santos’ damalige Präsidentschaftskampagne geflossen. Als ihn die Staatsanwaltschaft aufforderte, Beweise vorzulegen und Quellen zu nennen, lehnte er ab. Zuerst müsse der zuständige Staatsanwalt ausgewechselt werden. Später sagte er, lediglich glaubwürdige Informationen über die illegale Wahlkampffinanzierung des amtierenden Präsidenten zu besitzen, aber keine Beweise. Woher die Informationen stammen, verschweigt er weiterhin.

Angesichts dieser bizarren Vorgänge betont die Mehrheit der Kommentatoren, wie wichtig der heutige Urnengang für Kolumbien sei. Zum einen gehe es um die Zukunft der Friedensverhandlungen mit der Guerilla. Vor allem aber stünden sich zwei Typen von Politikern mit ihrem jeweiligen Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gegenüber: Der solide, pragmatische, zwar nicht brillante, aber leidlich erfolgreiche Mitte-rechts-Politiker Santos. Und der rechtsnationale Zuluaga, der sich illegalerweise Informationen beschafft, die Öffentlichkeit belügt, mit abstrusen Ausreden abzuspeisen versucht und im Banne des Caudillos Uribe steht. Schon dessen Präsidentschaft zwischen 2002 und 2010 war von illegalen Abhöraktionen, der systematischen Diffamierung politischer Gegner sowie der Geringschätzung demokratischer Institutionen geprägt.

Da während der vergangenen Woche keine Umfragen mehr erlaubt waren, ist unbekannt, wie sich die Lügen- und Schmutzkampagnen des Duos Zuluaga/Uribe beim Stimmvolk auswirken. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie nicht nur Santos, sondern auch der linken Kandidatin Clara López oder dem grünen ehemaligen Bürgermeister von Bogotá, Enrique Peñalosa, Auftrieb verleihen könnten. Oder der konservativen früheren Verteidigungsministerin Marta Lucía Ramírez. Indessen geht das Gerücht um, es gebe 15 weitere Videos mit Treffen zwischen Zuluaga und dem Hacker.

Erstellt: 25.05.2014, 13:57 Uhr

In Erklärungsnot: Präsidentschaftskandidat Zuluaga. (Bild: Keystone )

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