Ein Zauderer zieht in den Krieg

Der Druck von innen wie aussen war schlicht zu gross. Barack Obama ist ein Krieger wider Willen.

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Barack Obama ist jetzt dort, wo er nie sein wollte: Er ist gefangen in der Logik militärischer Eskalation. Vor wenigen Wochen hat der US-Präsident erste Luftangriffe im Irak angeordnet, jetzt kämpft er auch im Nachbarland Syrien, in jenem Bürgerkrieg, den er immer meiden wollte. Ein bisschen Intervention führt zu mehr Intervention, und kaum jemand hat die Sorge davor so verinnerlicht wie Obama. Er kennt die Lehren aus Vietnam und dem Irak nicht nur – sie definieren ihn.

Nun führt Obama – oft, aber nicht immer zu Unrecht als Zauderer gescholten – Krieg in Syrien. Das ist traurig für ihn und für alle, die auf ein Jahrzehnt ohne US-Militärangriffe im Nahen Osten gehofft hatten. Es ist traurig, aber jede Alternative wäre noch trauriger gewesen. Die Terroristen vom Islamischen Staat, die weder den Namen «islamisch» noch «Staat» verdienen, begehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie haben jeden, der anders denkt, zum Feind erklärt, ihre Kalifatsträume sind grenzenlos. Hätte man sie heute nicht angehalten, müsste man es morgen tun, dann vielleicht schon im Libanon. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der IS eines Tages Terroranschläge im Westen plant.

Obama hat sich diesem Krieg nicht entziehen können, er ist ein Krieger wider Willen. Der Druck von innen wie aussen war schlicht zu gross. Die USA haben nach der Invasion 2003 so viel Geld und Energie in den Irak und dessen Armee investiert, dass Obama das Land nicht einfach einer Bande von Terroristen überlassen konnte, neben der selbst Osama Bin Laden noch so wirken würde wie ein Herr mit guten Manieren.

Das Problem ist nur, dass die Eskalationslogik hier so unerbittlich wirkt wie in Amerikas schlimmsten bisherigen Interventionen. Bekämpft man den IS im Irak, muss man ihn auch in Syrien bekämpfen, weil dort seine Hochburgen liegen. Kämpft man aus der Luft, muss man irgendwann auch am Boden kämpfen. Wenn Sonderkommandos nicht reichen, muss man schliesslich Bodentruppen schicken.

Wenn Obama also an diesem Mittwoch vor den Vereinten Nationen spricht, muss er der Welt die Wahrheit sagen. Die Wahrheit lautet: Ja, die USA haben viele, besonders arabische Verbündete gewonnen und ihre un­geliebte Rolle als Weltpolizist so legitimiert, wie es unter diesen Umständen möglich war. Aber zur Wahrheit gehört auch: Der Einsatz in Syrien ist womöglich völkerrechtswidrig. Es fehlt ein Mandat, das vom UNO-Sicherheitsrat abgesegnet und von der Weltgemeinschaft bewilligt wurde. Zudem ist der Feind äusserst zäh und beharrlich, und der islamistische Terror wird fortleben, wenn auch vielleicht mit neuem ­Namen. Und noch immer fehlt jede Strategie, um Syrien zu befrieden und künftig zu regieren.

Für Obama, den Zauderer im Krieg, ist das Bitterste vielleicht nicht einmal die Verstrickung der USA in eine neue Intervention ohne absehbares Ende. Das Bitterste ist die Frage, ob sein Modell der militärischen Zurückhaltung gescheitert ist. Ob der IS gar nicht so gewachsen wäre, wenn Amerika viel früher in Syrien eingegriffen hätte. Durch sein langes Zögern ist Obama jetzt womöglich erst recht zu all dem gezwungen, was er so sehr vermeiden wollte.

Erstellt: 23.09.2014, 23:19 Uhr

Nicolas Richter, Korrespondent in Washington, über den Kampf gegen den Islamischen Staat.

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